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ero langlotz
Administrator
Beiträge: 177 | Zuletzt Online: 19.07.2020
Name
Ero Langlotz
Beschäftigung
Psychiater und Systemtherapeut im
Hobbies
Musik - viola da gamba
Wohnort
80805 München
Registriert am:
12.09.2012
Geschlecht
männlich
    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "Ein kleiner Bericht zur schmerzlichen Sehnsucht nach der „Zwillings-Nähe“ -" geschrieben. 30.12.2019

      Lieber Phil,
      ich bin wieder sehr beeindruckt von deiner Kreativität und deinem
      Fingerspitzengfühl. Dadurch bleibt unser Konzept zwar immer "in progress"
      - statt endlich einmal abgeklärt in die "Halle der ewigen Wahrheiten" zu gelangen. Aber wie wir beide wissen, ist das ein gutes Zeichen. So bleiben auch wir in Bewegung.8-)
      Ero Langlotz

    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "Hochsensibilität" geschrieben. 27.11.2019

      Liebe Lena,
      danke dass du deine Erfahrungen zu diesem für viele Menschen so wichtigen Thema mitteilst! In der Tat gibt es viele, die glauben, eine symbiotische Beziehung sei bedonders glücklich. Es gibt sogar einen Familienaufsteller, der - selber überlebender Zwilling - seinen Klient*innen empfiehlt, den verlorenen Zwilling nicht zu verabschieden, sondern "in das eigene Leben mit einzubeziehen" - was immer das auch heissen mag?
      Es scheint, dass Menschen, die bewusst oder unbewusst eine andere Person in ihren "Identitätsraum" mit hinein nehmen - so als sei diese ein Teil von ihnen - dadurch in ihrer Unterscheidungsfähigkeit Ich versus Nicht-Ich beeinträchtigt sind, sodass sie sich auch gegenüber anderen nicht klar abgrenzen können! Und als Folge nicht so gut mit sich selbst verbunden sein können, d.h. ihr eigenes Selbst nicht so spüren können.
      Genau das hast du so schön in dieser kurzen Begegnung mit dem Tanzpartner beschrieben.
      Ich vermute, dass dieser Partner mit seinen Verschmelzungswünschen bei dir das Zwillingstrauma getriggert hat, inklusive der Schuldgefühle, ihm abzusagen!
      liebe Grüsse
      Ero

    • Heute füge ich noch eine Ergänzung ein, die ich für die englische Ausgabe geschrieben habe.
      Extinction Rebellion
      Inzwischen ist eine weitere Protestbewegung entstanden, die sich weltweit verbreitet, und die ich in der deutschen Ausgabe nicht berücksichtigen konnte. Den Lesern der englischen Ausgabe gegenüber aber will ich sie unbedingt erwähnen, umso mehr, da sie aus Grossbritannien kommt.
      Extinction Rebellion sieht zurecht in unserem toxischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem die entscheidende Ursache der globalen ökologischen Krise, die schon jetzt zu einem Artensterben unbekannten Ausmasses, zu Klimaveränderungen und Naturkatastrophen geführt hat. Die Mitglieder setzen sich ein für einen Systemwandel, und sie bereiten sich sehr sorgfältig und ernsthaft vor auf die notwendigen Einschränkungen, die auch für sie mit einem Systemwandel verbunden sind. Sie erproben neue, hierarchiefreie Gemeinschaftsmodelle und neue Gemeinwohl-orientierte Wirtschaftssysteme – die anstelle des einseitig Profitorientierten kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems treten sollen. Sie sehen, dass die Politiker – aufgrund des Drucks seitens der Konzerne einerseits und der Abhängigkeit von schlecht informierten Wählern andrerseits – unfähig sind, sachgerechte Lösungen vorzuschlagen und durchzusetzen. Um auf die Existenzbedrohende Krise hinzuweisen sehen sie daher die Notwendigkeit, ihr im Grundgesetz garantiertes Bürgerrecht auf Demonstration zu nutzen, um mit gewaltfreien Mitteln (Gandhi) immer wieder den Geschäfts-Betrieb des Gesellschaftssystems empfindlich zu stören – auch wenn ihnen persönlich Strafen oder Gefängnis dafür drohen. Sie schulen sich gegenseitig sehr sorgfältig für diesen gewaltfreien Widerstand, und verbinden das mit der Kreativität und Lebensfreude, welche durch die verinnerlichten Leistungserwartungen und durch einen erworbenen Konsumzwang unseres Wirtschaftssystems so oft erstickt wird. Diesen Druck auf Öffentlichkeit und Politik wollen sie solange aufrecht erhalten und steigern, bis diese die drohende Krise ernst nehmen. Und das kann lange dauern. In Indien hat es 37 Jahre bis zur Unabhängigkeit gedauert! Heute ist nicht mehr soviel Zeit. Und unser Wissen und unsere Fähigkeiten zur Vernetzung sind viel besser als damals.

      Die Mitglieder von Extinction Rebellion fordern von den Regierungen
      1. endlich die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die drohende ökologische Krise bekannt zu geben.
      2. den Klima-Notstand auszurufen, sofort zu handeln, und
      3. Bürger*innenversammlungen einzuberufen, die nach einem statistischen Schlüssel zusammengesetzt sind aus allen Bevölkerungsgruppen. Diese Bürger*innen-Versammlungen repräsentieren daher unterschiedliche Bevölkerungsgruppen. Sie diskutieren – beraten von Wissenschaftlern – die Situation und suchen nach Lösungen und schlagen diese der Öffentlichkeit und den Politikern vor.
      Das „Instrument“ Bürger*innen-Versammlung hat sich bereits in der Praxis bewährt. Im katholischen Irland hat eine Citizens´ Assembly die Themen Legalisierung der Homo-Ehe und eine liberalere Regelung von bisher verbotenen Schwangerschaftsabbrüchen diskutiert. Irlands damalige Regierung war sogar froh, die Entscheidung über so schwierige Themen nicht alleine verantworten zu müssen.
      Man könnte bezweifeln, ob das Instrument der Bürger*innen-Versammlung auch zu einer Losung der ökologischen Krise geeignet ist. Zumindest in Deutschland orientiert sich die Regierung immer noch mehr an den Forderungen der Automobilkonzerne, die vorrangig an ihrem kurzfristigen Profit interessiert ist und daher massiv gegen CO2-Steuer argumentiert, als an einem Gutachten der Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI), das sich explizit für eine wirksame CO2-Steuer ausspricht. Inzwischen melden sich jedoch auch Repräsentanten der Wirtschafts-, Finanz- und Versicherungs-Konzerne zu Wort, welche längerfristig planen und daher gezwungen sind, die erheblichen wirtschaftlichen und finanziellen Folgen der Klima-Katastrophe in ihre Überlegungen mit einzubeziehen. Der IWF1 z.B. fordert die Regierungen auf, das Ausmaß der drohenden Krise bekannt zu geben und sofort eine CO2 Steuer in Höhe von 75 $ zu erheben, damit Kapitalanleger und Versicherer nicht ihr Geld in Unternehmen anlegen, denen durch eine CO2-Steuer Verlust droht. Damit erhält die Bewegung Extinction Rebellion eine unerwartete Unterstützung für zwei ihrer zentralen Forderungen, und noch dazu von einer unverdächtigen Seite! Das heisst, wenn sie mit ihren gewaltfreien Störaktionen Druck auf die Öffentlichkeit (Wähler) und die Regierungen ausübt, damit diese wirksam gegen die ökologische Krise vorgehen, kann sie sich dabei auf die Argumente der Wissenschaftler und des IWF stützen!
      Und die geforderten Bürger*innen-Versammlungen, können die Argumente der Vertreter von Wissenschaft und der Autolobby und des IWF gegeneinander abwägen, um die Massnahmen zu befürworten, welche die Zukunfts-Interessen ihrer Kinder am besten gewährleisten.

      Fazit:
      Wenn Regierungen notwendige Entscheidungen zur Ökologischen Krise versäumen, weil sie sich korrumpieren lassen durch Lobbyisten und durch Vertreter der am kurzfristigen Profit orientierten Finanzkonzerne (Steuervermeidungskonzepte), dann muss die Öffentlichkeit Gegendruck machen. Die dafür erforderliche Veränderung des öffenlichen Bewusstseins ist bereits im vollen Gange, durch das Zusammenwirken unterschiedlicher Gruppen, Interessenvertreter und Fachleuten: wissenschaftliche Klimaforscher, Fridays for Future, Extinction Rebellion, langfristig planende Vertreter der Versicherungs- und Finanzkonzerne. Nicht zu vergessen die Whistleblower, welche die raffinierten und streng geheim gehaltenen Strategien korrupter Finanzkonzerne offenlegen. Und die kritischen Journalisten, Politik-Kabarettisten und Dokumentarfilmer die diese Erkenntnisse auf verständliche Weise verbreiten.
      Die vorliegende Schrift zeigt: Auch gesellschaftskritische Therapeut*innen können dazu beitragen, dass immer mehr Menschen erkennen, dass es Jahrtausende lange gezielte Traumatisierungen waren, die zu ihrer eigenen Anpassung, Unterwerfung und Bereitschaft zur Ausbeutung geführt haben. Sie lernen, ihre psychischen Blockaden zu erkennen und zu überwinden, um immer mehr sie selber zu werden: SELBST-bestimmt und autonom. Dann können sie sich entschiedener einsetzen für die wirklichen Interessen ihrer Kinder und Enkel:
      für den sofortigen Stop der bereits begonnen ökologischen Krise durch einen Systemwandel JETZT.

    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "Hochsensibilität" geschrieben. 23.08.2019

      liebe Lena,
      ja das musste ich auch erst lernen, dass Zwillinge mit lebendem Zwilling das gleiche Symbiosemuster haben wie alleingelassene Zwillinge. Meine Hypothese: die ersten gemeinsamen Monate zusammen mit einem Zwilling im Mutterleib haben bereits eine prägende Wirkung in Richtung "Leben im Zwillings-Modus"!? Auch da hilft die Abgrenzung um sich statt mit dem Zwilling wieder - oder vielleicht zum ersten mal! - mit sich selber identifizieren zu können.
      liebe Grüsse
      Ero Langlotz

    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "Hochsensibilität" geschrieben. 20.08.2019

      Hallo Lena,
      das ist eine wichtige Frage. Hochsensibilität ist immer mit geringer Abgrenzung verbunden, bisweilen gehört auch eine mediale "Begabung" dazu. Und geringe Abgrenzung ist meistens die Folge von Traumaerfahrung. Unter Umständen kann es auch eine sehr frühe Traumaerfahrung sein, z.B. der Verlust eines Zwillings im Mutterleib. Obwohl dieser Verlust meist zwischen der 8. und 14. Woche erfolgt - meistens auch von der Mutter nicht bemerkt - hinterlässt es in der Seele des "überlebenden Zwilling" eine lebenslang wirkende Spur: Die Betroffenen fühlen sich alleine, haben eine grosse Sehnsucht nach einem Wesen, mit dem sie so eins sein können wie mit einem Zwilling. Sie sind mit ihren Antennen mehr im Aussen als bei sich, und neigen dazu sich für andere verantwortlich zu fühlen, um für sie wichtig zu sein. Gleichzeitig haben sie Angst vor Nähe, Angst sich selber dabei zu verlieren, oder Angst, (wieder) verlasse zu werden. Wenn sie in einer traumatisierten Familie aufwachsen, neigen sie dazu, deren Traumata zu übernehmen. Ihre Verletzbarkeit - fehlende Resilienz - nimmt zu.
      Im Autonomiediagramm kann man selber die Einschränkung der Abgrenzung und der anderen Autonomie-Aspekte ablesen, aber auch nach erfolgreicher Therapie die Zunahme dieser Aspekte.
      Es gab ein Webinar zum Thema Hochsensibilität mit vielen Interviews, vor ca. einem Jahr. Und natürlich Bücher und Foren zu diesem Thema.
      Liebe Grüsse
      ero

    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "Symbiotische Beziehung Mutter/Sohn?" geschrieben. 26.06.2019

      Liebe Finnifee,
      ich antworte in deinen Text

      Du schriebst:
      Es geht um meine Schwiegermutter ( 73 J. ) und um ihren Sohn ( mein Schwager ), der 52 Jahre alt ist :

      Der Sohn ist seit 10 Jahren lebensuntüchtig, hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, sowie zwei Kinder bei denen er den Kontakt abgebrochen hat und auch keinen Unterhalt zahlt.

      Er hält sich mit Hilf- und Nebenjobs anscheinend über Wasser, doch keiner weiß etwas genaues, weil er darüber nicht spricht & dies verweigert.

      Vor 15 Jahren wurde bei ihm eine Depression diagnostiziert, die er heute noch gerne für sich deklariert ( verliebt ins eigene Drama, ich bin das Opfer, Schuldzuweisung an die Mutter )

      Erschwerend hinzu kommt, dass er seiner Mutter ständig diese Schuldzuweisungen macht mit agressiven Tendenzen, im Sinne davon :
      "Du bist an allem Schuld, ich hatte die schlechtestens & schlimmsten Eltern die er sich je vorstellen konnte"

      Dazu nutzt er seine Mutter finanziell aus und bittet immer nach den Vorwürfen & den Schuldzuweisungen um Geld, erfindet vermutlich Dinge, wie Waschmaschine kaputt, Geldbeutet geklaut u.ä.

      Wenn die Mutter von ihm etwas verlangt, verweigert er das.
      Er hat dann keine Zeit, oder wieder mal eine selbsternannte depressive Phase.

      Die Mutter bestärkt sein Verhalten, indem sie im ständig Geld gibt, seine Rechnungen bezahlt & mit ihm essen geht.
      Nimmt ihn unbewusst in Schutz, dabei ist sie diejenige die dringend vor ihm geschützt werden sollte.
      Sie kann sich nicht wehren, hat das Spiel nicht durchschaut.

      Er hingegen tut nichts für seine Mutter.

      Der Kontakt zu seinem Bruder hat er abgebrochen, weil er mich als "schlimm" deklariert hat.

      Warum er das getan hat, weiß ich.
      Denn ich bin die einzige die seine missbräuchlichen, manipulativen Spielchen durchschaut hat.
      Würde er mir gegenüberstehen, würde ich ihn konfrontieren.

      Um diese Verweigerungstaktik aufrecht zu erhalten muss er natürlich vordergründig Menschen als "schlimm oder unwürdig" deklarieren.
      was du beschreibst, klingt so als handele es sich um symbiotisches System, bei dem auch dein Mann betroffen ist. Meist ist das Symbiosemuster die Überlebensstrategie eines traumatisierten Systems.
      Es scheint, dass du über deinen Schwager urteilst - ohne das Trauma der Familie zu kennen, geschweige denn zu achten. Systemisch gesehen steht dir das gar nicht zu. Du bist in diesem System nicht zuständig und kannst daher auch nichts bewirken.
      Nur da wo du zuständig bist, kannst du auch etwas bewirken. Das ist in deiner Beziehung zu deinem Mann.
      Da wo deine Grenzen verletzt werden, oder du nicht als Partnerin geachtet wirst, hast du das Recht dich zu schützen und zu wehren.


