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ero langlotz
Administrator
Beiträge: 166 | Zuletzt Online: 13.09.2019
Name
Ero Langlotz
Beschäftigung
Psychiater und Systemtherapeut im
Hobbies
Musik - viola da gamba
Wohnort
80805 München
Registriert am:
12.09.2012
Geschlecht
männlich
    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "Hochsensibilität" geschrieben. 23.08.2019

      liebe Lena,
      ja das musste ich auch erst lernen, dass Zwillinge mit lebendem Zwilling das gleiche Symbiosemuster haben wie alleingelassene Zwillinge. Auch da hilft die Abgrenzung um sich statt mit dem Zwilling wieder - oder vielleicht zum ersten mal! - mit sich selber identifizieren zu können.
      liebe Grüsse
      Ero Langlotz

    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "Hochsensibilität" geschrieben. 20.08.2019

      Hallo Lena,
      das ist eine wichtige Frage. Hochsensibilität ist immer mit geringer Abgrenzung verbunden, bisweilen gehört auch eine mediale "Begabung" dazu. Und geringe Abgrenzung ist meistens die Folge von Traumaerfahrung. Unter Umständen kann es auch eine sehr frühe Traumaerfahrung sein, z.B. der Verlust eines Zwillings im Mutterleib. Obwohl dieser Verlust meist zwischen der 8. und 14. Woche erfolgt - meistens auch von der Mutter nicht bemerkt - hinterlässt es in der Seele des "überlebenden Zwilling" eine lebenslang wirkende Spur: Die Betroffenen fühlen sich alleine, haben eine grosse Sehnsucht nach einem Wesen, mit dem sie so eins sein können wie mit einem Zwilling. Sie sind mit ihren Antennen mehr im Aussen als bei sich, und neigen dazu sich für andere verantwortlich zu fühlen, um für sie wichtig zu sein. Gleichzeitig haben sie Angst vor Nähe, Angst sich selber dabei zu verlieren, oder Angst, (wieder) verlasse zu werden. Wenn sie in einer traumatisierten Familie aufwachsen, neigen sie dazu, deren Traumata zu übernehmen. Ihre Verletzbarkeit - fehlende Resilienz - nimmt zu.
      Im Autonomiediagramm kann man selber die Einschränkung der Abgrenzung und der anderen Autonomie-Aspekte ablesen, aber auch nach erfolgreicher Therapie die Zunahme dieser Aspekte.
      Es gab ein Webinar zum Thema Hochsensibilität mit vielen Interviews, vor ca. einem Jahr. Und natürlich Bücher und Foren zu diesem Thema.
      Liebe Grüsse
      ero

    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "Symbiotische Beziehung Mutter/Sohn?" geschrieben. 26.06.2019

      Liebe Finnifee,
      ich antworte in deinen Text

      Du schriebst:
      Es geht um meine Schwiegermutter ( 73 J. ) und um ihren Sohn ( mein Schwager ), der 52 Jahre alt ist :

      Der Sohn ist seit 10 Jahren lebensuntüchtig, hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, sowie zwei Kinder bei denen er den Kontakt abgebrochen hat und auch keinen Unterhalt zahlt.

      Er hält sich mit Hilf- und Nebenjobs anscheinend über Wasser, doch keiner weiß etwas genaues, weil er darüber nicht spricht & dies verweigert.

      Vor 15 Jahren wurde bei ihm eine Depression diagnostiziert, die er heute noch gerne für sich deklariert ( verliebt ins eigene Drama, ich bin das Opfer, Schuldzuweisung an die Mutter )

      Erschwerend hinzu kommt, dass er seiner Mutter ständig diese Schuldzuweisungen macht mit agressiven Tendenzen, im Sinne davon :
      "Du bist an allem Schuld, ich hatte die schlechtestens & schlimmsten Eltern die er sich je vorstellen konnte"

      Dazu nutzt er seine Mutter finanziell aus und bittet immer nach den Vorwürfen & den Schuldzuweisungen um Geld, erfindet vermutlich Dinge, wie Waschmaschine kaputt, Geldbeutet geklaut u.ä.

      Wenn die Mutter von ihm etwas verlangt, verweigert er das.
      Er hat dann keine Zeit, oder wieder mal eine selbsternannte depressive Phase.

      Die Mutter bestärkt sein Verhalten, indem sie im ständig Geld gibt, seine Rechnungen bezahlt & mit ihm essen geht.
      Nimmt ihn unbewusst in Schutz, dabei ist sie diejenige die dringend vor ihm geschützt werden sollte.
      Sie kann sich nicht wehren, hat das Spiel nicht durchschaut.

      Er hingegen tut nichts für seine Mutter.

      Der Kontakt zu seinem Bruder hat er abgebrochen, weil er mich als "schlimm" deklariert hat.

      Warum er das getan hat, weiß ich.
      Denn ich bin die einzige die seine missbräuchlichen, manipulativen Spielchen durchschaut hat.
      Würde er mir gegenüberstehen, würde ich ihn konfrontieren.

      Um diese Verweigerungstaktik aufrecht zu erhalten muss er natürlich vordergründig Menschen als "schlimm oder unwürdig" deklarieren.
      was du beschreibst, klingt so als handele es sich um symbiotisches System, bei dem auch dein Mann betroffen ist. Meist ist das Symbiosemuster die Überlebensstrategie eines traumatisierten Systems.
      Es scheint, dass du über deinen Schwager urteilst - ohne das Trauma der Familie zu kennen, geschweige denn zu achten. Systemisch gesehen steht dir das gar nicht zu. Du bist in diesem System nicht zuständig und kannst daher auch nichts bewirken.
      Nur da wo du zuständig bist, kannst du auch etwas bewirken. Das ist in deiner Beziehung zu deinem Mann.
      Da wo deine Grenzen verletzt werden, oder du nicht als Partnerin geachtet wirst, hast du das Recht dich zu schützen und zu wehren.


      Was ist nun zutun, was wäre ratsam?
      Die Mutter kommt bald zu uns, sie möchte sich entspannen von dieser Situation.
      Wie lange wäre ein Aufenthalt sinnvoll?
      Das musst du mit ihr entscheiden, nach dem was sie sich wünscht - und was du zu geben bereit bist.
      Wären das 6 Monate? Und wäre eine Therapie für die Mutter sinnvoll, um den am Rockzipfel hängenden Sohn mit Ignoranz einmal in die Schranken zu weisen?
      Du hast da - ungefragt - schon genaue Vorstellungen - obwohl du da gar nicht zuständig bist!
      Mit freundlichen Grüssen
      Ero Lanlotz


      Ich freue mich sehr auf Antworten

    • Hallo Jo,
      danke für deine Antwort.
      Magst du mir nicht - zumindest persönlich! - deinen Namen verraten?
      Herzlich
      Ero

    • Kap. 12 Anleitung zu Self-Empowerment

      Anstatt sich Sorgen über die Zukunft zu machen,
      sollte man versuchen, sie zu verändern, solange man es noch kann.
      Und genau das müssen wir jetzt tun. Wir haben gar keine andere Wahl.
      Greta Thumberg,15 Jahre


      12.1 Dein SELBST
      Dein Selbst gehört zu deiner „Grundausstattung“ dazu. Zusammen mit deinem Leben hast du es von der Natur, von „Mutter Erde“ bekommen. Durch dein SELBST bist du Teil dieses „größeren Ganzen“ , darin besteht deine Würde, das gibt dir deinen Wert – unabhängig davon ob du etwas leistest oder für andere „nützlich“ bist. So wie eine Rose ihre Würde, ihren Wert in sich hat, einfach dadurch dass sie d a i s t.
      Auch wenn du nicht mit ihm verbunden bist, selbst wenn du noch nie verbunden warst, es ist als Potenzial unverlierbar, es ist unzerstörbar.
      Dein SELBST ist dein Wesen, das dich einzigartig macht, unverwechselbar. Es ist mehr ein Potenzial, eine Anlage. Es konnte sich entwickeln, wenn es von deiner Familie gesehen und geachtet wurde, und wenn du in dieser Familie dich abgrenzen durftest, NEIN sagen durftest, sodass du einen eigenen Raum „in Besitz“ nehmen konntest, in dem sich dies SELBST entfalten und differenzieren kann.
      Wenn du mit deinem SELBST verbunden bist, dann kennst du deine Bedürfnisse und Überzeugungen. Dann spürst du deine eigenen „intrinsischen“ Motive – an denen du dich orientieren kannst, um SELBST-bestimmt (autonom) leben zu können. Das macht dich zufrieden, gibt dir ein Gefühl von Sinn, von Glück.
      Wenn du mit diesem SELBST verbunden bist – das seinen Wert in sich hat - dann kannst du dich auch so zeigen, wie du wirklich bist – unabhängig davon, ob das anderen gefällt. Dann wirkst du auf andere authentisch, echt und … anziehend. Wenn du dann einem Menschen begegnest, der in gleicher Weise bei sich ist, dann kann eine Bindung durch Anziehung entstehen – statt wie meist durch Abhängigkeit. Dann wird eine ICH-DU Begegnung möglich.
      In diesem Gedicht versuche ich das auszudrücken:


      Dein Selbst ist wie eine Rose....

      Die Lust der Rose liegt darin, zu erblühen, ihre Schönheit zu zeigen, ihren Duft zu verschwenden und sich in eine Frucht zu verwandeln.
      Dein Selbst ist wie eine Rose,
      sie möchte sich entfalten, sich zeigen,
      geben und empfangen ...
      Freude und Schönheit ...
      Liebe und Weisheit ...

      Um sich zu öffnen, braucht sie einen RAUM
      der entsteht durch die vier Gewissheiten:
      Ich darf da sein ...
      Ich bin richtig, so wie ich bin ...
      Ich bin es wert, geliebt zu werden...
      Ich darf mich schützen … (die Dornen!)
      Das hat ihr die Natur mitgegeben, wie Kelchblätter,
      und dazu die Dornen, welche die Rose schützen.

      Bisweilen jedoch wagt die Knospe nicht, sich zu öffnen,
      Vielleicht hat sie jemand verschreckt, hat ihr gesagt,
      Sie habe nicht das Recht da zu sein ...
      Sie sei falsch, dürfe nicht eine Rose sein ...
      Sie habe nicht das Recht, gesehen, bewundert, geliebt zu werden ...
      Sie dürfe sich nicht wehren, ihre Dornen nicht zeigen ...
      Dann verschwinden Freude und Schönheit, Liebe und Weisheit ersticken unter einem grauen Schleier von Unterwerfung und Zwang.

      Um sich wieder zu öffnen, um zu erblühen braucht es dann jemanden, der sie an das erinnert, was sie im Innersten schon immer wusste.

      Ero Langlotz, 17.7.08


      Du fühlst durch dieses Gedicht angesprochen? Du spürst vielleicht eine Sehnsucht nach einer derartigen SELBST-Verbindung? Aber du merkst, dass du noch nicht in dieser Weise mit dir selbst verbunden bist. Vielleicht, weil deine Eltern – selber traumatisiert – dir das nicht vermitteln konnten, oder weil du selber Verlust oder Gewalt erlebt hast.


      12.2 Erkenne was deinem SELBST im Wege steht!

      Dann gehörst du vielleicht zu der Mehrheit, die sich noch im Symbiose-Muster befindet, geprägt von einer Untertanen-Struktur?
      • Du spürst mehr die Wünsche und Bedürfnisse deines Gegenübers – als die eigenen?
      • Du beschäftigst dich mehr mit den Problemen anderer – als mit deinen eigenen?
      • Du verwendest deine Kraft weniger, um dich selber vor anderen zu schützen – als gegen dich zu richten in Form von Selbst-Zweifel und Selbstwert-Problemen und Depressionen?
      Das Erkennen der eigenen Untertanen-Struktur ist der erste Schritt! Fatal ist, dass wir revolutionäre Ideen vertreten können – und gleichzeitig selber noch unbewusst von einer Untertanen-Struktur beeinflusst sind! Das mussten die Revolutionäre am eigenen Leibe erleben, daran scheiterten bisher die Revolutionen. Um den Teufelskreis von Macht und Unterwerfung zu durchbrechen, ist es daher erforderlich, die eigene „Untertanen-Programmierung “ zu erkennen und zu lösen.
      Der Autonomie-Fragebogen und das daraus abgeleitete Diagramm (Anhang) erlauben in fünf Minuten, die Ausprägung des eigenen Symbiosemusters – aber damit auch das bisher nicht ausgenutzte Potential zu erkennen.
      Ein Initiatisches Autonomie-Training (Anhang) ermöglicht es, das eigene Symbiose-Muster (z.B. ein Abgrenzungsverbot) zu erkennen und aufzulösen.
      Das führt zu einer schrittweisen Veränderung der eigenen Struktur in Richtung Autonomie und SELBST-Bestimmung.

      Autonomie-Modus
      Die Voraussetzungen für Autonomie und Selbstregulation lassen sich wie folgt beschreiben:
      1. Du kannst dich selber – und jeden anderen – wertschätzen, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und Religion, und unabhängig davon, ob der Betreffende etwas leistet.
      Diese „Würde des Menschen“ ist zwar als Grundrecht im Grundgesetz verankert, aber in der gesellschaftlichen Wirklichkeit noch nicht realisiert.
      2. Du hast ein Bewusstsein davon, das Recht auf einen eigenen Raum zu haben.
      Dies Bewusstsein setzt die Fähigkeit einer Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremden voraus. So entsteht ein Bewusstsein einer Grenze zwischen mir und dem Gegenüber.
      3. Du hast ein Bewusstsein, das Recht zu haben, deinen eigenen Raum gegenüber dem anderen schützen zu dürfen.
      Nur so ist es möglich, sein Kraftpotenzial gesund in der Abgrenzung zu entfalten, statt es destruktiv gegen sich selbst zu richten. So ist es möglich, eine eigene Identität zu entwickeln, das Bewusstsein für ein eigenes SELBST, welches wiederum Voraussetzung ist für SELBST-Achtung, für ein SELBST-bestimmtes Leben, für SELBST-Regulation.