      Was ist nun zutun, was wäre ratsam?
      Die Mutter kommt bald zu uns, sie möchte sich entspannen von dieser Situation.
      Wie lange wäre ein Aufenthalt sinnvoll?
      Das musst du mit ihr entscheiden, nach dem was sie sich wünscht - und was du zu geben bereit bist.
      Wären das 6 Monate? Und wäre eine Therapie für die Mutter sinnvoll, um den am Rockzipfel hängenden Sohn mit Ignoranz einmal in die Schranken zu weisen?
      Du hast da - ungefragt - schon genaue Vorstellungen - obwohl du da gar nicht zuständig bist!
      Mit freundlichen Grüssen
      Ero Lanlotz


      Ich freue mich sehr auf Antworten

    • Kap. 12 Anleitung zu Self-Empowerment

      Anstatt sich Sorgen über die Zukunft zu machen,
      sollte man versuchen, sie zu verändern, solange man es noch kann.
      Und genau das müssen wir jetzt tun. Wir haben gar keine andere Wahl.
      Greta Thumberg,15 Jahre


      12.1 Dein SELBST
      Dein Selbst gehört zu deiner „Grundausstattung“ dazu. Zusammen mit deinem Leben hast du es von der Natur, von „Mutter Erde“ bekommen. Durch dein SELBST bist du Teil dieses „größeren Ganzen“ , darin besteht deine Würde, das gibt dir deinen Wert – unabhängig davon ob du etwas leistest oder für andere „nützlich“ bist. So wie eine Rose ihre Würde, ihren Wert in sich hat, einfach dadurch dass sie d a i s t.
      Auch wenn du nicht mit ihm verbunden bist, selbst wenn du noch nie verbunden warst, es ist als Potenzial unverlierbar, es ist unzerstörbar.
      Dein SELBST ist dein Wesen, das dich einzigartig macht, unverwechselbar. Es ist mehr ein Potenzial, eine Anlage. Es konnte sich entwickeln, wenn es von deiner Familie gesehen und geachtet wurde, und wenn du in dieser Familie dich abgrenzen durftest, NEIN sagen durftest, sodass du einen eigenen Raum „in Besitz“ nehmen konntest, in dem sich dies SELBST entfalten und differenzieren kann.
      Wenn du mit deinem SELBST verbunden bist, dann kennst du deine Bedürfnisse und Überzeugungen. Dann spürst du deine eigenen „intrinsischen“ Motive – an denen du dich orientieren kannst, um SELBST-bestimmt (autonom) leben zu können. Das macht dich zufrieden, gibt dir ein Gefühl von Sinn, von Glück.
      Wenn du mit diesem SELBST verbunden bist – das seinen Wert in sich hat - dann kannst du dich auch so zeigen, wie du wirklich bist – unabhängig davon, ob das anderen gefällt. Dann wirkst du auf andere authentisch, echt und … anziehend. Wenn du dann einem Menschen begegnest, der in gleicher Weise bei sich ist, dann kann eine Bindung durch Anziehung entstehen – statt wie meist durch Abhängigkeit. Dann wird eine ICH-DU Begegnung möglich.
      In diesem Gedicht versuche ich das auszudrücken:


      Dein Selbst ist wie eine Rose....

      Die Lust der Rose liegt darin, zu erblühen, ihre Schönheit zu zeigen, ihren Duft zu verschwenden und sich in eine Frucht zu verwandeln.
      Dein Selbst ist wie eine Rose,
      sie möchte sich entfalten, sich zeigen,
      geben und empfangen ...
      Freude und Schönheit ...
      Liebe und Weisheit ...

      Um sich zu öffnen, braucht sie einen RAUM
      der entsteht durch die vier Gewissheiten:
      Ich darf da sein ...
      Ich bin richtig, so wie ich bin ...
      Ich bin es wert, geliebt zu werden...
      Ich darf mich schützen … (die Dornen!)
      Das hat ihr die Natur mitgegeben, wie Kelchblätter,
      und dazu die Dornen, welche die Rose schützen.

      Bisweilen jedoch wagt die Knospe nicht, sich zu öffnen,
      Vielleicht hat sie jemand verschreckt, hat ihr gesagt,
      Sie habe nicht das Recht da zu sein ...
      Sie sei falsch, dürfe nicht eine Rose sein ...
      Sie habe nicht das Recht, gesehen, bewundert, geliebt zu werden ...
      Sie dürfe sich nicht wehren, ihre Dornen nicht zeigen ...
      Dann verschwinden Freude und Schönheit, Liebe und Weisheit ersticken unter einem grauen Schleier von Unterwerfung und Zwang.

      Um sich wieder zu öffnen, um zu erblühen braucht es dann jemanden, der sie an das erinnert, was sie im Innersten schon immer wusste.

      Ero Langlotz, 17.7.08


      Du fühlst durch dieses Gedicht angesprochen? Du spürst vielleicht eine Sehnsucht nach einer derartigen SELBST-Verbindung? Aber du merkst, dass du noch nicht in dieser Weise mit dir selbst verbunden bist. Vielleicht, weil deine Eltern – selber traumatisiert – dir das nicht vermitteln konnten, oder weil du selber Verlust oder Gewalt erlebt hast.


      12.2 Erkenne was deinem SELBST im Wege steht!

      Dann gehörst du vielleicht zu der Mehrheit, die sich noch im Symbiose-Muster befindet, geprägt von einer Untertanen-Struktur?
      • Du spürst mehr die Wünsche und Bedürfnisse deines Gegenübers – als die eigenen?
      • Du beschäftigst dich mehr mit den Problemen anderer – als mit deinen eigenen?
      • Du verwendest deine Kraft weniger, um dich selber vor anderen zu schützen – als gegen dich zu richten in Form von Selbst-Zweifel und Selbstwert-Problemen und Depressionen?
      Das Erkennen der eigenen Untertanen-Struktur ist der erste Schritt! Fatal ist, dass wir revolutionäre Ideen vertreten können – und gleichzeitig selber noch unbewusst von einer Untertanen-Struktur beeinflusst sind! Das mussten die Revolutionäre am eigenen Leibe erleben, daran scheiterten bisher die Revolutionen. Um den Teufelskreis von Macht und Unterwerfung zu durchbrechen, ist es daher erforderlich, die eigene „Untertanen-Programmierung “ zu erkennen und zu lösen.
      Der Autonomie-Fragebogen und das daraus abgeleitete Diagramm (Anhang) erlauben in fünf Minuten, die Ausprägung des eigenen Symbiosemusters – aber damit auch das bisher nicht ausgenutzte Potential zu erkennen.
      Ein Initiatisches Autonomie-Training (Anhang) ermöglicht es, das eigene Symbiose-Muster (z.B. ein Abgrenzungsverbot) zu erkennen und aufzulösen.
      Das führt zu einer schrittweisen Veränderung der eigenen Struktur in Richtung Autonomie und SELBST-Bestimmung.

      Autonomie-Modus
      Die Voraussetzungen für Autonomie und Selbstregulation lassen sich wie folgt beschreiben:
      1. Du kannst dich selber – und jeden anderen – wertschätzen, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und Religion, und unabhängig davon, ob der Betreffende etwas leistet.
      Diese „Würde des Menschen“ ist zwar als Grundrecht im Grundgesetz verankert, aber in der gesellschaftlichen Wirklichkeit noch nicht realisiert.
      2. Du hast ein Bewusstsein davon, das Recht auf einen eigenen Raum zu haben.
      Dies Bewusstsein setzt die Fähigkeit einer Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremden voraus. So entsteht ein Bewusstsein einer Grenze zwischen mir und dem Gegenüber.
      3. Du hast ein Bewusstsein, das Recht zu haben, deinen eigenen Raum gegenüber dem anderen schützen zu dürfen.
      Nur so ist es möglich, sein Kraftpotenzial gesund in der Abgrenzung zu entfalten, statt es destruktiv gegen sich selbst zu richten. So ist es möglich, eine eigene Identität zu entwickeln, das Bewusstsein für ein eigenes SELBST, welches wiederum Voraussetzung ist für SELBST-Achtung, für ein SELBST-bestimmtes Leben, für SELBST-Regulation.

      Das Symbiosemuster
      Das Symbiosemuster (Der „Agenten-Modus“, Die Untertanen-Struktur) ist, wie oben in Kap. 6 ausgeführt, nicht allein durch die kollektive Selbst-Entfremdende Doktrin der Kirche entstanden. Es ist das gemeinsame End-Resultat ganz unterschiedlicher Formen von Traumatisierungen, kollektiver, familiärer oder individueller Art. Es ist gekennzeichnet durch ein – mehr oder weniger ausgeprägtes -
      1. Verbot eines Rechtes auf SELBST-WERT,
      2. Verlust der Fähigkeit zur Unterscheidung (Differenzierung) zwischen ICH und DU, der Unterscheidung zwischen eigenem und fremden Raum.
      3. Verbot des Rechtes, eine Grenze zum Gegenüber wahrzunehmen und
      4. Verbot, die eigene Kraft für die Abgrenzung einzusetzen, um den eigenen Raum zu schützen.


      12.3 Dein Potenzial ist unverlierbar und unzerstörbar
      Auch wenn durch eine jahrhunderte-lange traumatisierende Selbst-entfremdende Erziehung die ursprüngliche Autonomie-Struktur in eine „Untertanen-Struktur“ verformt wurde, wiederhole ich:
      Dein Potenzial für Autonomie und Selbstregulation ist unzerstörbar.
      Täglich sehe ich in meiner Arbeit, wieviel Energie und welch großes Veränderungs-Potenzial durch das Verlebendigen des SELBST, durch das Wieder-Anschließen an das Selbst bei jedem Einzelnen frei wird.
      Das zeigt sich auch an den Wellen von Aufbruchs- und Veränderungsbewegungen, die um den immer mehr vernetzten Globus laufen – den Interessen der Superreichen zum Trotz.
      Aber auch im Alltag erleben wir immer wieder, dass Menschen spontan Zugang zu ihrem Kraftpotenzial bekommen. Nicht selten ist es eine Krise - die Konfrontation mit einer schmerzenden Realität, z.B. mit der eigenen Sterblichkeit oder einer Erfahrung der Todes-Nähe - welche erlaubt, das Illusionäre der eigenen Überlebensstrategie, der eigenen „posttraumatischen Trance“ zu erkennen, und sich daraus zu befreien.

      "Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen1"
      (Einsichten, die Ihr Leben verändern werden | Bronnie Ware, Wibke Kuhn | ISBN: 9783442341290 | )
      Die Australierin Bronnie Ware arbeitete 5 Jahre als Palliativpflegerin - für Todkranke, für Sterbende, für die, die ihren Tod kommen sehen, und die, die nichts davon wissen wollen. Sie begleitete ihre Patienten zu Hause in den Tod - und hörte in den Wochen, Tagen und Stunden in den Gesprächen mit den Sterbenden stets dasselbe Bedauern und dieselben Vorwürfe: das Bedauern darüber, nicht das Leben gelebt zu haben, das sie sich gewünscht hatten. Reue angesichts der Entscheidungen, die man getroffen oder nicht getroffen hat. Vorwürfe gegenüber sich selbst, weil diese Erkenntnis erst kam, als es bereits zu spät war. Dabei stieß sie immer wieder auf diese Themen:
      Ich wünschte
      1. ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben
      2. ich hätte nicht so viel gearbeitet
      3. ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken
      4. ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrecht erhalten
      5. ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein
      In diesen Themen finden wir das eine Grundthema: die Sehnsucht nach einer Verbindung mit dem eigenen wahren Selbst, die ein Selbst-bestimmtes Leben ermöglicht. Das heißt, hinter der Fassade der Anpassung an vermeintliche Zwänge bleibt unzerstörbar das Wissen um das Eigentliche. Aber dies Wissen muss offensichtlich befreit werden von den anerzogenen Blockaden, entweder durch die Konfrontation durch eine unabwendbare Not, oder durch Einsicht – oder durch eine Kombination beider Faktoren. Damit das Eigentliche erkannt werden kann, muss erst die illusionäre Sicherheit zerbrechen.

      12.4 Entdecke dein eigenes Potenzial!
      Das Problem: Wenn du dein SELBST gar nicht kennst, weil es durch Konditionierung verdrängt ist und du dich als Ersatz an „Surrogate“ gewöhnt hast, - an Leistung, Konsum, Besitz, Drogen - wie kannst du dann die Surrogate loslassen und dich auf ein Selbst einlassen, das du ja gar nicht – oder nur kaum – kennst? Das kann wie eine Falle sein! Das Aussteigen aus dieser Falle wird möglich, wenn das Bedürfnis nach SELBST-Verbindung immer stärker wird – oder wenn sich deine Surrogate in einer Krise als Illusion erweisen. Bisweilen kommt auch Beides zusammen.
      Es geht hier um
      1. dein Wieder-Anschließen an das eigene SELBST, dazu bedarf es
      2. der Wiederherstellung deiner STRUKTUR, welche erst die SELBST-Verbindung (Autonomie) ermöglicht: Abgrenzung, Grenze, eigener Raum, und die Befreiung des unterdrückten (und selbstschädigend gegen das SELBST gerichteten) Aggressionspotentials.
      Diese Aspekte sind miteinander kausal verknüpft, das heißt sie bedingen sich gegenseitig.
      Du wunderst dich, dass ich hier Übungen und Rituale vorschlage? Konditionierungen sind im Körper gespeichert. Daher können sie nicht allein durch Worte gelöst werden, sondern nur durch neue körperliche Erfahrungen.


      Wieder-Anschließen an das eigene SELBST
      Erinnern wir uns an die Beschreibung des SELBST:
      • Du hast dein SELBST – sozusagen als „Grundausstattung“. Auch wenn du es nicht kennst, oder nicht benutzt (wenn es noch „originalverpackt“ ist), es ist dein unverlierbares Potenzial.
      • Dein SELBST ist - wie auch du – eine Gabe der schöpferischen Natur, welche die Erde und alles Leben hervorgebracht hat.
      • Daher hast du von Geburt an einen Wert und eine unverlierbare Würde – und musst dir diesen Wert nicht erst erwerben, z.B. durch Leistung!
      • Daher weißt du um deine Verbindung mit dem schöpferischen Ganzen - dessen Teil du ja bist – und spürst Verantwortung für die Schöpfung.
      • Daher hast du in dir ein starkes Bedürfnis, mit diesem SELBST verbunden zu sein. Denn
      • die Verbindung mit deinem SELBST gibt dir das tiefe Gefühl von Selbstwert, von Zufriedenheit und Glück, nach dem du dich schon immer gesehnt hast.
      Ein Ritual kann dir helfen, wieder eine Verbindung mit deinem SELBST zu spüren - das sich als Teil des größeren Ganzen weiß - das du einzeln (Imagination) oder – wie hier beschrieben – mit anderen durchführen kannst.