      Das Symbiosemuster
      Das Symbiosemuster (Der „Agenten-Modus“, Die Untertanen-Struktur) ist, wie oben in Kap. 6 ausgeführt, nicht allein durch die kollektive Selbst-Entfremdende Doktrin der Kirche entstanden. Es ist das gemeinsame End-Resultat ganz unterschiedlicher Formen von Traumatisierungen, kollektiver, familiärer oder individueller Art. Es ist gekennzeichnet durch ein – mehr oder weniger ausgeprägtes -
      1. Verbot eines Rechtes auf SELBST-WERT,
      2. Verlust der Fähigkeit zur Unterscheidung (Differenzierung) zwischen ICH und DU, der Unterscheidung zwischen eigenem und fremden Raum.
      3. Verbot des Rechtes, eine Grenze zum Gegenüber wahrzunehmen und
      4. Verbot, die eigene Kraft für die Abgrenzung einzusetzen, um den eigenen Raum zu schützen.


      12.3 Dein Potenzial ist unverlierbar und unzerstörbar
      Auch wenn durch eine jahrhunderte-lange traumatisierende Selbst-entfremdende Erziehung die ursprüngliche Autonomie-Struktur in eine „Untertanen-Struktur“ verformt wurde, wiederhole ich:
      Dein Potenzial für Autonomie und Selbstregulation ist unzerstörbar.
      Täglich sehe ich in meiner Arbeit, wieviel Energie und welch großes Veränderungs-Potenzial durch das Verlebendigen des SELBST, durch das Wieder-Anschließen an das Selbst bei jedem Einzelnen frei wird.
      Das zeigt sich auch an den Wellen von Aufbruchs- und Veränderungsbewegungen, die um den immer mehr vernetzten Globus laufen – den Interessen der Superreichen zum Trotz.
      Aber auch im Alltag erleben wir immer wieder, dass Menschen spontan Zugang zu ihrem Kraftpotenzial bekommen. Nicht selten ist es eine Krise - die Konfrontation mit einer schmerzenden Realität, z.B. mit der eigenen Sterblichkeit oder einer Erfahrung der Todes-Nähe - welche erlaubt, das Illusionäre der eigenen Überlebensstrategie, der eigenen „posttraumatischen Trance“ zu erkennen, und sich daraus zu befreien.

      "Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen1"
      (Einsichten, die Ihr Leben verändern werden | Bronnie Ware, Wibke Kuhn | ISBN: 9783442341290 | )
      Die Australierin Bronnie Ware arbeitete 5 Jahre als Palliativpflegerin - für Todkranke, für Sterbende, für die, die ihren Tod kommen sehen, und die, die nichts davon wissen wollen. Sie begleitete ihre Patienten zu Hause in den Tod - und hörte in den Wochen, Tagen und Stunden in den Gesprächen mit den Sterbenden stets dasselbe Bedauern und dieselben Vorwürfe: das Bedauern darüber, nicht das Leben gelebt zu haben, das sie sich gewünscht hatten. Reue angesichts der Entscheidungen, die man getroffen oder nicht getroffen hat. Vorwürfe gegenüber sich selbst, weil diese Erkenntnis erst kam, als es bereits zu spät war. Dabei stieß sie immer wieder auf diese Themen:
      Ich wünschte
      1. ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben
      2. ich hätte nicht so viel gearbeitet
      3. ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken
      4. ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrecht erhalten
      5. ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein
      In diesen Themen finden wir das eine Grundthema: die Sehnsucht nach einer Verbindung mit dem eigenen wahren Selbst, die ein Selbst-bestimmtes Leben ermöglicht. Das heißt, hinter der Fassade der Anpassung an vermeintliche Zwänge bleibt unzerstörbar das Wissen um das Eigentliche. Aber dies Wissen muss offensichtlich befreit werden von den anerzogenen Blockaden, entweder durch die Konfrontation durch eine unabwendbare Not, oder durch Einsicht – oder durch eine Kombination beider Faktoren. Damit das Eigentliche erkannt werden kann, muss erst die illusionäre Sicherheit zerbrechen.

      12.4 Entdecke dein eigenes Potenzial!
      Das Problem: Wenn du dein SELBST gar nicht kennst, weil es durch Konditionierung verdrängt ist und du dich als Ersatz an „Surrogate“ gewöhnt hast, - an Leistung, Konsum, Besitz, Drogen - wie kannst du dann die Surrogate loslassen und dich auf ein Selbst einlassen, das du ja gar nicht – oder nur kaum – kennst? Das kann wie eine Falle sein! Das Aussteigen aus dieser Falle wird möglich, wenn das Bedürfnis nach SELBST-Verbindung immer stärker wird – oder wenn sich deine Surrogate in einer Krise als Illusion erweisen. Bisweilen kommt auch Beides zusammen.
      Es geht hier um
      1. dein Wieder-Anschließen an das eigene SELBST, dazu bedarf es
      2. der Wiederherstellung deiner STRUKTUR, welche erst die SELBST-Verbindung (Autonomie) ermöglicht: Abgrenzung, Grenze, eigener Raum, und die Befreiung des unterdrückten (und selbstschädigend gegen das SELBST gerichteten) Aggressionspotentials.
      Diese Aspekte sind miteinander kausal verknüpft, das heißt sie bedingen sich gegenseitig.
      Du wunderst dich, dass ich hier Übungen und Rituale vorschlage? Konditionierungen sind im Körper gespeichert. Daher können sie nicht allein durch Worte gelöst werden, sondern nur durch neue körperliche Erfahrungen.


      Wieder-Anschließen an das eigene SELBST
      Erinnern wir uns an die Beschreibung des SELBST:
      • Du hast dein SELBST – sozusagen als „Grundausstattung“. Auch wenn du es nicht kennst, oder nicht benutzt (wenn es noch „originalverpackt“ ist), es ist dein unverlierbares Potenzial.
      • Dein SELBST ist - wie auch du – eine Gabe der schöpferischen Natur, welche die Erde und alles Leben hervorgebracht hat.
      • Daher hast du von Geburt an einen Wert und eine unverlierbare Würde – und musst dir diesen Wert nicht erst erwerben, z.B. durch Leistung!
      • Daher weißt du um deine Verbindung mit dem schöpferischen Ganzen - dessen Teil du ja bist – und spürst Verantwortung für die Schöpfung.
      • Daher hast du in dir ein starkes Bedürfnis, mit diesem SELBST verbunden zu sein. Denn
      • die Verbindung mit deinem SELBST gibt dir das tiefe Gefühl von Selbstwert, von Zufriedenheit und Glück, nach dem du dich schon immer gesehnt hast.
      Ein Ritual kann dir helfen, wieder eine Verbindung mit deinem SELBST zu spüren - das sich als Teil des größeren Ganzen weiß - das du einzeln (Imagination) oder – wie hier beschrieben – mit anderen durchführen kannst.

      12.5 RITUAL DER SELBST-ACHTUNG
      Manche beklagen sich bitter, dass sie von anderen missachtet werden. Aber können sie denn sich selber – und die anderen - achten? Und ist das nicht die Voraussetzung dafür, von anderen geachtet zu werden?
      Dazu stellst du dich im Kreis auf und fasst die neben dir Stehenden an den Händen. Als Vorbereitung erinnerst du dich an eine Situation, als du tief berührt warst durch ein Erlebnis der Natur. Der Teil in dir, der da berührt wurde, ist dein Wesenskern, dein SELBST.

      Zunächst verneigst du dich tief, drei Atemzüge lang, vor der schöpferischen Natur, die dich hervorgebracht hat, die dich trägt und nährt, und deren Teil du bist: die Natur, das Transzendente, der Kosmos - oder „Mutter Erde - oder dem TAO. Dadurch spürst du in dir den Teil, der sich dieser Verbindung bewusst ist: dein Wesen, dein SELBST. Dein SELBST hat durch diese Verbindung mit dem Grösseren eine Würde, einen Wert in sich, unabhängig davon, ob du etwas leistet oder ob du gebraucht wirst oder nützlich bist.
      Im Bewusstsein, dass auch dein Gegenüber ein Teil des grösseren Ganzen ist, verneigst du dich als zweites vor dessen Selbst – auch wenn er vielleicht selber mit seinem SELBST nicht verbunden ist.
      Und da auch du dein eigenes SELBST nicht geachtet hast, verneigst du dich schließlich vor deinem Selbst.
      So bekommst du eine Achtung für dein SELBST, diese innere Instanz, die sich verbunden fühlt mit dem größeren Ganzen, und daher ihre Verantwortung kennt für das größere Ganze, das dich hervorgebracht hat, das dich trägt und nährt. Dieser innere Kern deines Selbst ist unzerstörbar und er kann nicht verloren gehen.
      Ich wiederhole: durch die Verbindung mit dem größeren Ganzen hat jeder Mensch seine Würde in sich, das heißt unabhängig davon, ob er etwas leistet oder ob er nützlich ist oder gebraucht wird – so wie eine Rose ihren Wert alleine dadurch hat, dass sie da ist. Je besser wir mit diesem SELBST verbunden sind, umso besser können wir selbstbestimmt leben, in Achtung für den anderen und mit Verantwortung für unsere Erde leben.

      Wiederverbindung heißt RE-LIGIO. Diese Haltung könnte man daher als UR-RELIGION bezeichnen. Durch diese Wieder-Verbindung mit dem größeren Ganzen, und damit auch mit unserem SELBST entsteht unter uns eine Gemeinschaft der Ebenbürtigen. Durch diese gegenseitige Achtung geschehen Beziehungen auf Augenhöhe und sind geprägt von einem gegenseitigen Austausch im Geben und Nehmen.

      12.6 GEBET AN DIE ERDE

      Dir verdanke ich mein Leben
      du nährst mich jeden Tag.
      Ich achte dich,
      indem ich mich achte als dein Geschöpf,
      und indem ich alle anderen achte,
      die auch deine Geschöpfe sind,
      Pflanzen und Tiere.

      Ich achte meinen Ursprung
      indem ich die Erde schütze,
      und indem ich die anderen schütze,
      die du hervorgebracht hast,
      Tiere wie Pflanzen.
      Ich stelle mich denen entgegen,
      die diese Erde
      und ihre Geschöpfe benutzen und zerstören.

      Das Leben, das ich von dir empfangen habe
      gebe ich weiter,
      an meine Kinder und Kindeskinder.
      Und ich lehre sie,
      dich zu achten,
      und sich zu achten,
      und alle die in dir ihren Ursprung haben,
      die du hervorgebracht hast,
      Pflanzen und Tiere.
      So wie ich mich nähre von anderen,
      von Pflanzen und Tieren,
      so werde auch ich einmal Nahrung sein
      für andere.
      Ein Geben und Nehmen.




      12.7 Befreie dich von deinen Blockaden
      Um die eigene „Untertanenstruktur“ zu entdecken – „Abgrenzungsverbot“ und fehlender eigener Raum - und zu verändern, ist wieder eine Übung erforderlich. Die Zusammenhänge werden erklärt (mentale Ebene) und durch die Übungen vom „Körpergedächtnis“ verinnerlicht. Nur so lassen sich Konditionierungen lösen.

      „Seelische Leibeigenschaft“ Folge von Trauma und seelischer Unterdrückung
      Wir alle kennen seelische Abhängigkeit in Familie und in der Arbeit, welche deutliche Parallelen zur Leibeigenschaft aufweisen. Daher könnte man sie auch bezeichnen als „seelische Leibeigenschaft“.
      Diese seelische Leibeigenschaft beschreibe ich im Folgenden dadurch, dass ich die Verhältnissen der realen Leibeigenschaft, wie sie über Jahrhunderte in Europa existierte, als Modell verwende. Um eine gendergerechte und dennoch lesbare Form zu finden, verwende ich für Leibeigene die weibliche, für Herr*in die männliche Form. Das entspricht auch dem patriarchalen Machtgefälle:
      Die Leibeigenen bewohnen einen Raum (oder Territorium), der ihr Eigentum sein könnte. Aber sie haben gelernt, dass dieser Raum einem anderen gehört: dem Herren. Der Herr hat daher das Recht, den Raum der Leibeigenen zu betreten, und über diesen Raum zu verfügen. Da die Leibeigenen somit glauben, kein Recht zu haben, ihren Raum zu besitzen und gegen den Herren zu schützen, wird der Teil ihrer Person, der dieses Recht hat (ihr Selbst), überflüssig, ja gefährlich da es die Unterordnung stören könnte: sie lernen, ihr SELBST zu unterdrücken, abzuspalten. Ohne Selbst und ohne Selbst-Wert orientieren sie sich nun nach den Ansichten und Bedürfnissen des Herren, statt nach ihrem Selbst. Sie überlassen dem Herren ihren Raum, bzw. der Herr besetzt ihren Raum. So wird der Herr zum „Introjekt“2 Der Wert der Leibeigenen wird davon bestimmt, wie nützlich sie für den Herren sind. Die Leibeigenen haben kein Recht, sich nach ihren eigenen Bedürfnissen und Interessen zu orientieren. Im Gegenteil, sie machen sich dadurch schuldig und können dafür vom Herren bestraft, ja sogar zu Tode geprügelt werden – ohne dass der Herr dafür zu Rechenschaft gezogen werden könnte! Damit nicht genug, sie können auch im Territorium – im Raum des Herren - des Herren zu (Fron-)Diensten herangezogen werden. So lernen sie, sich auch im (eigentlich fremden) Raum des Herren nützlich zu machen.

      Die Elemente dieses Modells sind die Unterscheidung
      • zwischen eigenem und fremden Raum - bzw.
      • zwischen eigener und fremder Identität,
      • zwischen eigener und fremder Zuständigkeit, und die Frage,
      • ob der eigene Raum von einer fremden Person (dem „Herren“) besetzt ist, oder
      • ob das „Selbst“ seinen Raum in Besitz nehmen und die Grenzen seines Raumes gegenüber dem „Herren“ schützen kann.
      Dies Modell kannst du dazu verwenden, um selber durch eine Systemaufstellung deine Beziehung zu einer Autoritätsperson zu untersuchen. Wird dabei eine Konditionierung zu Selbstentfremdung und Gehorsam sichtbar und bewusst, dann kannst du diese Konditionierung bearbeiten und lösen.

      12.8 Exkurs: Anleitung zum „Do it Yourself“
      Der Lösungsprozess der initiatischen SELBST-Integration ist so klar strukturiert, dass Betroffene selber nach Anleitung diesen Prozess durchgehen können. Daher habe ich seit bald 10 Jahren Anleitungen zum „Do it Yourself“ verfasst, die viel benutzt werden. Und mit einem initiatischen Effekt, wie diese Rückmeldung zeigt:

      Hallo,
      ich glaube, Ihre Seite hat mein Leben gerettet.
      Ich arbeite schon viele Jahre intensiv an mir selber, vorher Therapien etc. seit ich 18 Jahre alt war. Heute bin ich 39.
      Ich bekam mit 18 Angstzustände und trotz aller Therapien wurde alles immer schlimmer. Bis ich letztendlich vor einigen Jahren nicht mehr meine Wohnung verlassen konnte, weil ich nur noch ohnmächtig war, kraftlos und Todesängste hatte fast ununterbrochen. Ich hab dann an mir selbst gearbeitet mit energetischen Methoden. ZPoint, TAT und Mace Methode verhalfen mir zu Angstfreiheit seit kurzem, aber nicht zu meiner Freiheit.
      Ich bin vor einem Jahr aus der Stadt meiner Mutter weggezogen, aber frei fühlte ich mich immer noch nicht, es ging nicht vorwärts und immer wieder landete ich beim abarbeiten meiner Themen, bei dem Thema: ich muss alles teilen, nie bin ich alleine etc.
      Und gestern stieß ich zufällig beim Surfen nach Symbiose auf diese Seite, auf das "DO IT YOURSELF". Ich hab die Beschreibung durchgelesen und gleich die Übung gemacht meine Mutter kraftvoll und aktiv aus meinem inneren Raum zu schicken und ich fühle mich wie neugeboren. Meine Kraft kehrt zu mir zurück, es ist unglaublich. Ich könnte nur irre vor mich hinkichern, weil es so viel Spaß macht sie aktiv weg zuschicken und schwupps meine Kraft wieder zu spüren :-)
      Ich konnte mir das vorher nie erklären was da passierte bei mir, was das genau ist. Abgrenzen, Abnabeln etc. die Worte kannte ich, aber das half mir nicht viel weiter. Ständig war da diese Schwäche, im Denken, im Körper, brrr.
      Erst jetzt hat es richtig geklickt und ich habe schon nach 1 Tag wieder Lust auf mein Leben, auf Aktivität und Lebensfreude, es ist unbeschreiblich.
      Ich bleibe dran!
      2011-03-23



      12.9 Anleitung zur Befreiung durch „Do it Yourself“
      Dazu brauchst du: eine zweite Person als Helfer, drei Stapel(!)-Stühle, ein Meditationskissen, einen Schal oder ein Seil.
      Erklärungen stehen in nicht-kursiver Schrift. Lösende Sätze (kursiv, in „Paranthesen“) helfen dir, zu spüren, ob dein Gefühl durch die Konditionierung verwirrt ist. Wenn ja, dann kannst du dich entscheiden, ob du dich lieber nach deinem Verstand orientierst, um aus der Verwirrung auszusteigen.

      1. Du wählst Repräsentanten aus für dein Selbst – z.B. ein Stuhl mit einem runden Meditationskissen und ein Stuhl für die Autoritäts-Person, zu der du deine Beziehung klären möchtest, z.B. deinen Chef.
      2. Du stellst dich und die beiden Repräsentanten so auf, wie es deinem Gefühl entspricht. Das Bild zeigt dir bereits, ob und in wieweit du deinem Chef mehr Beachtung gibst als deinem Selbst.
      3. Wenn du überzeugt bist, dass dein Chef nicht in deinen Raum gehört, dann kannst du mit einem Schal die Grenze deines Raumes andeuten und deinen Chef jenseits der Grenze platzieren.
      Wie fühlt sich das für dich an? Bist du erleichtert – oder fehlt dir etwas? Oder vielleicht beides? Spürst du jetzt mehr Aufmerksamkeit für dein Selbst?
      4. Verlasse deinen Raum und stelle dich an den Platz deines Chefs sozusagen in dessen „Raum“. Wie fühlst du dich da? Fühlt sich das vertraut an? Hast du dich hier zuständig gefühlt? Du kannst noch einmal überprüfen, ob das zu deiner Identität hier und heute gehört – oder nicht. Wenn nicht, gehst du zurück in deinen Raum.
      Klärende Sätze: „Du bist du – und ich bin ich! Du hast deinen Raum, in dem nur du zuständig bist – und ich habe meinen Raum, in dem nur ich zuständig bin!“
      5. Nimm noch einmal deinen Chef in deinen Raum (als „Introjekt“). Hast du ihm mehr Aufmerksamkeit gegeben als deinem Selbst?
      Wie fühlt sich das an? Vielleicht gibt es dir ein Gefühl von Nähe und Sicherheit? Oder fühlst du dich selber klein und unterlegen, und löst das bei dir Abneigung aus? Oder beides (Ambivalenz). Wenn du erkennst, dass dein Chef wie eine fremde Energie ist, die deinen Raum besetzt, und dich daran hindert, du selber zu sein, dann wäre „Revolution“ angesagt. Und du kannst dein eigenen Raum dadurch „in Besitz“ nehmen, dass du deinen Chef – bei allem Respekt! - endgültig aus deinem Raum entfernst.
      „Das ist mein Raum. Und da gehört nur das hinein, was wirklich zu mir gehört!“
      6. Nun nimm Kontakt mit deinem Selbst auf, „das seinen Wert hat unabhängig davon, ob es gebraucht wird, ob es etwas leistet. So wie eine Rose, die ihren Wert hat, einfach, weil sie da ist.“
      7. Vielleicht erscheint es dir fremd oder „verboten“? Vielleicht wurde es von deiner Familie, von deinem Vater abgelehnt, und du hast dessen Sichtweise – dessen „Brille“ - übernommen, um zu überleben? Dann lege symbolisch die „Brille“ deines Vaters ab und schau mit deinen eigenen Augen auf dein Selbst. Gibt es an ihm etwas auszusetzen? Und prüfe, wie es sich anfühlt, wenn du mit deinem Selbst verschmilzt – statt mit deinem Chef.
      Wenn du dem Chef mehr Aufmerksamkeit, mehr Achtung gegeben hast – als deinem SELBST, dann prüfe mal die Wirkung des Satzes zu deinem SELBST:
      „Anscheinend habe ich dich bisher nicht geachtet. Das hat nichts mit dir zu tun, und das hast du auch nicht verdient“.
      Wenn das stimmt, dann kannst du das nachholen, indem du dich tief vor deinem eigenen SELBST verneigst!
      Danach könntest du mit deinem eigenen SELBST „probeverschmelzen“ - statt wie bisher dich mit deinem Chef zu identifizieren.
      8. Um die Verbindung mit deinem Selbst zu verbessern, kannst du deine Kraft für dich – statt wie bisher gegen dich – einsetzen, indem du die Grenze deines Raumes symbolisch gegenüber dem Chef „schützt“, mit Körpereinsatz!
      Hier vertritt dein Helfer den Chef und kommt auf dich zu, sodass du ihn an der Grenze stoppen kannst.
      Wie fühlt sich das an? Vielleicht verboten? Das wäre ein durch die Konditionierung bedingtes „Abgrenzungsverbot“.
      Um deine vitale Kraft noch besser einzusetzen, könntest du dein „Territorium“ wie ein Tiger schützen, mit einem Tigerschrei!
      9. „Gegenabgrenzung“. Bisher hast du dich vielleicht im „Raum“ deines Chefs „zuständig“ gefühlt – weil du dazu erzogen worden bist. Jetzt kannst du die Erfahrung machen, dass du da gar nicht zuständig bist, indem dich an der Grenze jemand stoppt – dein Helfer.
      Wie fühlt sich das an? Wenn du dazu erzogen wurdest, für andere da zu sein, dann fühlt sich das vielleicht an wie Ablehnung, Abweisung und kann sehr kränkend sein. Vielleicht gehst du deshalb den Menschen aus dem Weg, die sich klar abgrenzen können. Aber wenn du Tiger bist, dann darf auch der andere wie ein Tiger sein Territorium schützen! Das ist auch zwischen Erwachsenen normal! Statt verletzt zu sein, könntest du es „sportlich“ sehen. Dazu hilft das
      10. Training „Fit für einen starken Partner“
      Du gehst in den Raum deines Gegenübers, und dein Helfer stoppt dich kraftvoll mit den Sätzen:
      „Ich bin auch ein Tiger! Ich achte deine Grenze, und wenn du meine Grenze achtest, dann könnten wir uns auf Augenhöhe begegnen! Ich weiß, dass ich dir das zumuten kann, denn ich weiß dass du ein Tiger bist! Aber du hast das vielleicht vergessen – oder wollten sie dich zum „Kuschelkätzchen“ erziehen? Vielleicht musst du dich entscheiden, ob du in die „Liga der Kuschelkätzchen“ gehörst – oder in die „Liga der Tiger?“
      11. Gegenabgrenzung auf der Zeitlinie.
      Wenn du das von dir kennst, dass du alten Themen, Verletzungen oder Fehlern immer wieder Raum und Energie gibst, dann stell dir vor, du gehst symbolisch zurück auf einer Zeitlinie in die Vergangenheit, und da wirst du drei Mal gestoppt – von deinem Helfer – jeweils mit dem Satz: „Es gibt kein Zurück! Was vorbei ist, ist vorbei!“ „Und es kommt nicht mehr wieder!“ „Was mausetot ist, wird nie mehr lebendig!“
      12. Jetzt überprüfe noch einmal, wie sich die Verbindung mit deinem Selbst anfühlt – repräsentiert durch das Meditationskissen. Und wie geht es dir jetzt mit deinem Gegenüber?

      KOMMENTAR:

      Es hat sich gezeigt, dass durch ein solches Initiatisches Autonomie-Training ganz gezielt die Abgrenzungsfähigkeit und SELBST-Verbindung rasch und mit anhaltender Wirkung gestärkt werden kann. Oben in Kap. 11.7 habe ich Burnout als Beispiel einer gesundheitlichen Störung durch SELBST-Entfremdung erwähnt. Auch wenn die Konzerne ihre Strategie einer zunehmenden Leistungs-Überforderung nicht ändern werden, so zeigt diese Übung: es ist möglich, dass Einzelne durch ein gezieltes Training die eigene „Resilienz“ (Widerstandsfähigkeit) so erhöhen, dass sie trotz äußeren Drucks eine innere Gelassenheit und ihren SELBST-Wert beibehalten können.
      Wenn sie ihren inneren Raum in dieser Weise durch Abgrenzung „befreien“, dann sind sie auch im Betrieb „freie Menschen“.
      Diese Einsicht ist wichtig! Denn dadurch können wir rasch innerlich unabhängig werden von den Konzernen. je mehr sich in diesem Sinne befreien, und sich dabei gegenseitig unterstützen – auch im Betrieb! - umso eher können „befreite Inseln“ entstehen.
      Weitere Do it Yourself-Formate unter: https://www.e-r-langlotz.de/systemische_...bsttherapie.php

      12.10 Bedingungen einer „artgerechten“ Gesellschaft
      Eine artgerechte Gesellschaft erfordert Menschen, die mit sich selbst verbunden sind – statt fremdbestimmt. Das bedeutet Befreiung aus der „seelischen Leibeigenschaft“ das Erwachen aus der posttraumatischen Trance, der Wechsel aus dem „Agenten-Modus“ in den „Autonomie-Modus“.
      Selbst-Verbindung geht einher mit mehr Achtung für dich Selbst und für die Anderen!
      Selbst-Verbindung ermöglicht dir
      • SELBST-Bestimmung, das heißt,
      • die Erfahrung, selber wirksam zu sein („Selbst-Wirksamkeit“), und
      • mit einer Selbst-bestimmten Arbeit eins zu werden („Flow“). Das
      • vermittelt dir ein tiefes Gefühl von Sinnhaftigkeit. So ist es dir möglich,
      • mit geringerem Kraftaufwand
      • mehr zu leisten.

      Auswirkungen auf das Beziehungs-Gefüge
      Je mehr du in dieser Weise deinen Sinn und deinen Wert „intrinsisch“ in dir selbst findest,
      • umso weniger bist du abhängig von „extrinsischen“ Surrogaten: Besitz, Konsum, Macht.
      • Umso mehr kannst du einem anderen auf Augenhöhe begegnen, verbunden mit
      • einem Ausgleich von Geben und Nehmen.
      • Das führt zu mehr sozialem Frieden.