      12.5 RITUAL DER SELBST-ACHTUNG
      Manche beklagen sich bitter, dass sie von anderen missachtet werden. Aber können sie denn sich selber – und die anderen - achten? Und ist das nicht die Voraussetzung dafür, von anderen geachtet zu werden?
      Dazu stellst du dich im Kreis auf und fasst die neben dir Stehenden an den Händen. Als Vorbereitung erinnerst du dich an eine Situation, als du tief berührt warst durch ein Erlebnis der Natur. Der Teil in dir, der da berührt wurde, ist dein Wesenskern, dein SELBST.

      Zunächst verneigst du dich tief, drei Atemzüge lang, vor der schöpferischen Natur, die dich hervorgebracht hat, die dich trägt und nährt, und deren Teil du bist: die Natur, das Transzendente, der Kosmos - oder „Mutter Erde - oder dem TAO. Dadurch spürst du in dir den Teil, der sich dieser Verbindung bewusst ist: dein Wesen, dein SELBST. Dein SELBST hat durch diese Verbindung mit dem Grösseren eine Würde, einen Wert in sich, unabhängig davon, ob du etwas leistet oder ob du gebraucht wirst oder nützlich bist.
      Im Bewusstsein, dass auch dein Gegenüber ein Teil des grösseren Ganzen ist, verneigst du dich als zweites vor dessen Selbst – auch wenn er vielleicht selber mit seinem SELBST nicht verbunden ist.
      Und da auch du dein eigenes SELBST nicht geachtet hast, verneigst du dich schließlich vor deinem Selbst.
      So bekommst du eine Achtung für dein SELBST, diese innere Instanz, die sich verbunden fühlt mit dem größeren Ganzen, und daher ihre Verantwortung kennt für das größere Ganze, das dich hervorgebracht hat, das dich trägt und nährt. Dieser innere Kern deines Selbst ist unzerstörbar und er kann nicht verloren gehen.
      Ich wiederhole: durch die Verbindung mit dem größeren Ganzen hat jeder Mensch seine Würde in sich, das heißt unabhängig davon, ob er etwas leistet oder ob er nützlich ist oder gebraucht wird – so wie eine Rose ihren Wert alleine dadurch hat, dass sie da ist. Je besser wir mit diesem SELBST verbunden sind, umso besser können wir selbstbestimmt leben, in Achtung für den anderen und mit Verantwortung für unsere Erde leben.

      Wiederverbindung heißt RE-LIGIO. Diese Haltung könnte man daher als UR-RELIGION bezeichnen. Durch diese Wieder-Verbindung mit dem größeren Ganzen, und damit auch mit unserem SELBST entsteht unter uns eine Gemeinschaft der Ebenbürtigen. Durch diese gegenseitige Achtung geschehen Beziehungen auf Augenhöhe und sind geprägt von einem gegenseitigen Austausch im Geben und Nehmen.

      12.6 GEBET AN DIE ERDE

      Dir verdanke ich mein Leben
      du nährst mich jeden Tag.
      Ich achte dich,
      indem ich mich achte als dein Geschöpf,
      und indem ich alle anderen achte,
      die auch deine Geschöpfe sind,
      Pflanzen und Tiere.

      Ich achte meinen Ursprung
      indem ich die Erde schütze,
      und indem ich die anderen schütze,
      die du hervorgebracht hast,
      Tiere wie Pflanzen.
      Ich stelle mich denen entgegen,
      die diese Erde
      und ihre Geschöpfe benutzen und zerstören.

      Das Leben, das ich von dir empfangen habe
      gebe ich weiter,
      an meine Kinder und Kindeskinder.
      Und ich lehre sie,
      dich zu achten,
      und sich zu achten,
      und alle die in dir ihren Ursprung haben,
      die du hervorgebracht hast,
      Pflanzen und Tiere.
      So wie ich mich nähre von anderen,
      von Pflanzen und Tieren,
      so werde auch ich einmal Nahrung sein
      für andere.
      Ein Geben und Nehmen.




      12.7 Befreie dich von deinen Blockaden
      Um die eigene „Untertanenstruktur“ zu entdecken – „Abgrenzungsverbot“ und fehlender eigener Raum - und zu verändern, ist wieder eine Übung erforderlich. Die Zusammenhänge werden erklärt (mentale Ebene) und durch die Übungen vom „Körpergedächtnis“ verinnerlicht. Nur so lassen sich Konditionierungen lösen.

      „Seelische Leibeigenschaft“ Folge von Trauma und seelischer Unterdrückung
      Wir alle kennen seelische Abhängigkeit in Familie und in der Arbeit, welche deutliche Parallelen zur Leibeigenschaft aufweisen. Daher könnte man sie auch bezeichnen als „seelische Leibeigenschaft“.
      Diese seelische Leibeigenschaft beschreibe ich im Folgenden dadurch, dass ich die Verhältnissen der realen Leibeigenschaft, wie sie über Jahrhunderte in Europa existierte, als Modell verwende. Um eine gendergerechte und dennoch lesbare Form zu finden, verwende ich für Leibeigene die weibliche, für Herr*in die männliche Form. Das entspricht auch dem patriarchalen Machtgefälle:
      Die Leibeigenen bewohnen einen Raum (oder Territorium), der ihr Eigentum sein könnte. Aber sie haben gelernt, dass dieser Raum einem anderen gehört: dem Herren. Der Herr hat daher das Recht, den Raum der Leibeigenen zu betreten, und über diesen Raum zu verfügen. Da die Leibeigenen somit glauben, kein Recht zu haben, ihren Raum zu besitzen und gegen den Herren zu schützen, wird der Teil ihrer Person, der dieses Recht hat (ihr Selbst), überflüssig, ja gefährlich da es die Unterordnung stören könnte: sie lernen, ihr SELBST zu unterdrücken, abzuspalten. Ohne Selbst und ohne Selbst-Wert orientieren sie sich nun nach den Ansichten und Bedürfnissen des Herren, statt nach ihrem Selbst. Sie überlassen dem Herren ihren Raum, bzw. der Herr besetzt ihren Raum. So wird der Herr zum „Introjekt“2 Der Wert der Leibeigenen wird davon bestimmt, wie nützlich sie für den Herren sind. Die Leibeigenen haben kein Recht, sich nach ihren eigenen Bedürfnissen und Interessen zu orientieren. Im Gegenteil, sie machen sich dadurch schuldig und können dafür vom Herren bestraft, ja sogar zu Tode geprügelt werden – ohne dass der Herr dafür zu Rechenschaft gezogen werden könnte! Damit nicht genug, sie können auch im Territorium – im Raum des Herren - des Herren zu (Fron-)Diensten herangezogen werden. So lernen sie, sich auch im (eigentlich fremden) Raum des Herren nützlich zu machen.

      Die Elemente dieses Modells sind die Unterscheidung
      • zwischen eigenem und fremden Raum - bzw.
      • zwischen eigener und fremder Identität,
      • zwischen eigener und fremder Zuständigkeit, und die Frage,
      • ob der eigene Raum von einer fremden Person (dem „Herren“) besetzt ist, oder
      • ob das „Selbst“ seinen Raum in Besitz nehmen und die Grenzen seines Raumes gegenüber dem „Herren“ schützen kann.
      Dies Modell kannst du dazu verwenden, um selber durch eine Systemaufstellung deine Beziehung zu einer Autoritätsperson zu untersuchen. Wird dabei eine Konditionierung zu Selbstentfremdung und Gehorsam sichtbar und bewusst, dann kannst du diese Konditionierung bearbeiten und lösen.

      12.8 Exkurs: Anleitung zum „Do it Yourself“
      Der Lösungsprozess der initiatischen SELBST-Integration ist so klar strukturiert, dass Betroffene selber nach Anleitung diesen Prozess durchgehen können. Daher habe ich seit bald 10 Jahren Anleitungen zum „Do it Yourself“ verfasst, die viel benutzt werden. Und mit einem initiatischen Effekt, wie diese Rückmeldung zeigt:

      Hallo,
      ich glaube, Ihre Seite hat mein Leben gerettet.
      Ich arbeite schon viele Jahre intensiv an mir selber, vorher Therapien etc. seit ich 18 Jahre alt war. Heute bin ich 39.
      Ich bekam mit 18 Angstzustände und trotz aller Therapien wurde alles immer schlimmer. Bis ich letztendlich vor einigen Jahren nicht mehr meine Wohnung verlassen konnte, weil ich nur noch ohnmächtig war, kraftlos und Todesängste hatte fast ununterbrochen. Ich hab dann an mir selbst gearbeitet mit energetischen Methoden. ZPoint, TAT und Mace Methode verhalfen mir zu Angstfreiheit seit kurzem, aber nicht zu meiner Freiheit.
      Ich bin vor einem Jahr aus der Stadt meiner Mutter weggezogen, aber frei fühlte ich mich immer noch nicht, es ging nicht vorwärts und immer wieder landete ich beim abarbeiten meiner Themen, bei dem Thema: ich muss alles teilen, nie bin ich alleine etc.
      Und gestern stieß ich zufällig beim Surfen nach Symbiose auf diese Seite, auf das "DO IT YOURSELF". Ich hab die Beschreibung durchgelesen und gleich die Übung gemacht meine Mutter kraftvoll und aktiv aus meinem inneren Raum zu schicken und ich fühle mich wie neugeboren. Meine Kraft kehrt zu mir zurück, es ist unglaublich. Ich könnte nur irre vor mich hinkichern, weil es so viel Spaß macht sie aktiv weg zuschicken und schwupps meine Kraft wieder zu spüren :-)
      Ich konnte mir das vorher nie erklären was da passierte bei mir, was das genau ist. Abgrenzen, Abnabeln etc. die Worte kannte ich, aber das half mir nicht viel weiter. Ständig war da diese Schwäche, im Denken, im Körper, brrr.
      Erst jetzt hat es richtig geklickt und ich habe schon nach 1 Tag wieder Lust auf mein Leben, auf Aktivität und Lebensfreude, es ist unbeschreiblich.
      Ich bleibe dran!
      2011-03-23



      12.9 Anleitung zur Befreiung durch „Do it Yourself“
      Dazu brauchst du: eine zweite Person als Helfer, drei Stapel(!)-Stühle, ein Meditationskissen, einen Schal oder ein Seil.
      Erklärungen stehen in nicht-kursiver Schrift. Lösende Sätze (kursiv, in „Paranthesen“) helfen dir, zu spüren, ob dein Gefühl durch die Konditionierung verwirrt ist. Wenn ja, dann kannst du dich entscheiden, ob du dich lieber nach deinem Verstand orientierst, um aus der Verwirrung auszusteigen.

      1. Du wählst Repräsentanten aus für dein Selbst – z.B. ein Stuhl mit einem runden Meditationskissen und ein Stuhl für die Autoritäts-Person, zu der du deine Beziehung klären möchtest, z.B. deinen Chef.
      2. Du stellst dich und die beiden Repräsentanten so auf, wie es deinem Gefühl entspricht. Das Bild zeigt dir bereits, ob und in wieweit du deinem Chef mehr Beachtung gibst als deinem Selbst.
      3. Wenn du überzeugt bist, dass dein Chef nicht in deinen Raum gehört, dann kannst du mit einem Schal die Grenze deines Raumes andeuten und deinen Chef jenseits der Grenze platzieren.
      Wie fühlt sich das für dich an? Bist du erleichtert – oder fehlt dir etwas? Oder vielleicht beides? Spürst du jetzt mehr Aufmerksamkeit für dein Selbst?
      4. Verlasse deinen Raum und stelle dich an den Platz deines Chefs sozusagen in dessen „Raum“. Wie fühlst du dich da? Fühlt sich das vertraut an? Hast du dich hier zuständig gefühlt? Du kannst noch einmal überprüfen, ob das zu deiner Identität hier und heute gehört – oder nicht. Wenn nicht, gehst du zurück in deinen Raum.
      Klärende Sätze: „Du bist du – und ich bin ich! Du hast deinen Raum, in dem nur du zuständig bist – und ich habe meinen Raum, in dem nur ich zuständig bin!“
      5. Nimm noch einmal deinen Chef in deinen Raum (als „Introjekt“). Hast du ihm mehr Aufmerksamkeit gegeben als deinem Selbst?
      Wie fühlt sich das an? Vielleicht gibt es dir ein Gefühl von Nähe und Sicherheit? Oder fühlst du dich selber klein und unterlegen, und löst das bei dir Abneigung aus? Oder beides (Ambivalenz). Wenn du erkennst, dass dein Chef wie eine fremde Energie ist, die deinen Raum besetzt, und dich daran hindert, du selber zu sein, dann wäre „Revolution“ angesagt. Und du kannst dein eigenen Raum dadurch „in Besitz“ nehmen, dass du deinen Chef – bei allem Respekt! - endgültig aus deinem Raum entfernst.
      „Das ist mein Raum. Und da gehört nur das hinein, was wirklich zu mir gehört!“
      6. Nun nimm Kontakt mit deinem Selbst auf, „das seinen Wert hat unabhängig davon, ob es gebraucht wird, ob es etwas leistet. So wie eine Rose, die ihren Wert hat, einfach, weil sie da ist.“
      7. Vielleicht erscheint es dir fremd oder „verboten“? Vielleicht wurde es von deiner Familie, von deinem Vater abgelehnt, und du hast dessen Sichtweise – dessen „Brille“ - übernommen, um zu überleben? Dann lege symbolisch die „Brille“ deines Vaters ab und schau mit deinen eigenen Augen auf dein Selbst. Gibt es an ihm etwas auszusetzen? Und prüfe, wie es sich anfühlt, wenn du mit deinem Selbst verschmilzt – statt mit deinem Chef.
      Wenn du dem Chef mehr Aufmerksamkeit, mehr Achtung gegeben hast – als deinem SELBST, dann prüfe mal die Wirkung des Satzes zu deinem SELBST:
      „Anscheinend habe ich dich bisher nicht geachtet. Das hat nichts mit dir zu tun, und das hast du auch nicht verdient“.
      Wenn das stimmt, dann kannst du das nachholen, indem du dich tief vor deinem eigenen SELBST verneigst!
      Danach könntest du mit deinem eigenen SELBST „probeverschmelzen“ - statt wie bisher dich mit deinem Chef zu identifizieren.
      8. Um die Verbindung mit deinem Selbst zu verbessern, kannst du deine Kraft für dich – statt wie bisher gegen dich – einsetzen, indem du die Grenze deines Raumes symbolisch gegenüber dem Chef „schützt“, mit Körpereinsatz!
      Hier vertritt dein Helfer den Chef und kommt auf dich zu, sodass du ihn an der Grenze stoppen kannst.
      Wie fühlt sich das an? Vielleicht verboten? Das wäre ein durch die Konditionierung bedingtes „Abgrenzungsverbot“.
      Um deine vitale Kraft noch besser einzusetzen, könntest du dein „Territorium“ wie ein Tiger schützen, mit einem Tigerschrei!
      9. „Gegenabgrenzung“. Bisher hast du dich vielleicht im „Raum“ deines Chefs „zuständig“ gefühlt – weil du dazu erzogen worden bist. Jetzt kannst du die Erfahrung machen, dass du da gar nicht zuständig bist, indem dich an der Grenze jemand stoppt – dein Helfer.
      Wie fühlt sich das an? Wenn du dazu erzogen wurdest, für andere da zu sein, dann fühlt sich das vielleicht an wie Ablehnung, Abweisung und kann sehr kränkend sein. Vielleicht gehst du deshalb den Menschen aus dem Weg, die sich klar abgrenzen können. Aber wenn du Tiger bist, dann darf auch der andere wie ein Tiger sein Territorium schützen! Das ist auch zwischen Erwachsenen normal! Statt verletzt zu sein, könntest du es „sportlich“ sehen. Dazu hilft das
      10. Training „Fit für einen starken Partner“
      Du gehst in den Raum deines Gegenübers, und dein Helfer stoppt dich kraftvoll mit den Sätzen:
      „Ich bin auch ein Tiger! Ich achte deine Grenze, und wenn du meine Grenze achtest, dann könnten wir uns auf Augenhöhe begegnen! Ich weiß, dass ich dir das zumuten kann, denn ich weiß dass du ein Tiger bist! Aber du hast das vielleicht vergessen – oder wollten sie dich zum „Kuschelkätzchen“ erziehen? Vielleicht musst du dich entscheiden, ob du in die „Liga der Kuschelkätzchen“ gehörst – oder in die „Liga der Tiger?“
      11. Gegenabgrenzung auf der Zeitlinie.
      Wenn du das von dir kennst, dass du alten Themen, Verletzungen oder Fehlern immer wieder Raum und Energie gibst, dann stell dir vor, du gehst symbolisch zurück auf einer Zeitlinie in die Vergangenheit, und da wirst du drei Mal gestoppt – von deinem Helfer – jeweils mit dem Satz: „Es gibt kein Zurück! Was vorbei ist, ist vorbei!“ „Und es kommt nicht mehr wieder!“ „Was mausetot ist, wird nie mehr lebendig!“
      12. Jetzt überprüfe noch einmal, wie sich die Verbindung mit deinem Selbst anfühlt – repräsentiert durch das Meditationskissen. Und wie geht es dir jetzt mit deinem Gegenüber?