      Auswirkungen auf das Konsumverhalten

      Wenn du unterscheidest zwischen Echtem – und Unechtem, wenn du lernst das Echte zu achten – in dir und in anderen, wenn du lernst zu unterscheiden zwischen dem was „satt“ macht – und den „Surrogaten“, die den Hunger und die Gier nur noch steigern, dann verändert das auch dein Konsumverhalten.
      Statt einem geradezu süchtigen Verlangen nach immer neueren, nach größeren, moderneren, besseren (und meist kurzlebige) Modellen – um ein mangelndes SELBST-WERT-Gefühl zu kompensieren, indem du dich gegenüber den anderen besser fühlt3 – wird dir jetzt ein distanziertes kritisches Konsumverhalten möglich. Kaufentscheidend werden für dich jetzt die Unterscheidungen (Differenzierungen!),
      • ob du das Objekt wirklich brauchst – oder nicht,
      • ob es umweltfreundlich und sozial verträglich hergestellt wurde – oder nicht,
      • ob es langlebig ist – oder nicht, und
      • ob es aus der Region stammt – oder nicht.
      Damit unterstützst du die regionalen Wirtschaft – statt die global agierenden Großkonzerne. Du achtest mehr den Wert der regionalen Gemeinschaft, vielleicht sogar in Form von Solidargemeinschaften. Du trägst dazu bei, die Umweltbelastung durch weite Transporte zu reduzieren.
      Du förderst die Produktion langlebiger Produkte – statt die Konzerne zu unterstützen, die immer wieder neue Modelle produzieren, die mit Absicht nur kurzlebig sind, und dadurch den Raubbau an den Rohstoffen verstärken.

      12.11 Die Krise des Wirtschafts-Systems
      Das gegenwärtige plutokratische (gewinnorientierte) Wirtschaftssystem hat keine Zukunft. Es kann daher zu einer schleichenden Verlangsamung des Wachstums kommen, aber auch zu kritischen Einbrüchen. Langfristig wird es zu einer deutlichen Senkung unseres heutigen Lebensstandards kommen – der bisher auf Kosten anderer künstlich aufgebläht war.
      Aber je mehr Menschen im Autonomie-Modus sind, umso eher können sie diese Reduktion auf Wesentliches als Gewinn, als Befreiung von Abhängigkeiten erleben –
      statt wie bisher als Verlust oder Zwang. Und umso sanfter wird der Übergang vom jetzigen Wirtschaftssystem zu einem neuen, „artgerechten“ Wirtschaftssystem sein.

      12.12 „Krieger*innen der Erde“
      Die bevorstehenden Auseinandersetzungen mit den Machtkomplexen und die zu erwartenden Versorgungskrisen sind eine existentielle Herausforderung.
      Um dafür gewappnet zu sein, ist es ratsam, sich gemeinsame mit Lebensgefärt*innen und Kindern eine Kriegermentalität anzueignen - „Krieger*innen der Erde“.
      Folgende Aspekte scheinen mir wichtig:
      • Abschirmung gegen verwirrende Spam- und Fake-Informationen.
      • Tägliche Verbindung mit deinem SELBST durch MEDITATION (SCHWEIGEN ODER SINGEN. SITZEN ODER LAUFEN), alleine oder besser in der Gruppe.
      • Regelmässige Verbindung mit der Natur, am besten mit der unberührten Natur. Wenn das nicht möglich ist, dann suche dir einen Baum oder eine Topfflanze, die dich daran erinnert, dass du mehr mit den Pflanzen gemeinsam hast als mit einem Computer.
      • Geistiger Proviant: konsequentes Entwöhnen von Surrogaten und Begrenzung auf ausschliesslich Nährendes
      • Ausrüstung: Beschränkung auf das Nötigste, aber das gediegen und tauglich.
      • Und ganz wichtig: Wer sich so für das Leben einsetzt, sollte dabei DIE FREUDE AM L E B E N nicht vergessen! Das bedeutet, Dinge zu tun, die nicht primär nützlich sind, sondern „nur“ Spass machen.
      Dazu ein bairisches Mundartgedicht (Max Dingler,"Das bairisch Herz" 1. Auflage 1940)

      Der Faulenzer

      Es geht a Winderl übers Moos (Moor),
      schö lüftig is da Tag,
      da Schindlbeck mit seine Rooß
      fahrt hintre in sei'n Schlag.
      I hock alloa am Fuchsloch drobn,
      und siech des Wagerl geh,
      und siech wia's z'Aschau Scheiteln klobn,
      Herrgott die Welt is sche!
      Da kimmt der Förschter aus'n Holz,
      mi'm Bischl (Dackl) hinten dro.
      Da Förschter is hübsch grob und stolz,
      und red mi dengerscht (direkt) o:
      "Du Loda (Lausbub), flackst scho wieda rum
      als wiar a Findelstoa?
      De andern plagn si schiaf und krumm,
      und was hast du zu toa?"
      "Des", sag i, "kon i leicht beschreibn:
      Wo d'Welt so schen is heit,
      muß do no oana übri bleiben,
      der wo si nix wia gfreit!"

      Vernetzung von zukunftsorientierten Netzwerken

      Es werden immer mehr alternative Unternehmen entstehen, die zukunftsorientiert - statt gewinnorientiert handeln Die eher genossenschaftlich organisiert sind als hierarchisch-autoritär. Diese Unternehmen, diese Initiativgruppen werden sich immer mehr vernetzen – das ist der große Vorteil des Internets – sodass langsam ein alternatives Wirtschaftssystem entstehen kann. Das kann auch dau beitragen, die Folgen eines Zusammenbruchs des plutokratischen Systems abzufedern.
      Die Minderheit der Mächtigen hat dadurch Macht angesammelt, dass sie durch kollektive traumatisierende SELBST-Entfremdung die Mehrheit der Vielen zu Gehorsam und Unterwerfung erzogen hat. Wenn die Mehrheit bewusst wird und sich vernetzt, dann kann sie erstmals den Mächtigen etwas Eigenes entgegen setzen. Die globale Vernetzung durch das Internet bietet dazu optimale Chancen.
      Von Europa ging die imperiale Unterdrückung und Ausbeutung der ganzen Welt aus. Von Europa könnte auch eine zweite Aufklärung, eine zweite Revolution ausgehen.

      12.13 Die Demokratie ist tot? Es lebe die Demokratie!
      Die Demokratie ist nicht tot. Im Gegenteil: Eine artgerechte Gesellschaft ist nur innerhalb einer Demokratie möglich! Aber die Demokratie braucht wache, selbst-bestimmte Bürger*innen! Die differenziertere Wahrnehmung der eigenen essenziellen Bedürfnisse – und die der Anderen! - schärft auch den kritischen Blick für die Politiker*innen – und für die Strategien der Großkonzerne. Wahlentscheidungen werden dann nicht mehr durch unverbindliche Wahlversprechen der Politiker*innen bestimmt, sondern durch den Nachweis einer ausgleichenden Politik, die nicht wie bisher an den Interessen der Konzerne orientiert ist, sondern an den essenziellen nationalen und internationalen Interessen aller Bürger. Einer Politik, die daher den Boden schafft für sozialen Frieden im eigenen Land und für internationalen Frieden.
      Nur eine lebendige Demokratie ist in der Lage, eine artgerechte Lebensweise zu sichern, welche sich an dem zentralen Bedürfnis orientiert, das für alle Bürger*innen absolute Priorität hat:
      Die Sicherung der Zukunft unserer Kinder, d.h. Generationen-Gerechtigkeit
      Diese Ziele einer zukunftsorientierten Politik werden immer deutlicher und überzeugender formuliert, zum Beispiel im „Generationenmanifest“5.
      Das Ziel, eine handlungsfähige Demokratie zu sichern, erfordert
      • Erziehung zu einem eigenständigen Denken. Das bedeutet Kritik an autoritären, selbst-entfremdenden Erziehungs-Methoden - in kirchlichen und in öffentlichen Schulen! - und die Einführung eines „Autonomie-Training“ an Schulen (Kap.12) für Lernende und Lehrende!
      • die Offenlegung und Beendigung von Allianzen zwischen der Politik und den Wirtschafts- und Finanz-Konzernen.
      • Da die Kirche eine autoritäre SELBST-Entfremdende Doktrin vertritt, ist die Trennung von Kirche und Staat zu fordern.
      • Schonung der Ressourcen und deren gerechte Verteilung.
      • Internationaler Interessenausgleich
      • Ächtung von Krieg, Ausbeutung, Umweltzerstörung denn sie sind
      Verbrechen gegen den Generationenvertrag.

      • Und es sind die Kinder, die als unmittelbar Betroffene als Erste auf die Strasse gehen, um Druck auf die Politik zu machen. Am Freitag demonstrieren weltweit Schüler für eine andere Klimapolitik ( Jetzt.de 29.11.2018: https://www.jetzt.de/gutes-leben/fridays...den-klimawandel)

      12.14 Fridays4Future: Weltweiter Protest gegen den Klimawandel

      Unter dem Motto #FridaysForFuture verlangen sie von den Politiker*innen, die Klimaziele endlich ernst zu nehmen.
      „Warum in die Schule gehen und etwas für eine Zukunft lernen, die es vielleicht gar nicht mehr geben wird?“ Diese Frage stellen alle Schülerinnen und Schüler, die am morgigen Freitag nicht im Klassenzimmer sitzen werden, sondern stattdessen protestieren – für eine andere Klimapolitik.
      Der Kern des Protests ist in Schweden, wo am Freitag in mehr als 100 Schulen Schülerinnen und Schüler dafür streiken, dass das Land seine Klimaziele endlich einhält. Ausgelöst wurd die Aktion durch eine 15-jährige Schwedin.
      Im August hat sie beschlossen, nicht mehr zur Schule zu gehen, bis ihr Land die Ziele des Pariser Klimaabkommens erfüllt. Mit einem Plakat, auf dem "Schulstreik für das Klima" stand, setzte sie sich wochenlang vors schwedische Parlament. Das hat viele Menschen beeindruckt. Mittlerweile streikt sie zwar nur noch freitags, doch kann man unter dem Twitter-Hashtag #FridaysForFuture sehen, dass viele Menschen weltweit sie unterstützen. Und zum Teil sogar selber streiken.

      SZ-Interview:
      (Süddeutsche Zeitung, 3.12.2018)
      Greta Thunberg. die in den vergangenen Monaten zu einer Galionsfigur der Klimabewegung geworden ist, im Interview mit der SZ:
      SZ: Wo bist du im Moment?
      Greta Thunberg: Wir sind in Dänemark und werden in elf oder zwölf Stunden in Katowice sein. Wir sind im Elektroauto unterwegs und müssen etwa alle zwei Stunden anhalten und aufladen.
      Bist du schon mal geflogen?
      Ja, als ich kleiner war. Aber 2016 habe ich gelesen, wie hoch die CO₂-Emissionen von Flugzeugen sind, und beschlossen, es nie wieder zu machen.
      War das die Zeit, als du anfingst, dich mit dem Klimawandel zu beschäftigen?
      Nein, das war früher. Als ich acht Jahre alt war, hat ein Lehrer uns von der Erderwärmung erzählt und ich dachte: Wenn das wirklich passiert, dann würden wir doch über nichts anderes mehr sprechen, es müsste höchste Priorität haben! Aber niemand hat darüber geredet. Also habe ich mich informiert, habe Schulbücher und Artikel gelesen, Filme angeschaut, meine Eltern gefragt, bis ich verstanden habe, was gerade passiert. Und dann habe ich angefangen, bei uns daheim immer das Licht auszuschalten. Das war der erste Schritt.
      Vor der schwedischen Parlamentswahl in diesem Jahr hast du mit deinem Streik begonnen. Wie bist du auf die Idee gekommen?
      Ich habe von den Jugendlichen in den USA gehört, die nicht mehr zur Schule gegangen sind, um gegen die Amokläufe zu protestieren, und jemand sagte: Was wäre, wenn Kinder genau das fürs Klima machen würden? Der Gedanke hat mir gefallen. Anfangs wollte niemand mit mir streiken. Also musste ich es alleine machen.
      Was haben deine Eltern gesagt?
      Die hielten das für keine gute Idee. Sie fragten, ob es nichts anderes gibt, was ich machen könnte, und haben gesagt: Wenn du es machen willst, wirst du dabei alleine sein, wir werden das nicht unterstützen. Das ist immer noch so, aber mittlerweile sind sie froh, dass ich nur noch freitags streike, und helfen mir bei allem anderen.
      Was forderst du konkret?
      Dass Schweden das Pariser Klimaabkommen erfüllt. Auch alle anderen wohlhabenden Länder müssen ihre Emissionen jährlich um 15 Prozent reduzieren, wenn sie klimagerecht sein wollen, so steht es im Pariser Abkommen und nur so können wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen. Aber wir wissen mittlerweile auch, dass nur bei einer Erwärmung bis zu 1,5 Grad der Einfluss auf das Klima erheblich verringert würde. Die Emissionsreduzierung müsste also noch viel größer sein, um das zu schaffen.
      Was rätst du jedem Einzelnen, der das Klima schützen will?
      Informiere dich, bilde dich weiter, versuche, die Klimakrise zu verstehen. Sprich mit anderen, trage die Botschaft weiter, fordere, dass etwas dagegen getan wird. Im Alltag solltest du vegan leben, nicht mehr fliegen und Auto fahren und weniger konsumieren.
      Was wirst du während der Klimakonferenz machen?
      Ich halte ein paar Reden, treffe ein paar Leute, auch den UN-Generalsekretär António Guterres. Ansonsten möchte ich vor allem zuhören und mitkriegen, was passiert.
      Wie geht es dir beim Blick in die Zukunft? Bist du optimistisch, dass sich etwas ändern wird, oder eher besorgt?
      Ich denke nicht besonders viel darüber nach. Anstatt sich Sorgen über die Zukunft zu machen, sollte man versuchen, sie zu verändern, solange man es noch kann. Und genau das müssen wir jetzt tun. Wir haben gar keine andere Wahl.