      KOMMENTAR:

      Es hat sich gezeigt, dass durch ein solches Initiatisches Autonomie-Training ganz gezielt die Abgrenzungsfähigkeit und SELBST-Verbindung rasch und mit anhaltender Wirkung gestärkt werden kann. Oben in Kap. 11.7 habe ich Burnout als Beispiel einer gesundheitlichen Störung durch SELBST-Entfremdung erwähnt. Auch wenn die Konzerne ihre Strategie einer zunehmenden Leistungs-Überforderung nicht ändern werden, so zeigt diese Übung: es ist möglich, dass Einzelne durch ein gezieltes Training die eigene „Resilienz“ (Widerstandsfähigkeit) so erhöhen, dass sie trotz äußeren Drucks eine innere Gelassenheit und ihren SELBST-Wert beibehalten können.
      Wenn sie ihren inneren Raum in dieser Weise durch Abgrenzung „befreien“, dann sind sie auch im Betrieb „freie Menschen“.
      Diese Einsicht ist wichtig! Denn dadurch können wir rasch innerlich unabhängig werden von den Konzernen. je mehr sich in diesem Sinne befreien, und sich dabei gegenseitig unterstützen – auch im Betrieb! - umso eher können „befreite Inseln“ entstehen.
      Weitere Do it Yourself-Formate unter: https://www.e-r-langlotz.de/systemische_...bsttherapie.php

      12.10 Bedingungen einer „artgerechten“ Gesellschaft
      Eine artgerechte Gesellschaft erfordert Menschen, die mit sich selbst verbunden sind – statt fremdbestimmt. Das bedeutet Befreiung aus der „seelischen Leibeigenschaft“ das Erwachen aus der posttraumatischen Trance, der Wechsel aus dem „Agenten-Modus“ in den „Autonomie-Modus“.
      Selbst-Verbindung geht einher mit mehr Achtung für dich Selbst und für die Anderen!
      Selbst-Verbindung ermöglicht dir
      • SELBST-Bestimmung, das heißt,
      • die Erfahrung, selber wirksam zu sein („Selbst-Wirksamkeit“), und
      • mit einer Selbst-bestimmten Arbeit eins zu werden („Flow“). Das
      • vermittelt dir ein tiefes Gefühl von Sinnhaftigkeit. So ist es dir möglich,
      • mit geringerem Kraftaufwand
      • mehr zu leisten.

      Auswirkungen auf das Beziehungs-Gefüge
      Je mehr du in dieser Weise deinen Sinn und deinen Wert „intrinsisch“ in dir selbst findest,
      • umso weniger bist du abhängig von „extrinsischen“ Surrogaten: Besitz, Konsum, Macht.
      • Umso mehr kannst du einem anderen auf Augenhöhe begegnen, verbunden mit
      • einem Ausgleich von Geben und Nehmen.
      • Das führt zu mehr sozialem Frieden.

      Auswirkungen auf das Konsumverhalten

      Wenn du unterscheidest zwischen Echtem – und Unechtem, wenn du lernst das Echte zu achten – in dir und in anderen, wenn du lernst zu unterscheiden zwischen dem was „satt“ macht – und den „Surrogaten“, die den Hunger und die Gier nur noch steigern, dann verändert das auch dein Konsumverhalten.
      Statt einem geradezu süchtigen Verlangen nach immer neueren, nach größeren, moderneren, besseren (und meist kurzlebige) Modellen – um ein mangelndes SELBST-WERT-Gefühl zu kompensieren, indem du dich gegenüber den anderen besser fühlt3 – wird dir jetzt ein distanziertes kritisches Konsumverhalten möglich. Kaufentscheidend werden für dich jetzt die Unterscheidungen (Differenzierungen!),
      • ob du das Objekt wirklich brauchst – oder nicht,
      • ob es umweltfreundlich und sozial verträglich hergestellt wurde – oder nicht,
      • ob es langlebig ist – oder nicht, und
      • ob es aus der Region stammt – oder nicht.
      Damit unterstützst du die regionalen Wirtschaft – statt die global agierenden Großkonzerne. Du achtest mehr den Wert der regionalen Gemeinschaft, vielleicht sogar in Form von Solidargemeinschaften. Du trägst dazu bei, die Umweltbelastung durch weite Transporte zu reduzieren.
      Du förderst die Produktion langlebiger Produkte – statt die Konzerne zu unterstützen, die immer wieder neue Modelle produzieren, die mit Absicht nur kurzlebig sind, und dadurch den Raubbau an den Rohstoffen verstärken.

      12.11 Die Krise des Wirtschafts-Systems
      Das gegenwärtige plutokratische (gewinnorientierte) Wirtschaftssystem hat keine Zukunft. Es kann daher zu einer schleichenden Verlangsamung des Wachstums kommen, aber auch zu kritischen Einbrüchen. Langfristig wird es zu einer deutlichen Senkung unseres heutigen Lebensstandards kommen – der bisher auf Kosten anderer künstlich aufgebläht war.
      Aber je mehr Menschen im Autonomie-Modus sind, umso eher können sie diese Reduktion auf Wesentliches als Gewinn, als Befreiung von Abhängigkeiten erleben –
      statt wie bisher als Verlust oder Zwang. Und umso sanfter wird der Übergang vom jetzigen Wirtschaftssystem zu einem neuen, „artgerechten“ Wirtschaftssystem sein.

      12.12 „Krieger*innen der Erde“
      Die bevorstehenden Auseinandersetzungen mit den Machtkomplexen und die zu erwartenden Versorgungskrisen sind eine existentielle Herausforderung.
      Um dafür gewappnet zu sein, ist es ratsam, sich gemeinsame mit Lebensgefärt*innen und Kindern eine Kriegermentalität anzueignen - „Krieger*innen der Erde“.
      Folgende Aspekte scheinen mir wichtig:
      • Abschirmung gegen verwirrende Spam- und Fake-Informationen.
      • Tägliche Verbindung mit deinem SELBST durch MEDITATION (SCHWEIGEN ODER SINGEN. SITZEN ODER LAUFEN), alleine oder besser in der Gruppe.
      • Regelmässige Verbindung mit der Natur, am besten mit der unberührten Natur. Wenn das nicht möglich ist, dann suche dir einen Baum oder eine Topfflanze, die dich daran erinnert, dass du mehr mit den Pflanzen gemeinsam hast als mit einem Computer.
      • Geistiger Proviant: konsequentes Entwöhnen von Surrogaten und Begrenzung auf ausschliesslich Nährendes
      • Ausrüstung: Beschränkung auf das Nötigste, aber das gediegen und tauglich.
      • Und ganz wichtig: Wer sich so für das Leben einsetzt, sollte dabei DIE FREUDE AM L E B E N nicht vergessen! Das bedeutet, Dinge zu tun, die nicht primär nützlich sind, sondern „nur“ Spass machen.
      Dazu ein bairisches Mundartgedicht (Max Dingler,"Das bairisch Herz" 1. Auflage 1940)

      Der Faulenzer

      Es geht a Winderl übers Moos (Moor),
      schö lüftig is da Tag,
      da Schindlbeck mit seine Rooß
      fahrt hintre in sei'n Schlag.
      I hock alloa am Fuchsloch drobn,
      und siech des Wagerl geh,
      und siech wia's z'Aschau Scheiteln klobn,
      Herrgott die Welt is sche!
      Da kimmt der Förschter aus'n Holz,
      mi'm Bischl (Dackl) hinten dro.
      Da Förschter is hübsch grob und stolz,
      und red mi dengerscht (direkt) o:
      "Du Loda (Lausbub), flackst scho wieda rum
      als wiar a Findelstoa?
      De andern plagn si schiaf und krumm,
      und was hast du zu toa?"
      "Des", sag i, "kon i leicht beschreibn:
      Wo d'Welt so schen is heit,
      muß do no oana übri bleiben,
      der wo si nix wia gfreit!"

      Vernetzung von zukunftsorientierten Netzwerken

      Es werden immer mehr alternative Unternehmen entstehen, die zukunftsorientiert - statt gewinnorientiert handeln Die eher genossenschaftlich organisiert sind als hierarchisch-autoritär. Diese Unternehmen, diese Initiativgruppen werden sich immer mehr vernetzen – das ist der große Vorteil des Internets – sodass langsam ein alternatives Wirtschaftssystem entstehen kann. Das kann auch dau beitragen, die Folgen eines Zusammenbruchs des plutokratischen Systems abzufedern.
      Die Minderheit der Mächtigen hat dadurch Macht angesammelt, dass sie durch kollektive traumatisierende SELBST-Entfremdung die Mehrheit der Vielen zu Gehorsam und Unterwerfung erzogen hat. Wenn die Mehrheit bewusst wird und sich vernetzt, dann kann sie erstmals den Mächtigen etwas Eigenes entgegen setzen. Die globale Vernetzung durch das Internet bietet dazu optimale Chancen.
      Von Europa ging die imperiale Unterdrückung und Ausbeutung der ganzen Welt aus. Von Europa könnte auch eine zweite Aufklärung, eine zweite Revolution ausgehen.

      12.13 Die Demokratie ist tot? Es lebe die Demokratie!
      Die Demokratie ist nicht tot. Im Gegenteil: Eine artgerechte Gesellschaft ist nur innerhalb einer Demokratie möglich! Aber die Demokratie braucht wache, selbst-bestimmte Bürger*innen! Die differenziertere Wahrnehmung der eigenen essenziellen Bedürfnisse – und die der Anderen! - schärft auch den kritischen Blick für die Politiker*innen – und für die Strategien der Großkonzerne. Wahlentscheidungen werden dann nicht mehr durch unverbindliche Wahlversprechen der Politiker*innen bestimmt, sondern durch den Nachweis einer ausgleichenden Politik, die nicht wie bisher an den Interessen der Konzerne orientiert ist, sondern an den essenziellen nationalen und internationalen Interessen aller Bürger. Einer Politik, die daher den Boden schafft für sozialen Frieden im eigenen Land und für internationalen Frieden.
      Nur eine lebendige Demokratie ist in der Lage, eine artgerechte Lebensweise zu sichern, welche sich an dem zentralen Bedürfnis orientiert, das für alle Bürger*innen absolute Priorität hat:
      Die Sicherung der Zukunft unserer Kinder, d.h. Generationen-Gerechtigkeit
      Diese Ziele einer zukunftsorientierten Politik werden immer deutlicher und überzeugender formuliert, zum Beispiel im „Generationenmanifest“5.
      Das Ziel, eine handlungsfähige Demokratie zu sichern, erfordert
      • Erziehung zu einem eigenständigen Denken. Das bedeutet Kritik an autoritären, selbst-entfremdenden Erziehungs-Methoden - in kirchlichen und in öffentlichen Schulen! - und die Einführung eines „Autonomie-Training“ an Schulen (Kap.12) für Lernende und Lehrende!
      • die Offenlegung und Beendigung von Allianzen zwischen der Politik und den Wirtschafts- und Finanz-Konzernen.
      • Da die Kirche eine autoritäre SELBST-Entfremdende Doktrin vertritt, ist die Trennung von Kirche und Staat zu fordern.
      • Schonung der Ressourcen und deren gerechte Verteilung.
      • Internationaler Interessenausgleich
      • Ächtung von Krieg, Ausbeutung, Umweltzerstörung denn sie sind
      Verbrechen gegen den Generationenvertrag.

      • Und es sind die Kinder, die als unmittelbar Betroffene als Erste auf die Strasse gehen, um Druck auf die Politik zu machen. Am Freitag demonstrieren weltweit Schüler für eine andere Klimapolitik ( Jetzt.de 29.11.2018: https://www.jetzt.de/gutes-leben/fridays...den-klimawandel)

      12.14 Fridays4Future: Weltweiter Protest gegen den Klimawandel

      Unter dem Motto #FridaysForFuture verlangen sie von den Politiker*innen, die Klimaziele endlich ernst zu nehmen.
      „Warum in die Schule gehen und etwas für eine Zukunft lernen, die es vielleicht gar nicht mehr geben wird?“ Diese Frage stellen alle Schülerinnen und Schüler, die am morgigen Freitag nicht im Klassenzimmer sitzen werden, sondern stattdessen protestieren – für eine andere Klimapolitik.
      Der Kern des Protests ist in Schweden, wo am Freitag in mehr als 100 Schulen Schülerinnen und Schüler dafür streiken, dass das Land seine Klimaziele endlich einhält. Ausgelöst wurd die Aktion durch eine 15-jährige Schwedin.
      Im August hat sie beschlossen, nicht mehr zur Schule zu gehen, bis ihr Land die Ziele des Pariser Klimaabkommens erfüllt. Mit einem Plakat, auf dem "Schulstreik für das Klima" stand, setzte sie sich wochenlang vors schwedische Parlament. Das hat viele Menschen beeindruckt. Mittlerweile streikt sie zwar nur noch freitags, doch kann man unter dem Twitter-Hashtag #FridaysForFuture sehen, dass viele Menschen weltweit sie unterstützen. Und zum Teil sogar selber streiken.

      SZ-Interview:
      (Süddeutsche Zeitung, 3.12.2018)
      Greta Thunberg. die in den vergangenen Monaten zu einer Galionsfigur der Klimabewegung geworden ist, im Interview mit der SZ:
      SZ: Wo bist du im Moment?
      Greta Thunberg: Wir sind in Dänemark und werden in elf oder zwölf Stunden in Katowice sein. Wir sind im Elektroauto unterwegs und müssen etwa alle zwei Stunden anhalten und aufladen.
      Bist du schon mal geflogen?
      Ja, als ich kleiner war. Aber 2016 habe ich gelesen, wie hoch die CO₂-Emissionen von Flugzeugen sind, und beschlossen, es nie wieder zu machen.
      War das die Zeit, als du anfingst, dich mit dem Klimawandel zu beschäftigen?
      Nein, das war früher. Als ich acht Jahre alt war, hat ein Lehrer uns von der Erderwärmung erzählt und ich dachte: Wenn das wirklich passiert, dann würden wir doch über nichts anderes mehr sprechen, es müsste höchste Priorität haben! Aber niemand hat darüber geredet. Also habe ich mich informiert, habe Schulbücher und Artikel gelesen, Filme angeschaut, meine Eltern gefragt, bis ich verstanden habe, was gerade passiert. Und dann habe ich angefangen, bei uns daheim immer das Licht auszuschalten. Das war der erste Schritt.
      Vor der schwedischen Parlamentswahl in diesem Jahr hast du mit deinem Streik begonnen. Wie bist du auf die Idee gekommen?
      Ich habe von den Jugendlichen in den USA gehört, die nicht mehr zur Schule gegangen sind, um gegen die Amokläufe zu protestieren, und jemand sagte: Was wäre, wenn Kinder genau das fürs Klima machen würden? Der Gedanke hat mir gefallen. Anfangs wollte niemand mit mir streiken. Also musste ich es alleine machen.
      Was haben deine Eltern gesagt?
      Die hielten das für keine gute Idee. Sie fragten, ob es nichts anderes gibt, was ich machen könnte, und haben gesagt: Wenn du es machen willst, wirst du dabei alleine sein, wir werden das nicht unterstützen. Das ist immer noch so, aber mittlerweile sind sie froh, dass ich nur noch freitags streike, und helfen mir bei allem anderen.
      Was forderst du konkret?
      Dass Schweden das Pariser Klimaabkommen erfüllt. Auch alle anderen wohlhabenden Länder müssen ihre Emissionen jährlich um 15 Prozent reduzieren, wenn sie klimagerecht sein wollen, so steht es im Pariser Abkommen und nur so können wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen. Aber wir wissen mittlerweile auch, dass nur bei einer Erwärmung bis zu 1,5 Grad der Einfluss auf das Klima erheblich verringert würde. Die Emissionsreduzierung müsste also noch viel größer sein, um das zu schaffen.
      Was rätst du jedem Einzelnen, der das Klima schützen will?
      Informiere dich, bilde dich weiter, versuche, die Klimakrise zu verstehen. Sprich mit anderen, trage die Botschaft weiter, fordere, dass etwas dagegen getan wird. Im Alltag solltest du vegan leben, nicht mehr fliegen und Auto fahren und weniger konsumieren.
      Was wirst du während der Klimakonferenz machen?
      Ich halte ein paar Reden, treffe ein paar Leute, auch den UN-Generalsekretär António Guterres. Ansonsten möchte ich vor allem zuhören und mitkriegen, was passiert.
      Wie geht es dir beim Blick in die Zukunft? Bist du optimistisch, dass sich etwas ändern wird, oder eher besorgt?
      Ich denke nicht besonders viel darüber nach. Anstatt sich Sorgen über die Zukunft zu machen, sollte man versuchen, sie zu verändern, solange man es noch kann. Und genau das müssen wir jetzt tun. Wir haben gar keine andere Wahl.


      München, 4. Dezember 2018
      www.e-r-langlotz.de www.systemische-selbstintegration.de

    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "MUTTER-INTROJEKT UND TRAUMA Thema mit Variationen" geschrieben. 28.11.2018

      Liebe LinaMarie,
      zu ihrer 1. Frage: können diese Trauma-Konglomerate im Do it Yourself-Verfahren gelöst werden?
      Nein. Bereits das Erkennen solcher Konglomerate erfordert viel Erfahrung! Ich selber nehme diese Phänomene erst seit einem halben Jahr wahr! Und das Konzept entwickelt sich immer weiter.
      2. Ich gehe von der Annahme aus, dass alle seelischen Probleme bis hin zur Psychose sich durch dies Konzept lösen lassen. Und ich habe diese Annahme bisher (fast) immer bestätigt gefunden. Ja ich arbeite gerne mit "hoffnungslosen" Fällen, weil ich darin die "Chance" sehe, neue Varianten der Verwirrung zu erkennen - und zu lösen.
      Das kann dann bei einzelnen manchmal auch Jahre dauern, bis sich etwas bewegt. Aber gerade in sehr komplexen und hartnäckigen Fällen wirkt das Erkennen und Lösen derartiger Konglomerate bisweilen sehr rasch und anhaltend.

      Fallbeispiel Panik am Steuer
      Petra, 35 Jahre stammt aus einer mehrfach traumatisierten Familie und hat schon viel durch Aufstellungen geklärt. Sie lebt in einer Beziehung und hat zwei Söhne, 3 und 1 Jahr. Jetzt kommt sie zu einer Einzelsitzung. Seit sie Autofahren kann hat sie am Steuer Panikattacken, sodass bei den gemeinsamen Urlaubsreisen immer ihr Mann fahren muss.

      Ich verwende das Format „Problem als Schlüssel zur Lösung“
      Wir nehmen an, dass Petra einen Selbst-Anteil besitzt, der ohne Panik ein Auto lenken kann. Aber offensichtlich ist sie mit diesem Selbstanteil nicht verbunden, weil ein „Blockierendes Element“ (BE) das verhindert.

      Petra stellt auf: sie steht ganz nahe bei dem BE, ihre Selbstanteile entfernt.
      Sie entfernt das BE und grenzt es durch einen Schal vom eigenen Raum ab- obwohl ihr das falsch und verboten erscheint!
      Um das BE zu erforschen, setzt sie sich auf das BE (Hocker). Unter Schluchzen erinnert sie sich an einen tragischen Unfall ihres Vaters, noch vor ihrer Geburt. Der Vater war mit seinem Lastwagen unterwegs, zwei seiner Kinder auf der Ladefläche, als auf abschüssiger Strecke die Bremsen versagten. Um die Fussgänger nicht zu gefährden, brachte er den Wagen zum Kippen. Dabei starben seine beiden eigenen Kinder!
      Die Mutter in ihrem Schmerz hatte dafür den Mann – zu Unrecht – beschuldigt, alkoholisiert den Unfall verursacht zu haben, hatte sich von dem Mann getrennt, und den Kindern durch ihre Vorwürfe gegen den Vater den Kontakt zu ihm erschwert. Nur Petra hielt zu ihrem Vater. Kurz vor seinem Tod hatte sie ihn noch besucht und von ihm auch seine Version von diesem Unfall gehört.

      Leiter: „Das ist das Trauma deines Vaters! Gehört es in deinen Rau hier und heute?“
      Petra weint und nickt heftig.
      Die Vermutung ist: Es verbindet sie mit dem – kürzlich verstorbenen – Vater und zusätzlich auch mit den beiden Geschwistern, die sie ja gar nicht kennen lernen konnte. Daher fühlt es sich für sie lieblos und verboten an, das Trauma abzugeben, so als würde sie dadurch den Vater verraten - und die beiden Geschwister.
      Ein Kind übernimmt oft eine Leid oder eine Schuld eines geliebten Angehörigen, so als könne es durch das „Teilen des Leids“ seine Liebe zu dieser Person ausdrücken.
      Es braucht einige Überzeugungsarbeit des Leiters bis Petra sieht, dass ihr Vater und auch die Geschwister nicht glücklich sind, wenn sie ihre Liebe zu ihnen durch das Übernehmen des fremden Leids ausdrückt. Schliesslich stimmt ihr „Verstand“ zu und sie kann sich von dem Trauma des Vaters abgrenzen.
      Der Leiter vermutet, dass sie zusammen mit dem Trauma auch den Vater und die beiden Geschwister als Introjekt in ihrem „Raum“ hat. Das fühlt sich für sie sehr stimmig an. Der Vorschlag, mit dem Trauma auch Vater und Geschwister „dahin gehen zu lassen, wo sie ihren Frieden finden“, löst massiven Abschiedsschmerz aus. „Das ist ein gesunder Schmerz, wenn du da hindurch gehst, dann öffnet sich die Türe für das Hier und Jetzt!“
      Schiesslich kann sie loslassen, kann sich mit ihrem Selbst verbinden. Zum Schluss bittet sie den Vater noch um seinen Segen und ist sehr erleichtert und berührt.

      Rückmeldung
      Schon bei der nächsten längeren Autofahrt konnte sie ihren Mann am Steuer ablösen – ohne Panik! Und seit der Aufstellung hat sie nie wieder Panikattacken am Steuer gehabt.

      Kommentar
      Hier ist das Trauma-Introjekt gekoppelt an weitere Introjekte: den Vater und die verstorbenen Geschwister, zu denen sie eine starke emotionale Bindung hat. Das erklärt, warum sie das Trauma über so lange Zeit in ihrem „Identitätsraum“ festgehalten hat. Wenn es der Klientin gelingt, das Trauma-Introjekt zu entfernen und abzugrenzen, dann ist die „initiatische“ Erfahrung einer Verbindung zu den unbeschwerten – und unverletzten – Selbstanteilen möglich.
      Herzliche Grüsse
      Ero
      und wollen sie sich nicht mit Bild zeigen???

    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "MUTTER-INTROJEKT UND TRAUMA Thema mit Variationen" geschrieben. 27.11.2018

      Liebe LinaMarie,
      ich freue mich sehr über ihren Beitrag, denn genau das beobachte ich auch.
      Wenn eine Mutter ein Gewallttrauma hat, dann übernimmt - wie beschrieben - ein Kind dies Trauma als Introjekt, und nimmt gleichzeitig auch die Mutter als Introjekt in den eigenen Raum. nIcht seltenbeobachte ich dann - wie du - dass das Kind ein ähnliches Gewalttrauma hat, ebenfalls als Introjekt. Und beim Entfernen dieses eigenen Trauma-Introjektes zeigt sich bei der Klientin ein Widerstand, den sie selber wie ein Verbot oder wie ein Verrat an der Mutter erlebt.
      Dazu fällt mir ein sehr bizarres Beispiel ein: Eine Frau (Psychologin, als Jugendliche Bulimie, lange Therapien) war von ihrem Urgrossvater missbraucht worden, der bereits ihren Vater missbraucht hatte. In einer ersten Aufstellung zeigte sich, dass sie sich von ihrem eigenen Trauma erst verabschieden konnte, nachdem sie auch Vaters Trauma als übernommenes Introjekt erkannt und entfernt hatte, und Vater und Urgroßvater, die sie ebenfalls als Introjekt hatte. Das war schon ein sehr komplexes Trauma-"Konglomerat", aber es war noch nicht alles. Es ging ihr etwas besser aber noch nicht gut.
      In einer zweite Sitzung ging es um die Großmutter, die offenbar sowohl bei ihrem Sohn - dem Vater der Klientin - als auch bei der Klientin - ihrer Enkelin - "weggeschaut" haben musste. Die Klientin beschrieb sie als emotional kalt und eigenartig sexualisiert. Wir prüften, ob auch sie ein Sexualtrauma hatte, und es schien tatsächlich so. Und die Klientin hatte auch diese Grossmutter und deren Trauma in ihrem Raum.
      In dieser Sitzung tauchte auch die eigene Mutter auf, die sie ebenfalls als sehr kühl und unfroh beschrieb, bei der also auch ein (Sexual-?)Trauma zu vermuten war.
      Nicht selten ziehen sich ja Partner mit ähnlichem Trauma gegenseitig an!

      Jedenfalls wurde da eine ganze "Trauma-Ensemble" sichtbar. Das machte es verständlich, warum die Klientin zu ihrem eigenen "unverlierbaren und unzerstörbarem SELBST" keinen Zugang finden konnte.
      Und ähnliche "Trauma-Ensembles" habe ich bereits bei Klient*innen mit Psychose beobachtet.
      Diese Sichtweise macht das mögliche Ausmass an Verwirrung durch Traumata deutlich. Und es ermöglicht einer Klient*in, aus diesem Labyrinth von Introjekten und Loyalitäten auszusteigen. Ich habe sehr viel Respekt für die Betroffenen, die mit einem solchen Ensemble überlebt haben.
      Herzlich
      Ero Langlotz

    • Kapitel 8 VON DER BOTSCHAFT JESU ZUR KIRCHEN-DOKTRIN

      8.1 Die Kreuzestheologie – eine Überlebensstrategie?

      Es war Paulus, der eine taktisch bemerkenswerte Lösung dieses Dilemmas fand. Er war theologisch geschult, denn vor seiner Bekehrung zu Christus hatte er als der fanatische jüdische Theologe „Saulus“ die Christen verfolgt.
      Paulus formulierte als „Heilsplan Gottes“: Gott habe seinen einzigen Sohn geopfert, um so die Sünden der Menschheit zu sühnen.
      Das erforderte einige grundsätzliche „Umdeutungen“, welche die realen Zusammenhänge völlig anders erscheinen liessen. Das kann man auch als Verfälschung bezeichnen. Natürlich geschah das zu einem „höheren Zweck“ und schien daher erlaubt:
      • Jesu Botschaft mit seiner Kritik an den Mächtigen wurde ausgeblendet, obwohl sie der eigentliche Grund für die römische Staatsgewalt war, ihn zum Tod am Kreuz zu verurteilen.
      • Das Leiden Jesu und sein Foltertod am Kreuz wurde umgedeutet zu einer Heilstat eines allmächtigen Gottes.
      • Das Leiden Jesu wurde so zur Quelle von Erlösung und Heil.
      • Die Notwendigkeit einer Erlösung begründete Paulus mit der Schöpfungsgeschichte aus dem Alten Testament. Jeder Mensch sei durch den Sündenfall von Adam und Eva – durch deren Ungehorsam(!) – im Zustand der „Erbsünde“. Daher sei auch jeder neu geborene Mensch von Grund auf verderbt und bedürfe der Erlösung.