      München, 4. Dezember 2018
      www.e-r-langlotz.de www.systemische-selbstintegration.de

    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "MUTTER-INTROJEKT UND TRAUMA Thema mit Variationen" geschrieben. 28.11.2018

      Liebe LinaMarie,
      zu ihrer 1. Frage: können diese Trauma-Konglomerate im Do it Yourself-Verfahren gelöst werden?
      Nein. Bereits das Erkennen solcher Konglomerate erfordert viel Erfahrung! Ich selber nehme diese Phänomene erst seit einem halben Jahr wahr! Und das Konzept entwickelt sich immer weiter.
      2. Ich gehe von der Annahme aus, dass alle seelischen Probleme bis hin zur Psychose sich durch dies Konzept lösen lassen. Und ich habe diese Annahme bisher (fast) immer bestätigt gefunden. Ja ich arbeite gerne mit "hoffnungslosen" Fällen, weil ich darin die "Chance" sehe, neue Varianten der Verwirrung zu erkennen - und zu lösen.
      Das kann dann bei einzelnen manchmal auch Jahre dauern, bis sich etwas bewegt. Aber gerade in sehr komplexen und hartnäckigen Fällen wirkt das Erkennen und Lösen derartiger Konglomerate bisweilen sehr rasch und anhaltend.

      Fallbeispiel Panik am Steuer
      Petra, 35 Jahre stammt aus einer mehrfach traumatisierten Familie und hat schon viel durch Aufstellungen geklärt. Sie lebt in einer Beziehung und hat zwei Söhne, 3 und 1 Jahr. Jetzt kommt sie zu einer Einzelsitzung. Seit sie Autofahren kann hat sie am Steuer Panikattacken, sodass bei den gemeinsamen Urlaubsreisen immer ihr Mann fahren muss.

      Ich verwende das Format „Problem als Schlüssel zur Lösung“
      Wir nehmen an, dass Petra einen Selbst-Anteil besitzt, der ohne Panik ein Auto lenken kann. Aber offensichtlich ist sie mit diesem Selbstanteil nicht verbunden, weil ein „Blockierendes Element“ (BE) das verhindert.

      Petra stellt auf: sie steht ganz nahe bei dem BE, ihre Selbstanteile entfernt.
      Sie entfernt das BE und grenzt es durch einen Schal vom eigenen Raum ab- obwohl ihr das falsch und verboten erscheint!
      Um das BE zu erforschen, setzt sie sich auf das BE (Hocker). Unter Schluchzen erinnert sie sich an einen tragischen Unfall ihres Vaters, noch vor ihrer Geburt. Der Vater war mit seinem Lastwagen unterwegs, zwei seiner Kinder auf der Ladefläche, als auf abschüssiger Strecke die Bremsen versagten. Um die Fussgänger nicht zu gefährden, brachte er den Wagen zum Kippen. Dabei starben seine beiden eigenen Kinder!
      Die Mutter in ihrem Schmerz hatte dafür den Mann – zu Unrecht – beschuldigt, alkoholisiert den Unfall verursacht zu haben, hatte sich von dem Mann getrennt, und den Kindern durch ihre Vorwürfe gegen den Vater den Kontakt zu ihm erschwert. Nur Petra hielt zu ihrem Vater. Kurz vor seinem Tod hatte sie ihn noch besucht und von ihm auch seine Version von diesem Unfall gehört.

      Leiter: „Das ist das Trauma deines Vaters! Gehört es in deinen Rau hier und heute?“
      Petra weint und nickt heftig.
      Die Vermutung ist: Es verbindet sie mit dem – kürzlich verstorbenen – Vater und zusätzlich auch mit den beiden Geschwistern, die sie ja gar nicht kennen lernen konnte. Daher fühlt es sich für sie lieblos und verboten an, das Trauma abzugeben, so als würde sie dadurch den Vater verraten - und die beiden Geschwister.
      Ein Kind übernimmt oft eine Leid oder eine Schuld eines geliebten Angehörigen, so als könne es durch das „Teilen des Leids“ seine Liebe zu dieser Person ausdrücken.
      Es braucht einige Überzeugungsarbeit des Leiters bis Petra sieht, dass ihr Vater und auch die Geschwister nicht glücklich sind, wenn sie ihre Liebe zu ihnen durch das Übernehmen des fremden Leids ausdrückt. Schliesslich stimmt ihr „Verstand“ zu und sie kann sich von dem Trauma des Vaters abgrenzen.
      Der Leiter vermutet, dass sie zusammen mit dem Trauma auch den Vater und die beiden Geschwister als Introjekt in ihrem „Raum“ hat. Das fühlt sich für sie sehr stimmig an. Der Vorschlag, mit dem Trauma auch Vater und Geschwister „dahin gehen zu lassen, wo sie ihren Frieden finden“, löst massiven Abschiedsschmerz aus. „Das ist ein gesunder Schmerz, wenn du da hindurch gehst, dann öffnet sich die Türe für das Hier und Jetzt!“
      Schiesslich kann sie loslassen, kann sich mit ihrem Selbst verbinden. Zum Schluss bittet sie den Vater noch um seinen Segen und ist sehr erleichtert und berührt.

      Rückmeldung
      Schon bei der nächsten längeren Autofahrt konnte sie ihren Mann am Steuer ablösen – ohne Panik! Und seit der Aufstellung hat sie nie wieder Panikattacken am Steuer gehabt.

      Kommentar
      Hier ist das Trauma-Introjekt gekoppelt an weitere Introjekte: den Vater und die verstorbenen Geschwister, zu denen sie eine starke emotionale Bindung hat. Das erklärt, warum sie das Trauma über so lange Zeit in ihrem „Identitätsraum“ festgehalten hat. Wenn es der Klientin gelingt, das Trauma-Introjekt zu entfernen und abzugrenzen, dann ist die „initiatische“ Erfahrung einer Verbindung zu den unbeschwerten – und unverletzten – Selbstanteilen möglich.
      Herzliche Grüsse
      Ero
      und wollen sie sich nicht mit Bild zeigen???

    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "MUTTER-INTROJEKT UND TRAUMA Thema mit Variationen" geschrieben. 27.11.2018

      Liebe LinaMarie,
      ich freue mich sehr über ihren Beitrag, denn genau das beobachte ich auch.
      Wenn eine Mutter ein Gewallttrauma hat, dann übernimmt - wie beschrieben - ein Kind dies Trauma als Introjekt, und nimmt gleichzeitig auch die Mutter als Introjekt in den eigenen Raum. nIcht seltenbeobachte ich dann - wie du - dass das Kind ein ähnliches Gewalttrauma hat, ebenfalls als Introjekt. Und beim Entfernen dieses eigenen Trauma-Introjektes zeigt sich bei der Klientin ein Widerstand, den sie selber wie ein Verbot oder wie ein Verrat an der Mutter erlebt.
      Dazu fällt mir ein sehr bizarres Beispiel ein: Eine Frau (Psychologin, als Jugendliche Bulimie, lange Therapien) war von ihrem Urgrossvater missbraucht worden, der bereits ihren Vater missbraucht hatte. In einer ersten Aufstellung zeigte sich, dass sie sich von ihrem eigenen Trauma erst verabschieden konnte, nachdem sie auch Vaters Trauma als übernommenes Introjekt erkannt und entfernt hatte, und Vater und Urgroßvater, die sie ebenfalls als Introjekt hatte. Das war schon ein sehr komplexes Trauma-"Konglomerat", aber es war noch nicht alles. Es ging ihr etwas besser aber noch nicht gut.
      In einer zweite Sitzung ging es um die Großmutter, die offenbar sowohl bei ihrem Sohn - dem Vater der Klientin - als auch bei der Klientin - ihrer Enkelin - "weggeschaut" haben musste. Die Klientin beschrieb sie als emotional kalt und eigenartig sexualisiert. Wir prüften, ob auch sie ein Sexualtrauma hatte, und es schien tatsächlich so. Und die Klientin hatte auch diese Grossmutter und deren Trauma in ihrem Raum.
      In dieser Sitzung tauchte auch die eigene Mutter auf, die sie ebenfalls als sehr kühl und unfroh beschrieb, bei der also auch ein (Sexual-?)Trauma zu vermuten war.
      Nicht selten ziehen sich ja Partner mit ähnlichem Trauma gegenseitig an!

      Jedenfalls wurde da eine ganze "Trauma-Ensemble" sichtbar. Das machte es verständlich, warum die Klientin zu ihrem eigenen "unverlierbaren und unzerstörbarem SELBST" keinen Zugang finden konnte.
      Und ähnliche "Trauma-Ensembles" habe ich bereits bei Klient*innen mit Psychose beobachtet.
      Diese Sichtweise macht das mögliche Ausmass an Verwirrung durch Traumata deutlich. Und es ermöglicht einer Klient*in, aus diesem Labyrinth von Introjekten und Loyalitäten auszusteigen. Ich habe sehr viel Respekt für die Betroffenen, die mit einem solchen Ensemble überlebt haben.
      Herzlich
      Ero Langlotz

    • Kapitel 8 VON DER BOTSCHAFT JESU ZUR KIRCHEN-DOKTRIN

      8.1 Die Kreuzestheologie – eine Überlebensstrategie?

      Es war Paulus, der eine taktisch bemerkenswerte Lösung dieses Dilemmas fand. Er war theologisch geschult, denn vor seiner Bekehrung zu Christus hatte er als der fanatische jüdische Theologe „Saulus“ die Christen verfolgt.
      Paulus formulierte als „Heilsplan Gottes“: Gott habe seinen einzigen Sohn geopfert, um so die Sünden der Menschheit zu sühnen.
      Das erforderte einige grundsätzliche „Umdeutungen“, welche die realen Zusammenhänge völlig anders erscheinen liessen. Das kann man auch als Verfälschung bezeichnen. Natürlich geschah das zu einem „höheren Zweck“ und schien daher erlaubt:
      • Jesu Botschaft mit seiner Kritik an den Mächtigen wurde ausgeblendet, obwohl sie der eigentliche Grund für die römische Staatsgewalt war, ihn zum Tod am Kreuz zu verurteilen.
      • Das Leiden Jesu und sein Foltertod am Kreuz wurde umgedeutet zu einer Heilstat eines allmächtigen Gottes.
      • Das Leiden Jesu wurde so zur Quelle von Erlösung und Heil.
      • Die Notwendigkeit einer Erlösung begründete Paulus mit der Schöpfungsgeschichte aus dem Alten Testament. Jeder Mensch sei durch den Sündenfall von Adam und Eva – durch deren Ungehorsam(!) – im Zustand der „Erbsünde“. Daher sei auch jeder neu geborene Mensch von Grund auf verderbt und bedürfe der Erlösung.

      Die – wohl beabsichtigte - Folge dieser Umdeutung: Nicht die staatliche römische Macht konnte von nun an für die Marter und den Tod des Gottessohnes verantwortlich gemacht werden – sondern die sündige Menschheit. Denn ein „allmächtiger Gott“ hatte beschlossen, um diese sündige Menschheit zu erlösen, seinen Sohn zu opfern durch einen Folter-Tod als Verbrecher am Kreuz.
      Dazu gab es eine Parallele in Alten Testament: Abraham, auf den sich Judentum, Christentum und Islam als Stammvater berufen, sollte auf Gottes Geheiß seinen Gehorsam (!) dadurch beweisen, dass er seinen Sohn Isaak persönlich opferte. Ein Engel Gottes hat das, so die biblische Erzählung, im letzten Moment verhindert. Das Makabre dieser Vorstellung wird noch übertroffen durch die Variante, dass nun Gott selber seinen eigenen Sohn opfert, für die Menschen. Und erst der Vollzug dieses Opfers, so heißt die angeblich „frohe“ Botschaft, ermögliche die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen.

      EXKURS ENTSTEHUNG DES NEUEN TESTAMENTES

      Das „Neue Testament“ wie wir es kennen, besteht in dieser Form erst seit dem 4. Jahrhundert. Man weiß, dass die alten Texte schon vorher „redigiert“, das heißt verändert oder ganz ausgeschieden wurden, um sie an die veränderte gesellschaftliche und politische Situation anzupassen. Ausgeschlossen wurden neben den Evangelien des Thomas und des Philipus auch ein Evangeliums der Maria – wohl der Maria Magdalena. Ein Fragment dieses Textes ist denoch erhalten geblieben. Es enthält Hinweise darauf, dass Maria Magdalena die Vertraute Jesu war, vielleicht seine Ehefrau.
      Es liegt nahe, dass diese Schrift ausgeschlossen und unterdrückt wurde, weil die Vorstellung von Jesus als Ehemann und Familienvater nicht vereinbar war mit dem Christusbild einer patriarchal orientierten Kirche, die sich in der Rolle der Staatsreligion eines ebenfalls autoritär geprägten römischen Staates zurecht finden musste. Diese Vermutung wird dadurch bestärkt, dass Maria Magdalena von der kirchlichen Theologie früher als Prostituierte bezeichnet wurde. Die kürzlich aufgetauchten Papyri dieser Schrift werden von der Kirche insofern konsequent als „Fälschung“ abgetan.
      Solche redaktionellen Eingriffe erfolgten aber auch aus anderen Überlegungen. Durch die (fast) durchgängige Umformung der biblischen Texte im Sinne des paulinischen „Heilsplans“ – das ist die von manchen Theologen vertretene Hypothese – wurde Pilatus, und damit die römische Besatzungsmacht entlastet und die Verantwortung für die Kreuzigung Jesu als „Gottesmord“ eher den jüdischen Priestern angelastet als den römischen Besatzern. Daher heisst es von Pilatus: „Ich wasche meine Hände in Unschuld!“ und den jüdischen Priester wird in den Mund gelegt: „Sein Blut komme über uns und unsere Nachkommen!“
      Dabei muss betont werden, dass Kreuzigung die römische Form der Todesstrafe war, die jüdische Form der Todesstrafe wäre Steinigung gewesen.