      Die – wohl beabsichtigte - Folge dieser Umdeutung: Nicht die staatliche römische Macht konnte von nun an für die Marter und den Tod des Gottessohnes verantwortlich gemacht werden – sondern die sündige Menschheit. Denn ein „allmächtiger Gott“ hatte beschlossen, um diese sündige Menschheit zu erlösen, seinen Sohn zu opfern durch einen Folter-Tod als Verbrecher am Kreuz.
      Dazu gab es eine Parallele in Alten Testament: Abraham, auf den sich Judentum, Christentum und Islam als Stammvater berufen, sollte auf Gottes Geheiß seinen Gehorsam (!) dadurch beweisen, dass er seinen Sohn Isaak persönlich opferte. Ein Engel Gottes hat das, so die biblische Erzählung, im letzten Moment verhindert. Das Makabre dieser Vorstellung wird noch übertroffen durch die Variante, dass nun Gott selber seinen eigenen Sohn opfert, für die Menschen. Und erst der Vollzug dieses Opfers, so heißt die angeblich „frohe“ Botschaft, ermögliche die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen.

      EXKURS ENTSTEHUNG DES NEUEN TESTAMENTES

      Das „Neue Testament“ wie wir es kennen, besteht in dieser Form erst seit dem 4. Jahrhundert. Man weiß, dass die alten Texte schon vorher „redigiert“, das heißt verändert oder ganz ausgeschieden wurden, um sie an die veränderte gesellschaftliche und politische Situation anzupassen. Ausgeschlossen wurden neben den Evangelien des Thomas und des Philipus auch ein Evangeliums der Maria – wohl der Maria Magdalena. Ein Fragment dieses Textes ist denoch erhalten geblieben. Es enthält Hinweise darauf, dass Maria Magdalena die Vertraute Jesu war, vielleicht seine Ehefrau.
      Es liegt nahe, dass diese Schrift ausgeschlossen und unterdrückt wurde, weil die Vorstellung von Jesus als Ehemann und Familienvater nicht vereinbar war mit dem Christusbild einer patriarchal orientierten Kirche, die sich in der Rolle der Staatsreligion eines ebenfalls autoritär geprägten römischen Staates zurecht finden musste. Diese Vermutung wird dadurch bestärkt, dass Maria Magdalena von der kirchlichen Theologie früher als Prostituierte bezeichnet wurde. Die kürzlich aufgetauchten Papyri dieser Schrift werden von der Kirche insofern konsequent als „Fälschung“ abgetan.
      Solche redaktionellen Eingriffe erfolgten aber auch aus anderen Überlegungen. Durch die (fast) durchgängige Umformung der biblischen Texte im Sinne des paulinischen „Heilsplans“ – das ist die von manchen Theologen vertretene Hypothese – wurde Pilatus, und damit die römische Besatzungsmacht entlastet und die Verantwortung für die Kreuzigung Jesu als „Gottesmord“ eher den jüdischen Priestern angelastet als den römischen Besatzern. Daher heisst es von Pilatus: „Ich wasche meine Hände in Unschuld!“ und den jüdischen Priester wird in den Mund gelegt: „Sein Blut komme über uns und unsere Nachkommen!“
      Dabei muss betont werden, dass Kreuzigung die römische Form der Todesstrafe war, die jüdische Form der Todesstrafe wäre Steinigung gewesen.

      Durch diese Umdeutungen und Textredaktionen wurden beide Aspekte des Dilemmas beseitigt. Diese „Überlebensstrategie“ des Paulus - und anderer - bei der Redigierung der Schriften zeigte Wirkung! Die christlichen Gemeinden wurden nicht mehr verfolgt. Im Gegenteil, sie wurden im 4. Jahrhundert als römisch-katholische Kirche zur Staatskirche des gesamten römischen Reichs.
      Doch der „Preis“ für diese Überlebensstrategie war hoch: Jesu ursprüngliche Lehre wurde unterdrückt bzw. durch eine andere entgegengesetzte Lehre überformt. Die Verantwortung für seinen Foltertod wurde der „sündigen Menschheit“, bzw. den Jud*innen zugeschoben.
      Dieser fälschliche Vorwurf des „Gottesmordes“ gegen die Jüd*innen wiederrum war die Ursache späterer grausamer Verfolgungen bis hin zum Genozid im Holocaust.

      Durch diese Umdeutung wurde eine Verbindung von Kirche und Staat möglich, die sich für beide Institutionen als außerordentlich machteffizient erwies: die Kirche übernahm die hierarchische Organisationsform, das Selbstverständnis und die Insignien und die orientalisch geprägten Zeremonien der staatlichen Macht. Der Staat erhielt durch diese Verbindung sozusagen „göttliche Anerkennung“. Diese Kooperation bestimmte die europäische Gesellschaftsordnung das ganze Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit.
      Therapeutisch Geschulte erkennen in diesem Vorgang einer Unterwerfung unter die römische Macht die bekannte Überlebensstrategie eines Gewaltopfers, nämlich die „Identifikation mit dem Aggressor“: (Anna Freud), bzw. das „Stockholm-Phänomen“.
      Diese Überanpassung an einen mächtigen Täter hat zwar ein – ziemlich komfortables! - „Überleben“ der Kirche ermöglicht. Aber das ging einher mit einer Abspaltung eigener Wesens-Anteile – hier der Person Jesu und seiner ursprünglichen Botschaft. Diese Selbst-Entfremdung ist der Preis für das Überleben.
      Und die von der Kirche oder in ihrem Namen begangenen Gräueltaten bestätigen eine weiterere therapeutische Erfahrung: Aus Opfern werden später Täter!

      8.2 Was geschah mit der Botschaft Jesu?


      Die eigentliche Botschaft der Liebe, der SELBST-Achtung und Verantwortung für die Ausgestossenen, wie Jesus sie verkündet hatte, wurde von der Amts-Kirche umgedeutet, an den Rand gedrängt, bzw. in den Untergrund verbannt. Es gab und gibt jedoch immer wieder Menschen innerhalb der Kirche, die sich mehr nach dieser Botschaft Jesu orientieren, als nach der kirchlichen Doktrin. Sie wurden von der Kirche misstrauisch beobachtet, geduldet, aber nur halbherzig gefördert: Franziskus, die Arbeiterpriester in Frankreich, die Befreiungstheologen in Südamerika. Auch heute gibt es Viele, die in karitativen Berufen arbeiten, und sich Jesus und seiner Botschaft verbunden fühlen. Manche von ihnen leiden unter dem kirchlichen Machtanspruch und an ihrer Doktrin.
      Aber sie stellen sich in den Dienst dieser Kirche. Und so tragen auch sie dazu bei, den inneren Widerspruch der kirchlichen Doktrin zu verschleiern.

      Es gab durch die Jahrhunderte außerhalb der Kirche immer wieder Gruppierungen, die sich auf die ursprüngliche Botschaft Jesu beriefen. Sie wurden von der Kirche grausam verfolgt, als Ketzer diffamiert, gefoltert, starben in den Gefängnissen oder wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

      8. Ein „allmächtiger“ Gott, der seinen einzigen Sohn opfert, um die Sünden der Menschen zu sühnen.

      Die Kirchliche Dotrin befreit zunächst das Bild dieses Jesus von allen Aspekten eines Aufrührers gegen Priester und Staat, beschreibt ihn als liebenswerten Menschen. Sie gibt ihm dadurch eine herausragende Bedeutung, dass sie ihn als „Gott-Sohn“ bezeichnet, als Teil der „heiligen Dreifaltigkeit“ neben Gott-Vater und Gott-Heiliger Geist. Zugleich lehrt sie, dass Gott-Vater seinen eigenen „Gottessohn“ am Kreuz opfern musste, um unsere Sünden zu tilgen.
      Was ist das für ein Gottesbild? Das ist nicht der liebevolle Vater, von dem Jesus predigte, dass er die Menschen seine Kinder nennt und für sie sorgt! Und schon gar nicht „der/die Gebärer*in, Vater-Mutter des Kosmos” des aramäischen Jesusgebetes!
      Hier greift der theologisch geschulte Paulus zurück auf den richtenden und strafenden Gott des alten Testamentes, den zornigen, eifersüchtigen Gott, der „sein Volk“ züchtigt und die Feinde „seines Volkes“ erbarmungslos vernichtet, nicht selten mit Frauen, Kindern – und mit dem ganzen Vieh.
      Und diese Botschaft: „Der allmächtige Gott opfert seinen einzigen Sohn, um die Sünden der Menschen zu sühnen!“ wird als Zeichen der Liebe dieses Gottes für die Menschen gedeutet!
      Diese Botschaft zerreißt das Herz! Sie macht Schuldgefühle. Sie ist eine Beleidigung für den Verstand! Geradezu zynisch muss auf einen unbefangenen Hörer wirken, wenn das als „frohe Botschaft“ (EU-ANGELIUM) bezeichnet wird. Das zwingt die Menschen dazu, sowohl das eigene natürliche religiöse Gefühl als auch den kritischen Verstand zu unterdrücken, der eigenständig zwischen Wahr und Unwahr, zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. So geraten Menschen in den Zustand der Dissoziation, sie werden verwirrt, sie werden ihrem SELBST, ihrem eigenen Denken und Fühlen entfremdet.
      • Psychotherapeut*innen wissen, dass „doppelte Botschaften“ mit widersprüchlichen Inhalten traumatisierend wirken. Sie machen ver-rückt und können eine seelische Verwirrung (Double-Bind) auslösen.
      • Eine „Wahrheit“, die dem Verstand unverständlich ist, macht den Verstand entbehrlich, überflüssig, ja sogar gefährlich. So wird der Gläubige aufgefordert, seinen zu opfern für einen aufgezwungenen Glauben.
      Dies Phänomen „Aufopfern des eigenen Verstandes“ wurde tatsächlich zu einer „christlichen Tugend“ umgedeutet. Es ist so verbreitet, dass es dafür einen eigenen theologischen Fachbegriff gibt: „sacrificium intellectus“.

      8.5 Die Umdeutung einer schandvollen Todesstrafe zu einem heilbringenden Opfertod.

      Dem Leiden Jesu am Kreuz wird nun eine heilende, eine befreiende Wirkung zugesprochen. Spanische Maler haben die Verletzungen und das Leiden Jesu mit einem besonders erschreckenden Realismus dargestellt. Den Gläubigen wurde als „Andachtsübung“ empfohlen, über dieses Heil- bringende „süße“ Leiden zu meditieren, um Jesu zu folgen, um ihm gleich zu werden indem sie „Jesu Kreuz auf sich zu nehmen“. Das bewirkt erneut eine tiefe Verwirrung von Gefühl und von Verstand.
      So wird die klare Wahrnehmung für Recht und Unrecht getrübt. Und die gesunde Kraft, sich gegen - eigene und fremde! - Unterdrückung, gegen Unrecht und Leid erfolgreich zu wehren, wird geschwächt, zur Sünde erklärt und damit blockiert.

      8.6 Erziehung zu einem Kadavergehorsam
      Durch die Annahme einer „Erbsünde“, wird das „Selbst“, werden die natürlichen menschlichen Bedürfnisse nach Selbstbestimmung als „verderbt“ diffamiert. Ein natürliches Bedürfnis, sich gegen Anmassung und Übergriff der Obrigkeit zu wehren wird als Ungehorsam, als Sünde bezeichnet, und mit Höllenqualen bedroht.
      Höchste Tugend ist nun: Gehorsam zu sein, wie ein willenloser Körper. Ignatius von Loyola, der spanische Mönch und Begründer des Jesuitenordens spricht von der Aufgabe des Mönches, wie ein „cuerpo muerto“, spanisch für „toter Körper, Kadaver“- zu sein, um als geeignetes Instrument dienen zu können für den göttlichen Willen.
      Daher wird dieser Gehorsam als Kadavergehorsam bezeichnet.
      Diese Doktrin wirkt in hohem Masse SELBST-entfremdend und traumatisierend. Indem sie den Wesenskern, das SELBST eines Menschen denunziert, nimmt sie ihm seine eigene innere Orientierung.
      Das führt zu einer posttraumatischen Dissoziation. Das macht die Menschen orientierungslos. Ihrem Selbst entfremdet können die Betroffenen sich nur noch nach Fremden orientieren. Den Sinn ihres Lebens können sie nicht mehr in sich selbst, sondern nur noch in einem Dienst für andere sehen. So gefügig und abhängig gemacht können sie ohne Widerstand benutzt werden, auch von der weltlichen Macht.

      8.6 Benutzen und Bewerten
      Da klingt ein weiteres Thema an: Benutzen – und benutzt werden. In der „Urgesellschaft“ begegneten sich die Menschen auf Augenhöhe. Ihre Beziehungen waren bestimmt von einem Ausgleich von Geben und Nehmen. Anders in der Hierarchie mit ihrem Machtgefälle. Hier gibt es die Mächtigen, die Herren, die das Recht haben, andere für sich zu benutzen und auszubeuten – und die Abhängigen, die Knechte, deren Aufgabe es ist, „in Freuden zu dienen!“ Beziehung wird dadurch bestimmt durch das Prinzip „Benutzen“ und „sich benutzen lassen“.
      Die im katholischen Süddeutschland und Österreich verbreitete Grussformel „servus“ klingt sympathisch. Aber servus heisst Knecht, Sklave! Hat sich da in der Umgangssprache noch der Rest einer anerzogenen „vorauseilenden Unterwürfigkeit“ gehalten?

      Die Entscheidung, was nützlich ist – und was nicht – erfordert immer eine Bewertung. Da masst sich der Mensch an, sich über andre, auch über die Natur – über die Schöpfung – zu stellen, und anderen einen Nutz-Wert nach dem Masstab der eigenen Macht-Interessen zuzuordnen. Und er maßt sich weiter das Recht an, über andere nach diesem Nutzwert – oder Unwert – zu verfügen.

      Dies Prinzip des Bewertens ist geeignet, Menschen zu instrumentalisieren, sie zu benutzen. Die Mächtigen verstehen dabei, ihr eigentliches Ziel, das Verfolgen eigener herrschaftlicher Interessen geschickt zu verschleiert durch die Behauptung, das geschehe zu deren eigenen Besten. Derart ihrer Selbst-Bestimmung beraubt, werden Menschen zu gefügigen Werkzeugen der weltlichen oder geistlichen Macht.

      Bereits das von Paulus kreierte Narrativ des „Heilsplans Gottes“ beinhaltet das Prinzip des Benutzens, des Instrumentalisierens: Gott selber habe seinen eigenen Sohn „für einen guten Zweck“ geopfert, habe ihn benutzt, um die Menschen von dieser angeblichen Schuld zu befreien. Und der Jesus - des Heilsplans! – habe es zu gelassen, so benutzt zu werden. Da liegt es nahe, durch dieses Opfer „Erlösten“ zu empfehlen – um diesem Jesus ähnlich zu werden - ebenfalls Instrument zu werden, für etwas Größeres. Das heisst, sich selbstlos, also ohne auf sich selbst zu achten, benutzen zu lassen, ja sich „aufzuopfern“.
      Der eigene Wesenskern, das SELBST, das seinen eigenen Wert hat, steht dem jedoch im Weg und muss daher geleugnet, ja sogar abgewertet und verteufelt werden. So wird das eigene Selbst, die Quelle der Selbst- und Welt-Wahrnehmung, und daher der eigenen Würde und Kraft, blockiert und für sündig erklärt.
      So werden die beiden Aspekte, die oben als Voraussetzung für Autonomie beschrieben wurden: „Selbst“-Wert und Fähigkeit zur Abgrenzung, als „Ungehorsam“ abgewertet und im Keime erstickt.
      Das ist der Autonomie-feindliche und daher traumatisierender Aspekt der kirchlichen Doktrin.




      8.7 Unbefleckte Empfängnis und Jungfrauengeburt

      Das Dogma der „Unbefleckten Empfängnis“ bedeutet eigentlich, dass Maria bei der Empfängnis frei von der Erbsünde war. Das ist hochkompliziert, und daher wird dieser Begriff meistens so verstanden, daß Zeugung und Geburt „unrein“ sind und dadurch Mann und Frau „beflecken“.
      Dazu vermerkt Prof. Greinacher, katholischer Theologe, Tübingen, kritisch im „Spiegel“ vom 21.12.1992
      „So wurden der Frau beispielsweise kultische Funktionen vor allem wegen ihrer "monatlichen Unreinheit" verboten. Sie wurde deswegen sogar von der Teilnahme am Abendmahl ausgeschlossen. Nach der Geburt eines Kindes musste sie in einem besonderen liturgischen Akt der "Aussegnung" wieder für kultisch rein erklärt werden - ein Brauch, der bis in die sechziger Jahre üblich war.“
      Diese Vorstellungen sind geeignet, eine natürliche unschuldige Freude am eigenen Körper, an sexueller Lust, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt zu vertreiben. So wird dieser zentrale Bereich menschlichen Seins mit Assoziationen von Beschmutzung, von Angst, Scham und Schuldgefühlen belastet. So wird Menschen die zentrale Quelle einer SELBST-verbundenen Glückserfahrung genommen.
      Diese Aura von Leid und Schuld war es wohl, die Nietzsche zu der respektlosen – aber treffenden – Bemerkung veranlasste: „sie sollten erlöster aussehen, diese Christen!

      8.8 Abwertung der Frau

      Auch das Narrativ von einer „Jungfrauengeburt“ Marias ver-rückt die Realität und ist eine Beleidigung für den Verstand – aber noch mehr für die Mütter, die sich dem zufolge als unrein fühlen müssen - weil sie nicht als Jungfrau geboren haben.

      Das patriarchale Wertesystem zeigte sich einmal durch eine Höherbewertung des Männlichen – daher auch das Bild eines allmächtigen Gottes – bei einer gleichzeitigen Abwertung und Entwürdigung der Frau. Daher gab es keine Priesterinnen sondern nur Priester.
      In Kap. 8 wurde schon das Bestreben der Kirche erwähnt, in den biblischen Schriften Hinweise auf Jüngerinnen Jesu auszumerzen. Das betrifft insbesondere Maria Magdalena, deren ursprünglich sehr grosse Bedeutung für die Urgemeinde durch den Hinweis abgeschwächt wurde, sie sei eine Sünderin, oder gar eine Prostituierte gewesen.

      Mit der Forderung nach dem Zölibat wird ein natürliches Bedürfnis nach Sexualität unterdrückt. Verständlich, dass es nicht immer eingehalten wird. Um den Anschein zu wahren wurde die Existenz so genannter „Priesterkinder“ Jahrhunderte lang vertuscht. Auch hier wird der Sinn für die Realität ver-rückt: Die Kinder aus einer Beziehung zwischen einem Pfarrer und einer Pfarrköchin werden zwar teilweise finanziell versorgt von der Kirche, aber nur unter der Bedingung, dass diese „verbotene“ Beziehung nicht öffentlich wird. Das ist für alle Beteiligten eine schwere Belastung, am schwersten für das „Priesterkind“.
      Steht jedoch der Pfarrer öffentlich zu sich, zu seiner Frau und zu seinen Kindern, dann verliert er sein Amt, dann verliert seine ganze Familie den Lebensunterhalt.
      Die Folge dieser kollektiven Dissoziation: Für alle könnte deutlich sein, dass die Kirche hier eine doppelte Moral vertritt. Aber nur vereinzelt wagen es Betroffene, das anzusprechen! Und sie riskieren dafür Isolierung und Verleumdung.

      8.9 Das Monopol einer „allein selig-machenden Kirche“

      Die Amts-Kirche versucht, jeden „natürlichen“ unmittelbaren Zugang zu einer Transzendenz zu unterbinden. Es gibt zwar eine christlich - mystische Tradition, die eine unmittelbare Erfahrung des Göttlichen kennt – ohne oriesterliche Vermittlung - und damit der eingangs skizzierten Urreligion nahe steht. Sie wird von der Amtskirche jedoch nicht unterstützt, allenfalls geduldet.
      Die Kirche lehnt Naturreligion in allen Formen ab. Sie nimmt für sich das Monopol eines unmittelbaren Zugangs zu Gott in Anspruch. Sie spricht anderen damit das Recht und die Fähigkeit ab, durch diese unvermittelte Verbindung zur Transzendenz die Erfahrung der eigenen Würde, der eigenen Wertigkeit und Sinnhaftigkeit zu machen. Dadurch nimmt sie ihnen die natürliche Glücksquelle einer SELBST-bestimmten Beziehung zur Transzendenz.
      Den eigenen Quellen spirituellen Sinn-Erfahrung entfremdet sind die Menschen auf das „Angebot“ der Kirche angewiesen. Wenn sie davon nicht „satt“ werden, bleiben ihnen nur Surrogate, Drogen, Besitz, Macht, Konsum….


      8.10 Exkurs „Frühkindliche Quellen von Religiosität“

      So lautet eine Kapitelüberschrift in „Gott auf der Couch2“, einem kirchenkritischen Buch des bekannten Psychotherapeuten Tilmann Moser. Um diese Zusammenhänge zu verdeutlichen, ziziere ich daraus:
      „Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Gefühl der Andacht, dem Erleben eines eigenen Selbst oder dem, was die Säuglingsforscher das frühe Kern-Selbst nennen, und der Wahrnehmung einer nicht zum Selbst gehörenden Außenwelt, sei es die Mutter oder die Natur. Der Säuglingsforscher Daniel Stern hat eine solche Andachtssituation des Kleinkindes intuitiv erfasst und in Worte gefasst. In seinem Buch „Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, fühlt und denkt“ beschreibt er die Faszination angesichts eines Sonnenkringels an der Wand:

      „Sonnenstrahl 7:05 Uhr morgens
      Joey ist gerade aufgewacht. Er blickt unverwandt auf den Reflex des Sonnenstrahls an der Wand neben seinem Kinderbett.
      Ein Stück Raum leuchtet dort drüben.
      Ein sanfter Magnet zieht an und hält fest.
      Der Raum erwärmt sich und wird lebendig.
      In seinem Inneren beginnen Kräfte sich langsam tanzend umeinander zu drehen.
      Der Tanz kommt näher und näher. Alles steigt auf, um ihm zu begegnen. Er kommt immer näher. Aber er kommt nie an.
      Die Spannung verebbt.“
      Diese Gefühle der Andacht sind die Quelle einer natürlichen Religiosität (Kap. 4). Sie sind angeboren, wie unser SELBST. Auch wenn wir die Verbindung zu ihnen verloren haben, sie sind unzerstörbar und unverlierbar.

      Zusammenfassend wirkt die Botschaft der Kirche
      • verwirrend für Herz und Verstand: so kann eine posttraumatische Dissoziation entstehen. Sie predigt
      • Kadavergehorsam – statt Abgrenzung und Selbst-Bestimmung, und
      • „angeborene“ Sünde und Unwürdigkeit anstatt Erbwürde.

      FAZIT: Diese autoritäre Erziehung wirkt Selbst-Entfremdend und blockiert dadurch die Autonomie-Entwicklung. Sie wirkt traumatisierend über Generationen hinaus. Darüber hinaus wird auch die natürliche Erfahrung von Sinnhaftigkeit, Glück und Lust erschwert, ebenfalls über Generationen hinaus. Das ist geeignet, Menschen in den Zustand der Dissoziation zu versetzen und ihren Sinn für Realität zu ver-rücken.
      Diese Erziehung erschwert ein „Art-gerechtes“ Leben, da sie Selbst-Bestimmung und Selbstregulation blockiert.

      Kapitel 9 Modalitäten der Indoktrination

      Es dient zu meinen Freuden und tut mir herzlich wohl,
      wenn ich in deinem Leiden, mein Heil, mich finden soll.
      Ach möcht ich, o mein Leben, an deinem Kreuze hier
      mein Leben von mir geben,wie wohl geschähe mir!
      Strofe aus dem Kirchenlied „O Haupt von Blut und Wunden“



      9 .1 Die „Kanäle“ der Traumatisierung
      Wenn wir erkennen, wie tief sich Konditionierung durch die kirchliche Doktrin von Gehorsam und Unterwerfung in das Unbewusste der Menschen eingebrannt hat, dann stellt sich die Frage: über welche „Kanäle“ erfolgte diese Konditionierung?
      In Kapitel 7 haben wir den verbalen oder mentalen Kanal beschrieben, indem wir den Inhalt der kirchlichen Doktrin darauf hin untersucht haben, inwieweit er geeignet ist, Menschen zur Unterwerfung und Gehorsam zu erziehen. Die Dogmen in ihrer genauen Formulierung entsprechen einem „verbalen Kanal“, der in erster Linie den Verstand anspricht.
      Daneben gibt es jedoch noch weitere Kanäle: Bildliche Darstellungen, Lieder, Musik, Zeremonien, die mehr das Gefühl ansprechen und dadurch die Wirkung verstärken. Da sie zum Teil nonverbal sind erreichen sie auch Menschen, die des Lesens unkundig sind: Kinder und im Mittelalter auch Erwachsene.

      Konditionierung erfolgt nicht nur durch negative, traumatische Erlebnisse, sondern auch durch positive Suggestionen. Diese werden im therapeutischen Kontext zur Heilung des Klienten eingesetzt.
      Bei der Verwendung nonverbaler Kanäle wird die traumatisierende Botschaft vermischt mit angenehmen Erfahrungen oder positiven Suggestionen. Das verstärkt die Wirkung dadurch, dass es zu einer stärkeren Verinnerlichung der Doktrin beiträgt. Daher können auch positive Suggestionen dazu benutzt werden, um Menschen zu traumatisieren.
      Das möchte ich an den folgenden Beispielen erläutern.



      9 .2 Zeremonien

      In Kap. 8 wurde bereits erwähnt, wie die Kirche Menschen das Recht auf einen unmittelbaren Zugang zur Transzendenz abspricht und ihnen dadurch die Erfahrung der eigenen Sinnhaftigkeit und Wertigkeit nimmt. Zugleich benützt sie ein natürliches Bedürfnis nach Andacht, indem sie mit Meisterschaft dafür kirchliche Formen anbietet. Priester im prachtvollen Ornat der orientalischen Herrscher, Barocker Goldglanz, Weihrauch, Vokal- und Instrumental-Musik werden „gekonnt“ eingesetzt, um dieses Bedürfnis zu bedienen. Die traumatisierende Botschaft wurde auf diese Weise vermischt mit einer ansprechenden und verführerischen Zugabe, sodass die Betroffenen die toxische Botschaft gar nicht erkennen und zurückweisen konnten. In dieser Vermischung wird selbst eine traumatisierende Botschaft bereitwillig aufgenommen und verinnerlicht.
      Das erinnert an das Prinzip, das ich in Kap.7 beschrieb: wird ein Trauma-Introjekt gekoppelt an ein anderes, positiv besetzes Introjekt, dann lässt sich dieses Trauma nur sehr schwer entfernen.


      9 .3 Bilder und Plastiken
      Seit dem frühen Mittelalter dienten Wandfresken und Platiken der Verkündigung der Lehre, zumal damals das Volk nicht lesen konnte. Neben der Verherrlichung Gottes und der Heiligen wurden auch düstere Themen dargestellt: das jüngste Gericht und das Fegfeuer. Das geschah durchaus in der Absicht, bei den Gläubigen Angst und Schrecken und Schuldgefühle auszulösen, um so die Verinnerlichung der Doktrin wirkungsvoll zu verstärken. Auch heute noch werden Kinder so stark von Teufels-Abbildungen erschüttert, dass sie ihnen in Alpträume bereiten.
      Eine besondere Rolle spielt das Kruzifix, die realistische Darstellung des gekreuzigten Christus, die früher nicht nur in der Kirche sondern In katholisch geprägten Landesteilen an allen Weggabelungen angebracht war.
      Dies römische Folterinstrument ist – auch ohne den Korpus des Gekreuzigten - zum Symbol des Christentums geworden, besonders im römischen Westen, weniger im griechischen Osten.
      Wenn ein Kind zum ersten Mal ein Kruzifix sieht und den Erwachsenen fragt: was ist denn das? Dann kann es auch heute noch die Antwort hören: „Das ist unser Herr Jesus, der ans Kreuz geschlagen wurde wegen unserer Sünden.“ So wird schon früh dem Kind ein Sündenbewusstsein „in die Seele gebrannt“.
      Vitale Kinder lernen, das nicht ernst zu nehmen und zu verdrängen. Sensiblen Kindern kann das jedoch unglaubliche Schuldgefühle machen, durch seine Schuld diese Marterqualen verursacht zu haben.