      Durch diese Umdeutungen und Textredaktionen wurden beide Aspekte des Dilemmas beseitigt. Diese „Überlebensstrategie“ des Paulus - und anderer - bei der Redigierung der Schriften zeigte Wirkung! Die christlichen Gemeinden wurden nicht mehr verfolgt. Im Gegenteil, sie wurden im 4. Jahrhundert als römisch-katholische Kirche zur Staatskirche des gesamten römischen Reichs.
      Doch der „Preis“ für diese Überlebensstrategie war hoch: Jesu ursprüngliche Lehre wurde unterdrückt bzw. durch eine andere entgegengesetzte Lehre überformt. Die Verantwortung für seinen Foltertod wurde der „sündigen Menschheit“, bzw. den Jud*innen zugeschoben.
      Dieser fälschliche Vorwurf des „Gottesmordes“ gegen die Jüd*innen wiederrum war die Ursache späterer grausamer Verfolgungen bis hin zum Genozid im Holocaust.

      Durch diese Umdeutung wurde eine Verbindung von Kirche und Staat möglich, die sich für beide Institutionen als außerordentlich machteffizient erwies: die Kirche übernahm die hierarchische Organisationsform, das Selbstverständnis und die Insignien und die orientalisch geprägten Zeremonien der staatlichen Macht. Der Staat erhielt durch diese Verbindung sozusagen „göttliche Anerkennung“. Diese Kooperation bestimmte die europäische Gesellschaftsordnung das ganze Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit.
      Therapeutisch Geschulte erkennen in diesem Vorgang einer Unterwerfung unter die römische Macht die bekannte Überlebensstrategie eines Gewaltopfers, nämlich die „Identifikation mit dem Aggressor“: (Anna Freud), bzw. das „Stockholm-Phänomen“.
      Diese Überanpassung an einen mächtigen Täter hat zwar ein – ziemlich komfortables! - „Überleben“ der Kirche ermöglicht. Aber das ging einher mit einer Abspaltung eigener Wesens-Anteile – hier der Person Jesu und seiner ursprünglichen Botschaft. Diese Selbst-Entfremdung ist der Preis für das Überleben.
      Und die von der Kirche oder in ihrem Namen begangenen Gräueltaten bestätigen eine weiterere therapeutische Erfahrung: Aus Opfern werden später Täter!

      8.2 Was geschah mit der Botschaft Jesu?


      Die eigentliche Botschaft der Liebe, der SELBST-Achtung und Verantwortung für die Ausgestossenen, wie Jesus sie verkündet hatte, wurde von der Amts-Kirche umgedeutet, an den Rand gedrängt, bzw. in den Untergrund verbannt. Es gab und gibt jedoch immer wieder Menschen innerhalb der Kirche, die sich mehr nach dieser Botschaft Jesu orientieren, als nach der kirchlichen Doktrin. Sie wurden von der Kirche misstrauisch beobachtet, geduldet, aber nur halbherzig gefördert: Franziskus, die Arbeiterpriester in Frankreich, die Befreiungstheologen in Südamerika. Auch heute gibt es Viele, die in karitativen Berufen arbeiten, und sich Jesus und seiner Botschaft verbunden fühlen. Manche von ihnen leiden unter dem kirchlichen Machtanspruch und an ihrer Doktrin.
      Aber sie stellen sich in den Dienst dieser Kirche. Und so tragen auch sie dazu bei, den inneren Widerspruch der kirchlichen Doktrin zu verschleiern.

      Es gab durch die Jahrhunderte außerhalb der Kirche immer wieder Gruppierungen, die sich auf die ursprüngliche Botschaft Jesu beriefen. Sie wurden von der Kirche grausam verfolgt, als Ketzer diffamiert, gefoltert, starben in den Gefängnissen oder wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

      8. Ein „allmächtiger“ Gott, der seinen einzigen Sohn opfert, um die Sünden der Menschen zu sühnen.

      Die Kirchliche Dotrin befreit zunächst das Bild dieses Jesus von allen Aspekten eines Aufrührers gegen Priester und Staat, beschreibt ihn als liebenswerten Menschen. Sie gibt ihm dadurch eine herausragende Bedeutung, dass sie ihn als „Gott-Sohn“ bezeichnet, als Teil der „heiligen Dreifaltigkeit“ neben Gott-Vater und Gott-Heiliger Geist. Zugleich lehrt sie, dass Gott-Vater seinen eigenen „Gottessohn“ am Kreuz opfern musste, um unsere Sünden zu tilgen.
      Was ist das für ein Gottesbild? Das ist nicht der liebevolle Vater, von dem Jesus predigte, dass er die Menschen seine Kinder nennt und für sie sorgt! Und schon gar nicht „der/die Gebärer*in, Vater-Mutter des Kosmos” des aramäischen Jesusgebetes!
      Hier greift der theologisch geschulte Paulus zurück auf den richtenden und strafenden Gott des alten Testamentes, den zornigen, eifersüchtigen Gott, der „sein Volk“ züchtigt und die Feinde „seines Volkes“ erbarmungslos vernichtet, nicht selten mit Frauen, Kindern – und mit dem ganzen Vieh.
      Und diese Botschaft: „Der allmächtige Gott opfert seinen einzigen Sohn, um die Sünden der Menschen zu sühnen!“ wird als Zeichen der Liebe dieses Gottes für die Menschen gedeutet!
      Diese Botschaft zerreißt das Herz! Sie macht Schuldgefühle. Sie ist eine Beleidigung für den Verstand! Geradezu zynisch muss auf einen unbefangenen Hörer wirken, wenn das als „frohe Botschaft“ (EU-ANGELIUM) bezeichnet wird. Das zwingt die Menschen dazu, sowohl das eigene natürliche religiöse Gefühl als auch den kritischen Verstand zu unterdrücken, der eigenständig zwischen Wahr und Unwahr, zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. So geraten Menschen in den Zustand der Dissoziation, sie werden verwirrt, sie werden ihrem SELBST, ihrem eigenen Denken und Fühlen entfremdet.
      • Psychotherapeut*innen wissen, dass „doppelte Botschaften“ mit widersprüchlichen Inhalten traumatisierend wirken. Sie machen ver-rückt und können eine seelische Verwirrung (Double-Bind) auslösen.
      • Eine „Wahrheit“, die dem Verstand unverständlich ist, macht den Verstand entbehrlich, überflüssig, ja sogar gefährlich. So wird der Gläubige aufgefordert, seinen zu opfern für einen aufgezwungenen Glauben.
      Dies Phänomen „Aufopfern des eigenen Verstandes“ wurde tatsächlich zu einer „christlichen Tugend“ umgedeutet. Es ist so verbreitet, dass es dafür einen eigenen theologischen Fachbegriff gibt: „sacrificium intellectus“.

      8.5 Die Umdeutung einer schandvollen Todesstrafe zu einem heilbringenden Opfertod.

      Dem Leiden Jesu am Kreuz wird nun eine heilende, eine befreiende Wirkung zugesprochen. Spanische Maler haben die Verletzungen und das Leiden Jesu mit einem besonders erschreckenden Realismus dargestellt. Den Gläubigen wurde als „Andachtsübung“ empfohlen, über dieses Heil- bringende „süße“ Leiden zu meditieren, um Jesu zu folgen, um ihm gleich zu werden indem sie „Jesu Kreuz auf sich zu nehmen“. Das bewirkt erneut eine tiefe Verwirrung von Gefühl und von Verstand.
      So wird die klare Wahrnehmung für Recht und Unrecht getrübt. Und die gesunde Kraft, sich gegen - eigene und fremde! - Unterdrückung, gegen Unrecht und Leid erfolgreich zu wehren, wird geschwächt, zur Sünde erklärt und damit blockiert.

      8.6 Erziehung zu einem Kadavergehorsam
      Durch die Annahme einer „Erbsünde“, wird das „Selbst“, werden die natürlichen menschlichen Bedürfnisse nach Selbstbestimmung als „verderbt“ diffamiert. Ein natürliches Bedürfnis, sich gegen Anmassung und Übergriff der Obrigkeit zu wehren wird als Ungehorsam, als Sünde bezeichnet, und mit Höllenqualen bedroht.
      Höchste Tugend ist nun: Gehorsam zu sein, wie ein willenloser Körper. Ignatius von Loyola, der spanische Mönch und Begründer des Jesuitenordens spricht von der Aufgabe des Mönches, wie ein „cuerpo muerto“, spanisch für „toter Körper, Kadaver“- zu sein, um als geeignetes Instrument dienen zu können für den göttlichen Willen.
      Daher wird dieser Gehorsam als Kadavergehorsam bezeichnet.
      Diese Doktrin wirkt in hohem Masse SELBST-entfremdend und traumatisierend. Indem sie den Wesenskern, das SELBST eines Menschen denunziert, nimmt sie ihm seine eigene innere Orientierung.
      Das führt zu einer posttraumatischen Dissoziation. Das macht die Menschen orientierungslos. Ihrem Selbst entfremdet können die Betroffenen sich nur noch nach Fremden orientieren. Den Sinn ihres Lebens können sie nicht mehr in sich selbst, sondern nur noch in einem Dienst für andere sehen. So gefügig und abhängig gemacht können sie ohne Widerstand benutzt werden, auch von der weltlichen Macht.

      8.6 Benutzen und Bewerten
      Da klingt ein weiteres Thema an: Benutzen – und benutzt werden. In der „Urgesellschaft“ begegneten sich die Menschen auf Augenhöhe. Ihre Beziehungen waren bestimmt von einem Ausgleich von Geben und Nehmen. Anders in der Hierarchie mit ihrem Machtgefälle. Hier gibt es die Mächtigen, die Herren, die das Recht haben, andere für sich zu benutzen und auszubeuten – und die Abhängigen, die Knechte, deren Aufgabe es ist, „in Freuden zu dienen!“ Beziehung wird dadurch bestimmt durch das Prinzip „Benutzen“ und „sich benutzen lassen“.
      Die im katholischen Süddeutschland und Österreich verbreitete Grussformel „servus“ klingt sympathisch. Aber servus heisst Knecht, Sklave! Hat sich da in der Umgangssprache noch der Rest einer anerzogenen „vorauseilenden Unterwürfigkeit“ gehalten?

      Die Entscheidung, was nützlich ist – und was nicht – erfordert immer eine Bewertung. Da masst sich der Mensch an, sich über andre, auch über die Natur – über die Schöpfung – zu stellen, und anderen einen Nutz-Wert nach dem Masstab der eigenen Macht-Interessen zuzuordnen. Und er maßt sich weiter das Recht an, über andere nach diesem Nutzwert – oder Unwert – zu verfügen.

      Dies Prinzip des Bewertens ist geeignet, Menschen zu instrumentalisieren, sie zu benutzen. Die Mächtigen verstehen dabei, ihr eigentliches Ziel, das Verfolgen eigener herrschaftlicher Interessen geschickt zu verschleiert durch die Behauptung, das geschehe zu deren eigenen Besten. Derart ihrer Selbst-Bestimmung beraubt, werden Menschen zu gefügigen Werkzeugen der weltlichen oder geistlichen Macht.

      Bereits das von Paulus kreierte Narrativ des „Heilsplans Gottes“ beinhaltet das Prinzip des Benutzens, des Instrumentalisierens: Gott selber habe seinen eigenen Sohn „für einen guten Zweck“ geopfert, habe ihn benutzt, um die Menschen von dieser angeblichen Schuld zu befreien. Und der Jesus - des Heilsplans! – habe es zu gelassen, so benutzt zu werden. Da liegt es nahe, durch dieses Opfer „Erlösten“ zu empfehlen – um diesem Jesus ähnlich zu werden - ebenfalls Instrument zu werden, für etwas Größeres. Das heisst, sich selbstlos, also ohne auf sich selbst zu achten, benutzen zu lassen, ja sich „aufzuopfern“.
      Der eigene Wesenskern, das SELBST, das seinen eigenen Wert hat, steht dem jedoch im Weg und muss daher geleugnet, ja sogar abgewertet und verteufelt werden. So wird das eigene Selbst, die Quelle der Selbst- und Welt-Wahrnehmung, und daher der eigenen Würde und Kraft, blockiert und für sündig erklärt.
      So werden die beiden Aspekte, die oben als Voraussetzung für Autonomie beschrieben wurden: „Selbst“-Wert und Fähigkeit zur Abgrenzung, als „Ungehorsam“ abgewertet und im Keime erstickt.
      Das ist der Autonomie-feindliche und daher traumatisierender Aspekt der kirchlichen Doktrin.




      8.7 Unbefleckte Empfängnis und Jungfrauengeburt

      Das Dogma der „Unbefleckten Empfängnis“ bedeutet eigentlich, dass Maria bei der Empfängnis frei von der Erbsünde war. Das ist hochkompliziert, und daher wird dieser Begriff meistens so verstanden, daß Zeugung und Geburt „unrein“ sind und dadurch Mann und Frau „beflecken“.
      Dazu vermerkt Prof. Greinacher, katholischer Theologe, Tübingen, kritisch im „Spiegel“ vom 21.12.1992
      „So wurden der Frau beispielsweise kultische Funktionen vor allem wegen ihrer "monatlichen Unreinheit" verboten. Sie wurde deswegen sogar von der Teilnahme am Abendmahl ausgeschlossen. Nach der Geburt eines Kindes musste sie in einem besonderen liturgischen Akt der "Aussegnung" wieder für kultisch rein erklärt werden - ein Brauch, der bis in die sechziger Jahre üblich war.“
      Diese Vorstellungen sind geeignet, eine natürliche unschuldige Freude am eigenen Körper, an sexueller Lust, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt zu vertreiben. So wird dieser zentrale Bereich menschlichen Seins mit Assoziationen von Beschmutzung, von Angst, Scham und Schuldgefühlen belastet. So wird Menschen die zentrale Quelle einer SELBST-verbundenen Glückserfahrung genommen.
      Diese Aura von Leid und Schuld war es wohl, die Nietzsche zu der respektlosen – aber treffenden – Bemerkung veranlasste: „sie sollten erlöster aussehen, diese Christen!

      8.8 Abwertung der Frau

      Auch das Narrativ von einer „Jungfrauengeburt“ Marias ver-rückt die Realität und ist eine Beleidigung für den Verstand – aber noch mehr für die Mütter, die sich dem zufolge als unrein fühlen müssen - weil sie nicht als Jungfrau geboren haben.

      Das patriarchale Wertesystem zeigte sich einmal durch eine Höherbewertung des Männlichen – daher auch das Bild eines allmächtigen Gottes – bei einer gleichzeitigen Abwertung und Entwürdigung der Frau. Daher gab es keine Priesterinnen sondern nur Priester.
      In Kap. 8 wurde schon das Bestreben der Kirche erwähnt, in den biblischen Schriften Hinweise auf Jüngerinnen Jesu auszumerzen. Das betrifft insbesondere Maria Magdalena, deren ursprünglich sehr grosse Bedeutung für die Urgemeinde durch den Hinweis abgeschwächt wurde, sie sei eine Sünderin, oder gar eine Prostituierte gewesen.

      Mit der Forderung nach dem Zölibat wird ein natürliches Bedürfnis nach Sexualität unterdrückt. Verständlich, dass es nicht immer eingehalten wird. Um den Anschein zu wahren wurde die Existenz so genannter „Priesterkinder“ Jahrhunderte lang vertuscht. Auch hier wird der Sinn für die Realität ver-rückt: Die Kinder aus einer Beziehung zwischen einem Pfarrer und einer Pfarrköchin werden zwar teilweise finanziell versorgt von der Kirche, aber nur unter der Bedingung, dass diese „verbotene“ Beziehung nicht öffentlich wird. Das ist für alle Beteiligten eine schwere Belastung, am schwersten für das „Priesterkind“.
      Steht jedoch der Pfarrer öffentlich zu sich, zu seiner Frau und zu seinen Kindern, dann verliert er sein Amt, dann verliert seine ganze Familie den Lebensunterhalt.
      Die Folge dieser kollektiven Dissoziation: Für alle könnte deutlich sein, dass die Kirche hier eine doppelte Moral vertritt. Aber nur vereinzelt wagen es Betroffene, das anzusprechen! Und sie riskieren dafür Isolierung und Verleumdung.

      8.9 Das Monopol einer „allein selig-machenden Kirche“

      Die Amts-Kirche versucht, jeden „natürlichen“ unmittelbaren Zugang zu einer Transzendenz zu unterbinden. Es gibt zwar eine christlich - mystische Tradition, die eine unmittelbare Erfahrung des Göttlichen kennt – ohne oriesterliche Vermittlung - und damit der eingangs skizzierten Urreligion nahe steht. Sie wird von der Amtskirche jedoch nicht unterstützt, allenfalls geduldet.
      Die Kirche lehnt Naturreligion in allen Formen ab. Sie nimmt für sich das Monopol eines unmittelbaren Zugangs zu Gott in Anspruch. Sie spricht anderen damit das Recht und die Fähigkeit ab, durch diese unvermittelte Verbindung zur Transzendenz die Erfahrung der eigenen Würde, der eigenen Wertigkeit und Sinnhaftigkeit zu machen. Dadurch nimmt sie ihnen die natürliche Glücksquelle einer SELBST-bestimmten Beziehung zur Transzendenz.
      Den eigenen Quellen spirituellen Sinn-Erfahrung entfremdet sind die Menschen auf das „Angebot“ der Kirche angewiesen. Wenn sie davon nicht „satt“ werden, bleiben ihnen nur Surrogate, Drogen, Besitz, Macht, Konsum….


      8.10 Exkurs „Frühkindliche Quellen von Religiosität“

      So lautet eine Kapitelüberschrift in „Gott auf der Couch2“, einem kirchenkritischen Buch des bekannten Psychotherapeuten Tilmann Moser. Um diese Zusammenhänge zu verdeutlichen, ziziere ich daraus:
      „Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Gefühl der Andacht, dem Erleben eines eigenen Selbst oder dem, was die Säuglingsforscher das frühe Kern-Selbst nennen, und der Wahrnehmung einer nicht zum Selbst gehörenden Außenwelt, sei es die Mutter oder die Natur. Der Säuglingsforscher Daniel Stern hat eine solche Andachtssituation des Kleinkindes intuitiv erfasst und in Worte gefasst. In seinem Buch „Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, fühlt und denkt“ beschreibt er die Faszination angesichts eines Sonnenkringels an der Wand:

      „Sonnenstrahl 7:05 Uhr morgens
      Joey ist gerade aufgewacht. Er blickt unverwandt auf den Reflex des Sonnenstrahls an der Wand neben seinem Kinderbett.
      Ein Stück Raum leuchtet dort drüben.
      Ein sanfter Magnet zieht an und hält fest.
      Der Raum erwärmt sich und wird lebendig.
      In seinem Inneren beginnen Kräfte sich langsam tanzend umeinander zu drehen.
      Der Tanz kommt näher und näher. Alles steigt auf, um ihm zu begegnen. Er kommt immer näher. Aber er kommt nie an.
      Die Spannung verebbt.“
      Diese Gefühle der Andacht sind die Quelle einer natürlichen Religiosität (Kap. 4). Sie sind angeboren, wie unser SELBST. Auch wenn wir die Verbindung zu ihnen verloren haben, sie sind unzerstörbar und unverlierbar.

      Zusammenfassend wirkt die Botschaft der Kirche
      • verwirrend für Herz und Verstand: so kann eine posttraumatische Dissoziation entstehen. Sie predigt
      • Kadavergehorsam – statt Abgrenzung und Selbst-Bestimmung, und
      • „angeborene“ Sünde und Unwürdigkeit anstatt Erbwürde.

      FAZIT: Diese autoritäre Erziehung wirkt Selbst-Entfremdend und blockiert dadurch die Autonomie-Entwicklung. Sie wirkt traumatisierend über Generationen hinaus. Darüber hinaus wird auch die natürliche Erfahrung von Sinnhaftigkeit, Glück und Lust erschwert, ebenfalls über Generationen hinaus. Das ist geeignet, Menschen in den Zustand der Dissoziation zu versetzen und ihren Sinn für Realität zu ver-rücken.
      Diese Erziehung erschwert ein „Art-gerechtes“ Leben, da sie Selbst-Bestimmung und Selbstregulation blockiert.

      Kapitel 9 Modalitäten der Indoktrination

      Es dient zu meinen Freuden und tut mir herzlich wohl,
      wenn ich in deinem Leiden, mein Heil, mich finden soll.
      Ach möcht ich, o mein Leben, an deinem Kreuze hier
      mein Leben von mir geben,wie wohl geschähe mir!
      Strofe aus dem Kirchenlied „O Haupt von Blut und Wunden“



      9 .1 Die „Kanäle“ der Traumatisierung
      Wenn wir erkennen, wie tief sich Konditionierung durch die kirchliche Doktrin von Gehorsam und Unterwerfung in das Unbewusste der Menschen eingebrannt hat, dann stellt sich die Frage: über welche „Kanäle“ erfolgte diese Konditionierung?
      In Kapitel 7 haben wir den verbalen oder mentalen Kanal beschrieben, indem wir den Inhalt der kirchlichen Doktrin darauf hin untersucht haben, inwieweit er geeignet ist, Menschen zur Unterwerfung und Gehorsam zu erziehen. Die Dogmen in ihrer genauen Formulierung entsprechen einem „verbalen Kanal“, der in erster Linie den Verstand anspricht.
      Daneben gibt es jedoch noch weitere Kanäle: Bildliche Darstellungen, Lieder, Musik, Zeremonien, die mehr das Gefühl ansprechen und dadurch die Wirkung verstärken. Da sie zum Teil nonverbal sind erreichen sie auch Menschen, die des Lesens unkundig sind: Kinder und im Mittelalter auch Erwachsene.

      Konditionierung erfolgt nicht nur durch negative, traumatische Erlebnisse, sondern auch durch positive Suggestionen. Diese werden im therapeutischen Kontext zur Heilung des Klienten eingesetzt.
      Bei der Verwendung nonverbaler Kanäle wird die traumatisierende Botschaft vermischt mit angenehmen Erfahrungen oder positiven Suggestionen. Das verstärkt die Wirkung dadurch, dass es zu einer stärkeren Verinnerlichung der Doktrin beiträgt. Daher können auch positive Suggestionen dazu benutzt werden, um Menschen zu traumatisieren.
      Das möchte ich an den folgenden Beispielen erläutern.



      9 .2 Zeremonien

      In Kap. 8 wurde bereits erwähnt, wie die Kirche Menschen das Recht auf einen unmittelbaren Zugang zur Transzendenz abspricht und ihnen dadurch die Erfahrung der eigenen Sinnhaftigkeit und Wertigkeit nimmt. Zugleich benützt sie ein natürliches Bedürfnis nach Andacht, indem sie mit Meisterschaft dafür kirchliche Formen anbietet. Priester im prachtvollen Ornat der orientalischen Herrscher, Barocker Goldglanz, Weihrauch, Vokal- und Instrumental-Musik werden „gekonnt“ eingesetzt, um dieses Bedürfnis zu bedienen. Die traumatisierende Botschaft wurde auf diese Weise vermischt mit einer ansprechenden und verführerischen Zugabe, sodass die Betroffenen die toxische Botschaft gar nicht erkennen und zurückweisen konnten. In dieser Vermischung wird selbst eine traumatisierende Botschaft bereitwillig aufgenommen und verinnerlicht.
      Das erinnert an das Prinzip, das ich in Kap.7 beschrieb: wird ein Trauma-Introjekt gekoppelt an ein anderes, positiv besetzes Introjekt, dann lässt sich dieses Trauma nur sehr schwer entfernen.


      9 .3 Bilder und Plastiken
      Seit dem frühen Mittelalter dienten Wandfresken und Platiken der Verkündigung der Lehre, zumal damals das Volk nicht lesen konnte. Neben der Verherrlichung Gottes und der Heiligen wurden auch düstere Themen dargestellt: das jüngste Gericht und das Fegfeuer. Das geschah durchaus in der Absicht, bei den Gläubigen Angst und Schrecken und Schuldgefühle auszulösen, um so die Verinnerlichung der Doktrin wirkungsvoll zu verstärken. Auch heute noch werden Kinder so stark von Teufels-Abbildungen erschüttert, dass sie ihnen in Alpträume bereiten.
      Eine besondere Rolle spielt das Kruzifix, die realistische Darstellung des gekreuzigten Christus, die früher nicht nur in der Kirche sondern In katholisch geprägten Landesteilen an allen Weggabelungen angebracht war.
      Dies römische Folterinstrument ist – auch ohne den Korpus des Gekreuzigten - zum Symbol des Christentums geworden, besonders im römischen Westen, weniger im griechischen Osten.
      Wenn ein Kind zum ersten Mal ein Kruzifix sieht und den Erwachsenen fragt: was ist denn das? Dann kann es auch heute noch die Antwort hören: „Das ist unser Herr Jesus, der ans Kreuz geschlagen wurde wegen unserer Sünden.“ So wird schon früh dem Kind ein Sündenbewusstsein „in die Seele gebrannt“.
      Vitale Kinder lernen, das nicht ernst zu nehmen und zu verdrängen. Sensiblen Kindern kann das jedoch unglaubliche Schuldgefühle machen, durch seine Schuld diese Marterqualen verursacht zu haben.

      9 .4 Konditionierende Wirkung der Sakramente


      9 .4.1 Eucharistie als Aufforderung, dem geopferten Jesus gleich zu werden

      Christ*innen werden aufgefordert, jeden Sonntag im Sakrament der Eucharistie das Fleisch (und das Blut) des von den Römern am Kreuz gefolterten Jesus zu essen, symbolisiert durch eine Oblade. Sie verleiben sich den Gefolterten in diesem Ritual immer wieder erneut ein - um ihm immer ähnlicher zu werden, um das angeblich Heilbringende dieses Foltertodes in sich aufzunehmen.
      Hier der Text nach dem Lukasevangelium:
      „Und er nahm das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nahm er den Kelch, nach dem Abendmahl, und sprach: Das ist der Kelch, das neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird .…“
      Diese Botschaft stärkt nicht den Wesenskern des Menschen, seine “Erbwürde“ – die Jesus durch seine Predigt in den Menschen wecken, bestätigen und befreien wollte. Nein, sie legt den Menschen nahe, dem gekreuzigten, dem gefolterten Jesus ähnlich zu werden, durch die Einverleibung seines Fleisches und seines Blutes. So als müsse auch jeder Christ / jede Christin immer wieder erneut gekreuzigt werden, damit er/sie dem gewünschten Ziel nahe kommt: dem von der Macht gefolterten toten Jesus gleich zu werden.