      9 .4 Konditionierende Wirkung der Sakramente


      9 .4.1 Eucharistie als Aufforderung, dem geopferten Jesus gleich zu werden

      Christ*innen werden aufgefordert, jeden Sonntag im Sakrament der Eucharistie das Fleisch (und das Blut) des von den Römern am Kreuz gefolterten Jesus zu essen, symbolisiert durch eine Oblade. Sie verleiben sich den Gefolterten in diesem Ritual immer wieder erneut ein - um ihm immer ähnlicher zu werden, um das angeblich Heilbringende dieses Foltertodes in sich aufzunehmen.
      Hier der Text nach dem Lukasevangelium:
      „Und er nahm das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nahm er den Kelch, nach dem Abendmahl, und sprach: Das ist der Kelch, das neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird .…“
      Diese Botschaft stärkt nicht den Wesenskern des Menschen, seine “Erbwürde“ – die Jesus durch seine Predigt in den Menschen wecken, bestätigen und befreien wollte. Nein, sie legt den Menschen nahe, dem gekreuzigten, dem gefolterten Jesus ähnlich zu werden, durch die Einverleibung seines Fleisches und seines Blutes. So als müsse auch jeder Christ / jede Christin immer wieder erneut gekreuzigt werden, damit er/sie dem gewünschten Ziel nahe kommt: dem von der Macht gefolterten toten Jesus gleich zu werden.


      9 .4.2 Taufe
      Wer sich in den ersten Jahrhunderten taufen ließ, tat dies wohl im Glauben daran, noch zu Lebzeiten die Wiederkunft Jesu Christi zu erleben. In der Taufe wurde der Täufling symbolisch aus dem heidnischen Kontext herausgenommen und dem Machtbereich Jesu Christi unterstellt – was durch die Formulierung Taufe εις Χριστόν Ιησοῦν (eis Christón Iēsoûn, wörtlich: „in Christus Jesus hinein“) ausgedrückt wurde.
      Die Kirchen-Väter vertraten eine veränderte Sicht. Für sie war die Taufe ein „gesetzlich verstandener Eintrittsritus“ in die Kirche. Die Wassertaufe wurde als Abwaschung der ererbten oder bis dahin begangenen Sünden verstanden. Augustinus formulierte die Lehre von der Taufe „als Heilmittel gegen die Erbsünde“ und begründete so die Verpflichtung zur Kindstaufe innerhalb der römischen Kirche. Auch Martin Luther sah in der Taufe die sichtbar gewordene Zusage Gottes, den Menschen um Christi willen die Sünde zu vergeben.
      Das bedeutet: auch das „Sakrament“ der Taufe transportiert die traumatisierende Botschaft einer angeblichen Erbsünde!
      Die Sakramente wecken durch den „heiligen“ Rahmen („Sakrament!“) religiöse Gefühle und verschleiern wirksam die traumatisierende Wirkung. Der Weihrauch trägt zur Vernebelung des Bewusstsein bei.
      Auch hier wird ein Trauma-Introjekt gekoppelt an ein anderes, positiv besetzes Introjekt. Eine sehr wirksame Methode, um Menschen dazu zu bringen, sich freiwillig, ja mit Freude der Herrschaft und der von ihr ausgeübten „seelischen Leibeigenschaft“ zu unterwerfen…, um sie dazu zu bringen, „mit Freuden“ zu dienen und zu leiden.



      9 .5 Das Kirchenlied


      Das gemeinsam gesungene Kirchenlied spielte – neben den Kirchenfenstern und Passionsbildern – eine zentrale Rolle bei der traumatisierenden Prägung bereits der kindlichen Seele durch die kirchliche Doktrin von Schuld und Sündigkeit. Als Beispiel soll hier das bekannte Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ zitiert werden. Es geht zurück auf den lutherischen Theologen Paul Gerhardt (1607-1676), der seinerseits einen Text des Arnulf von Löwen (1200-1250) verwendete.

      O Haupt voll Blut und Wunden
      (Auswahl vom Autor LZ)
      Nun, was du, Herr, erduldet,
      ist alles meine Last;
      ich hab es selbst verschuldet,
      was du getragen hast. ...

      Ich will hier bei dir stehen,
      verachte mich doch nicht;
      von dir will ich nicht gehen,
      wenn dir dein Herze bricht;
      wenn dein Haupt wird erblassen
      im letzten Todesstoß,
      alsdann will ich dich fassen
      in meinen Arm und Schoß.

      Es dient zu meinen Freuden
      und tut mir herzlich wohl,
      wenn ich in deinem Leiden,
      mein Heil, mich finden soll.
      Ach möcht ich, o mein Leben,
      an deinem Kreuze hier
      mein Leben von mir geben,
      wie wohl geschähe mir!


      9 .8 MISSBRAUCH DER VORSTELLUNG EINES „ALLMÄCHTIGEN GOTTES“

      Die Vorstellung von einem „allmächtigen Gott“ ist uns so vertraut, und sie verbindet uns so sehr mit unserer Familie, unserer Nachbarschaft, unserem Land, ja dem „christlichen Abendland“, dass es sich wie ein Sakrileg anfühlt, wie Verrat, diese Vorstellung in Frage zu stellen.
      Verpflichtet unserer Forschung nach den tieferen Ursachen der globalen Selbstzerstörung wagen wir es und werfen einen kurzen Blick auf die Geschichte. Wir erinnern uns daran, was alles „zivilisierte“ Menschen des Abendlandes „im Namen eines allmächtigen - angeblich liebenden - Gottes“ anderen Menschen angetan haben. Die Gräueltaten des Alten Testaments lasse ich hier außer Betracht.
      Karl „der Große“ hat, nachdem sein Heer zum wiederholten Mal von den Sachsen unter Widukind besiegt wurde, selber einen Kriegszug nach Sachsen angeführt, die Sachsen besiegt, und die Auslieferung aller Verantwortlichen gefordert, einschließlich Widukind. Sie alle, nach der Überlieferung 4500 Männer, wurden im so genannten „Blutgericht von Werde“ geköpft. Karl veranlasste selber, dass ihr heiliger Baum, „Irminsul“ gefällt wurde.
      Karl wurde von der Kirche heilig gesprochen.

      In den zahlreichen europäischen Kriegen segneten die Priester der jeweiligen Staaten die eigenen Kanonen, im Namen Gottes. So wurde „Gott“ von jedem der gegeneinander verfeindeten Kriegsparteien – die beide einer christlichen Religion angehörten! - benutzt. Da wird deutlich: diese Vorstellung eines allmächtigen Gottes wurde von den jeweils Mächtigen benutzt, um sie für ihre eigenen Interessen einzuspannen.


      9 .9 Der Allmächtige Gott – ein Konstrukt zur Stabilisierung der weltlichen Macht


      In der Schöpfungs-Geschichte heißt es: „Und Gott schuf den Menschen, nach seinem Bilde.“ Aber wir müssen erkennen, dass es wohl genau umgekehrt war: das Bild eines „Allmächtigen Gottes“ wurde von den Mächtigen geschaffen „nach ihrem Bild“, und dazu benutzt, um ihren eigenen Machtanspruch religiös zu begründen und zu festigen. Das Konstrukt des allmächtigen Gottes wurde von der Allianz von Thron und Altar dazu benutzt, um die „Untertanen“ ihrer natürlichen Religiosität, ihrer angeborenen Unschuld und „Erbwürde“ zu entfremden, um sie besser in Gehorsam und Abhängigkeit zu halten.
      Über Jahrtausende waren Religionen und weltliche Herrschaft verbündet, sie stützten sich gegenseitig. Sie benutzten das Zerrbild eines „allmächtigenn Gottes“, um durch Mission und Kolonisation ihren Machtbereich zu vergrößern. Die Kirche und ihre Vertreter ließen sich auf diesen Handel ein - und profitierten kräftig dabei. In der Illusion gefangen, dass ein allwissender und all-liebender Gott die Geschicke der Menschen regelt, unterwarfen sich die Menschen selbst-los und bewusst-los (dissoziiert) diesem Zerrbild eines Gottes, bzw. den damit begründeten Machtansprüchen von Religion und Staatsmacht.


      9 .10 ZUSAMMENFASSUNG
      Liebe Leserin, lieber Leser! Es schien mir wichtig, sehr ausführlich und präzise die – mehr oder weniger – subtilen Methoden aufzuzeigen, mit denen die kirchliche Doktrin Menschen traumatisiert hat. Das Ergebnis mag für Sie so erschreckend sein, dass sie das gar nicht wahrhaben wollen. Auch ich war überrascht, wie umfassend und konsequent diese Indoktrination erfolgte, und wie geschickt sie sich verschiedener „Kanäle“ bediente, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Wenn sie, liebe Leser*in mir bis hierher gefolgt sind, dann können sie „am eigenen Leibe“ nachvollziehen, wie effektiv diese Beeinflussung ist, und sie werden erkennen, wie schwer es fällt, sie als solche zu erkennen und sich von ihr zu befreien. Das ist die Folge von Konditionierung.

      Da ich meine Aufmerksamkeit auf den traumatisierenden Aspekt der Doktrin richte, muss hier ein sehr einseitiges Bild von der Kirche entstehen. Das ist unvermeidbar.
      Ich bin vielen sehr engagierten Christinnen und Christen begegnet, die unter der kirchlichen Doktrin leiden und sich mehr nach der Lehre des lebendigen und liebenden Jesus - und nach ihrem eigenen Mitgefühl - orientieren als nach der Doktrin der Kirche. Ich respektiere sehr ihren Einsatz für soziale Gerechtigkeit, für Frieden und für Umweltschutz. Aber solange sie sich von dieser Doktrin nicht distanzieren, unterstützen sie die Verbeitung dieser Doktrin. Ihr eigenes Wirken ist ständig vermischt mit dieser Doktrin. Das macht es für sie selber – und für andere – fast unmöglich, die Destruktivität der Doktrin zu erkennen.
      Manche glauben vielleicht, in ihrem Leiden an der Kirche dadurch einen Sinn zu finden, dass sie ihr Leiden am „Kreuz an der Amtskirche“ mit dem Leiden Jesus an dessen Kreuz verbinden, im Sinne einer „Nachahmung Christi“.
      Aber dann würden sie sich ja identifizieren mit dem gefolterten Jesus, dessen Hinrichtung durch den römischen Staat von der Kirche zur Heilstat Gottes umgedeutet wurde. So tragen sie dazu bei, die Widersprüchlichkeit der kirchlichen Botschaft zu verschleiern.
      Die Alternative wäre, sich mit dem Jesus zu verbinden, der zu den Armen, Kranken und Ausgestossenen ging. Der sich gegen Ausbeutung und Unterdrückung durch die Hohenpriester wendete, und dafür mit seinem Leben zahlte. Und von dem die Worte stammen: „Lasset die Toten ihre Toten begraben!“und: "Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert."

      Gleichzeitig wird durch diese Ausführungen verständlich, warum es Menschen, die durch diese kirchliche Indoktrination zum Gehorsam erzogen wurden, so schwer fällt, die Doktrin kritisch zu sehen. Diese extreme Konditionierung zu einem Gehorsam schränkt auch die Möglichkeit einer Selbst-Erneuerung der Kirche ein. Autoritäre Organisationen, die in dieser Weise jede Kritik und damit auch die Möglichkeit zu einer Selbstregulation blockieren, enden in Erstarrung und Lähmung.

      EXKURS: DER GROSSINQUISITOR

      Der russisch-orthodoxe Schrifststeller Dostojewski war selber einer mystischen Volksfrömmigkeit sehr verbunden. Als er den Vatikan besuchte, war er sehr befremdet von Kälte und der Machtanmassung der römischen Doktrin. Von ihm stammt die folgende Parabel vom Großinquisitor1 (gekürzt):
      Jesus ist wieder auf die Welt gekommen, ins Sevilla zur Zeit der Ketzerverbrennungen. Die Menschen erkennen ihn und er heilt Kranke. Der Großinquisitor sieht das und lässt ihn gefangen nehmen und ins Gefängnis bringen, um zusammen mit anderen Ketzern verbrannt zu werden. Der greise Inquisitor besucht ihn im Gefängnis:
      "Wir haben deine Tat verbessert, und sie auf das Wunder, auf das Geheimnis und auf die Autorität gegründet. Und die Menschen freuten sich, dass sie wieder wie eine Herde geleitet wurden ... Warum bist du denn jetzt gekommen, uns zu stören? ... Wir sind schon seit langer Zeit nicht mehr mit dir im Bunde, sondern mit ihm, ... [da] wir von ihm das annahmen, was du unwillig zurückwiesest, jene letzte Gabe, die er dir anbot, indem er dir alle Reiche der Erde zeigte: Wir haben von ihm Rom empfangen und das Schwert des Kaisers und haben uns selbst als die Herren der Erde, als ihre einzigen Herren erklärt."
      Jesus schweigt und küsst den greisen Großinquisitor zum Abschied auf seine blassen Lippen.
      Der Großinquisitor öffnet Jesus die Gefängnistüre: “aber komme nie mehr wieder!“ Jesus geht.

      Hier wird das Dilemma der widersprüchlichen Botschaft der Kirche mit beklemmender Eindringlichkeit aufgezeigt.


      FAZIT

      Die Doktrin der Kirche ist ein seit 2000 Jahren sehr verbreitetes, und offensichtlich effektives Erziehungsprogramm zu Gehorsam und Unterwerfung durch Selbstentfremdung.
      Die Doktrin vermittelt im Wesentlichen zwei Botschaften:
      • Das Selbst ist von Natur aus sündig, verderbt.
      • Selbst-bestimmtes Leben, das heisst die Orientierung an eigenen Impulsen ist Sünde, daher wird bedingungslose Unterwerfung unter den Willen eines Höheren als Tugend gefordert.

      Diese Botschaften stehen im Widerspruch zur Lehre Christi. Durch diese Doktrin verlieren Menschen mit der Erb-Würde auch das Vertrauen zu ihrem SELBST, und die Fähigkeit SELBST-bestimmt zu leben. Sie verlieren ihre eigene Orientierung und werden abhängig von Fremd-Bestimmung. Das ist Trauma.
      Diese kollektive Selbst-Entfremdung über Jahrhunderte ist so zur Gewohnheit geworden, dass viele das gar nicht mehr wahrnehmen oder für „normal“ halten. Hier liegt die Ursache für den Verlust der Selbstregulation.
      Diese Traumatisierung führt zu Dissoziation und Desorientierung. Sie blockiert Gefühl und Verstand und damit die Fähigkeit, die globale Krise realistisch zu sehen und gezielt auf eine Veränderung hinzuwirken.

Empfänger
ero langlotz
Betreff:


Text:
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