      9 .4.2 Taufe
      Wer sich in den ersten Jahrhunderten taufen ließ, tat dies wohl im Glauben daran, noch zu Lebzeiten die Wiederkunft Jesu Christi zu erleben. In der Taufe wurde der Täufling symbolisch aus dem heidnischen Kontext herausgenommen und dem Machtbereich Jesu Christi unterstellt – was durch die Formulierung Taufe εις Χριστόν Ιησοῦν (eis Christón Iēsoûn, wörtlich: „in Christus Jesus hinein“) ausgedrückt wurde.
      Die Kirchen-Väter vertraten eine veränderte Sicht. Für sie war die Taufe ein „gesetzlich verstandener Eintrittsritus“ in die Kirche. Die Wassertaufe wurde als Abwaschung der ererbten oder bis dahin begangenen Sünden verstanden. Augustinus formulierte die Lehre von der Taufe „als Heilmittel gegen die Erbsünde“ und begründete so die Verpflichtung zur Kindstaufe innerhalb der römischen Kirche. Auch Martin Luther sah in der Taufe die sichtbar gewordene Zusage Gottes, den Menschen um Christi willen die Sünde zu vergeben.
      Das bedeutet: auch das „Sakrament“ der Taufe transportiert die traumatisierende Botschaft einer angeblichen Erbsünde!
      Die Sakramente wecken durch den „heiligen“ Rahmen („Sakrament!“) religiöse Gefühle und verschleiern wirksam die traumatisierende Wirkung. Der Weihrauch trägt zur Vernebelung des Bewusstsein bei.
      Auch hier wird ein Trauma-Introjekt gekoppelt an ein anderes, positiv besetzes Introjekt. Eine sehr wirksame Methode, um Menschen dazu zu bringen, sich freiwillig, ja mit Freude der Herrschaft und der von ihr ausgeübten „seelischen Leibeigenschaft“ zu unterwerfen…, um sie dazu zu bringen, „mit Freuden“ zu dienen und zu leiden.



      9 .5 Das Kirchenlied


      Das gemeinsam gesungene Kirchenlied spielte – neben den Kirchenfenstern und Passionsbildern – eine zentrale Rolle bei der traumatisierenden Prägung bereits der kindlichen Seele durch die kirchliche Doktrin von Schuld und Sündigkeit. Als Beispiel soll hier das bekannte Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ zitiert werden. Es geht zurück auf den lutherischen Theologen Paul Gerhardt (1607-1676), der seinerseits einen Text des Arnulf von Löwen (1200-1250) verwendete.

      O Haupt voll Blut und Wunden
      (Auswahl vom Autor LZ)
      Nun, was du, Herr, erduldet,
      ist alles meine Last;
      ich hab es selbst verschuldet,
      was du getragen hast. ...

      Ich will hier bei dir stehen,
      verachte mich doch nicht;
      von dir will ich nicht gehen,
      wenn dir dein Herze bricht;
      wenn dein Haupt wird erblassen
      im letzten Todesstoß,
      alsdann will ich dich fassen
      in meinen Arm und Schoß.

      Es dient zu meinen Freuden
      und tut mir herzlich wohl,
      wenn ich in deinem Leiden,
      mein Heil, mich finden soll.
      Ach möcht ich, o mein Leben,
      an deinem Kreuze hier
      mein Leben von mir geben,
      wie wohl geschähe mir!


      9 .8 MISSBRAUCH DER VORSTELLUNG EINES „ALLMÄCHTIGEN GOTTES“

      Die Vorstellung von einem „allmächtigen Gott“ ist uns so vertraut, und sie verbindet uns so sehr mit unserer Familie, unserer Nachbarschaft, unserem Land, ja dem „christlichen Abendland“, dass es sich wie ein Sakrileg anfühlt, wie Verrat, diese Vorstellung in Frage zu stellen.
      Verpflichtet unserer Forschung nach den tieferen Ursachen der globalen Selbstzerstörung wagen wir es und werfen einen kurzen Blick auf die Geschichte. Wir erinnern uns daran, was alles „zivilisierte“ Menschen des Abendlandes „im Namen eines allmächtigen - angeblich liebenden - Gottes“ anderen Menschen angetan haben. Die Gräueltaten des Alten Testaments lasse ich hier außer Betracht.
      Karl „der Große“ hat, nachdem sein Heer zum wiederholten Mal von den Sachsen unter Widukind besiegt wurde, selber einen Kriegszug nach Sachsen angeführt, die Sachsen besiegt, und die Auslieferung aller Verantwortlichen gefordert, einschließlich Widukind. Sie alle, nach der Überlieferung 4500 Männer, wurden im so genannten „Blutgericht von Werde“ geköpft. Karl veranlasste selber, dass ihr heiliger Baum, „Irminsul“ gefällt wurde.
      Karl wurde von der Kirche heilig gesprochen.

      In den zahlreichen europäischen Kriegen segneten die Priester der jeweiligen Staaten die eigenen Kanonen, im Namen Gottes. So wurde „Gott“ von jedem der gegeneinander verfeindeten Kriegsparteien – die beide einer christlichen Religion angehörten! - benutzt. Da wird deutlich: diese Vorstellung eines allmächtigen Gottes wurde von den jeweils Mächtigen benutzt, um sie für ihre eigenen Interessen einzuspannen.


      9 .9 Der Allmächtige Gott – ein Konstrukt zur Stabilisierung der weltlichen Macht


      In der Schöpfungs-Geschichte heißt es: „Und Gott schuf den Menschen, nach seinem Bilde.“ Aber wir müssen erkennen, dass es wohl genau umgekehrt war: das Bild eines „Allmächtigen Gottes“ wurde von den Mächtigen geschaffen „nach ihrem Bild“, und dazu benutzt, um ihren eigenen Machtanspruch religiös zu begründen und zu festigen. Das Konstrukt des allmächtigen Gottes wurde von der Allianz von Thron und Altar dazu benutzt, um die „Untertanen“ ihrer natürlichen Religiosität, ihrer angeborenen Unschuld und „Erbwürde“ zu entfremden, um sie besser in Gehorsam und Abhängigkeit zu halten.
      Über Jahrtausende waren Religionen und weltliche Herrschaft verbündet, sie stützten sich gegenseitig. Sie benutzten das Zerrbild eines „allmächtigenn Gottes“, um durch Mission und Kolonisation ihren Machtbereich zu vergrößern. Die Kirche und ihre Vertreter ließen sich auf diesen Handel ein - und profitierten kräftig dabei. In der Illusion gefangen, dass ein allwissender und all-liebender Gott die Geschicke der Menschen regelt, unterwarfen sich die Menschen selbst-los und bewusst-los (dissoziiert) diesem Zerrbild eines Gottes, bzw. den damit begründeten Machtansprüchen von Religion und Staatsmacht.


      9 .10 ZUSAMMENFASSUNG
      Liebe Leserin, lieber Leser! Es schien mir wichtig, sehr ausführlich und präzise die – mehr oder weniger – subtilen Methoden aufzuzeigen, mit denen die kirchliche Doktrin Menschen traumatisiert hat. Das Ergebnis mag für Sie so erschreckend sein, dass sie das gar nicht wahrhaben wollen. Auch ich war überrascht, wie umfassend und konsequent diese Indoktrination erfolgte, und wie geschickt sie sich verschiedener „Kanäle“ bediente, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Wenn sie, liebe Leser*in mir bis hierher gefolgt sind, dann können sie „am eigenen Leibe“ nachvollziehen, wie effektiv diese Beeinflussung ist, und sie werden erkennen, wie schwer es fällt, sie als solche zu erkennen und sich von ihr zu befreien. Das ist die Folge von Konditionierung.

      Da ich meine Aufmerksamkeit auf den traumatisierenden Aspekt der Doktrin richte, muss hier ein sehr einseitiges Bild von der Kirche entstehen. Das ist unvermeidbar.
      Ich bin vielen sehr engagierten Christinnen und Christen begegnet, die unter der kirchlichen Doktrin leiden und sich mehr nach der Lehre des lebendigen und liebenden Jesus - und nach ihrem eigenen Mitgefühl - orientieren als nach der Doktrin der Kirche. Ich respektiere sehr ihren Einsatz für soziale Gerechtigkeit, für Frieden und für Umweltschutz. Aber solange sie sich von dieser Doktrin nicht distanzieren, unterstützen sie die Verbeitung dieser Doktrin. Ihr eigenes Wirken ist ständig vermischt mit dieser Doktrin. Das macht es für sie selber – und für andere – fast unmöglich, die Destruktivität der Doktrin zu erkennen.
      Manche glauben vielleicht, in ihrem Leiden an der Kirche dadurch einen Sinn zu finden, dass sie ihr Leiden am „Kreuz an der Amtskirche“ mit dem Leiden Jesus an dessen Kreuz verbinden, im Sinne einer „Nachahmung Christi“.
      Aber dann würden sie sich ja identifizieren mit dem gefolterten Jesus, dessen Hinrichtung durch den römischen Staat von der Kirche zur Heilstat Gottes umgedeutet wurde. So tragen sie dazu bei, die Widersprüchlichkeit der kirchlichen Botschaft zu verschleiern.
      Die Alternative wäre, sich mit dem Jesus zu verbinden, der zu den Armen, Kranken und Ausgestossenen ging. Der sich gegen Ausbeutung und Unterdrückung durch die Hohenpriester wendete, und dafür mit seinem Leben zahlte. Und von dem die Worte stammen: „Lasset die Toten ihre Toten begraben!“und: "Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert."

      Gleichzeitig wird durch diese Ausführungen verständlich, warum es Menschen, die durch diese kirchliche Indoktrination zum Gehorsam erzogen wurden, so schwer fällt, die Doktrin kritisch zu sehen. Diese extreme Konditionierung zu einem Gehorsam schränkt auch die Möglichkeit einer Selbst-Erneuerung der Kirche ein. Autoritäre Organisationen, die in dieser Weise jede Kritik und damit auch die Möglichkeit zu einer Selbstregulation blockieren, enden in Erstarrung und Lähmung.

      EXKURS: DER GROSSINQUISITOR

      Der russisch-orthodoxe Schrifststeller Dostojewski war selber einer mystischen Volksfrömmigkeit sehr verbunden. Als er den Vatikan besuchte, war er sehr befremdet von Kälte und der Machtanmassung der römischen Doktrin. Von ihm stammt die folgende Parabel vom Großinquisitor1 (gekürzt):
      Jesus ist wieder auf die Welt gekommen, ins Sevilla zur Zeit der Ketzerverbrennungen. Die Menschen erkennen ihn und er heilt Kranke. Der Großinquisitor sieht das und lässt ihn gefangen nehmen und ins Gefängnis bringen, um zusammen mit anderen Ketzern verbrannt zu werden. Der greise Inquisitor besucht ihn im Gefängnis:
      "Wir haben deine Tat verbessert, und sie auf das Wunder, auf das Geheimnis und auf die Autorität gegründet. Und die Menschen freuten sich, dass sie wieder wie eine Herde geleitet wurden ... Warum bist du denn jetzt gekommen, uns zu stören? ... Wir sind schon seit langer Zeit nicht mehr mit dir im Bunde, sondern mit ihm, ... [da] wir von ihm das annahmen, was du unwillig zurückwiesest, jene letzte Gabe, die er dir anbot, indem er dir alle Reiche der Erde zeigte: Wir haben von ihm Rom empfangen und das Schwert des Kaisers und haben uns selbst als die Herren der Erde, als ihre einzigen Herren erklärt."
      Jesus schweigt und küsst den greisen Großinquisitor zum Abschied auf seine blassen Lippen.
      Der Großinquisitor öffnet Jesus die Gefängnistüre: “aber komme nie mehr wieder!“ Jesus geht.

      Hier wird das Dilemma der widersprüchlichen Botschaft der Kirche mit beklemmender Eindringlichkeit aufgezeigt.


      FAZIT

      Die Doktrin der Kirche ist ein seit 2000 Jahren sehr verbreitetes, und offensichtlich effektives Erziehungsprogramm zu Gehorsam und Unterwerfung durch Selbstentfremdung.
      Die Doktrin vermittelt im Wesentlichen zwei Botschaften:
      • Das Selbst ist von Natur aus sündig, verderbt.
      • Selbst-bestimmtes Leben, das heisst die Orientierung an eigenen Impulsen ist Sünde, daher wird bedingungslose Unterwerfung unter den Willen eines Höheren als Tugend gefordert.

      Diese Botschaften stehen im Widerspruch zur Lehre Christi. Durch diese Doktrin verlieren Menschen mit der Erb-Würde auch das Vertrauen zu ihrem SELBST, und die Fähigkeit SELBST-bestimmt zu leben. Sie verlieren ihre eigene Orientierung und werden abhängig von Fremd-Bestimmung. Das ist Trauma.
      Diese kollektive Selbst-Entfremdung über Jahrhunderte ist so zur Gewohnheit geworden, dass viele das gar nicht mehr wahrnehmen oder für „normal“ halten. Hier liegt die Ursache für den Verlust der Selbstregulation.
      Diese Traumatisierung führt zu Dissoziation und Desorientierung. Sie blockiert Gefühl und Verstand und damit die Fähigkeit, die globale Krise realistisch zu sehen und gezielt auf eine Veränderung hinzuwirken.

    • b]KAPITEL 5 ZIVILISATION UND SELBST-DOMESTIKATION

      Die extreme Bereitschaft von erwachsenen Menschen,
      einer Autorität fast beliebig weit zu folgen,
      ist eine Tatsache, die dringendster Erklärung bedarf.
      Stanley Milgram,
      Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität, 1974



      5.1. DIE HOCHKULTUREN UND ZIVILISATION

      In den fruchtbaren Ländern Mesopotamiens entwickelte sich der Ackerbau. Die Bauern erzielten mehr Ertrag, als sie selber benötigten (Überfluss). Es entwickelte sich der Unterschied Arm und Reich, es entstand Arbeitsteilung, Handel. Das ermöglichte das Zusammenleben in großen Städten, so entstand eine neue Lebensform, die Zivilisation (von lat. Civis, der Bürger, der Untertan). Die Unterschiede in Besitz – und damit Macht und Einfluss – wurden noch verstärkt durch Sklaverei und Leibeigenschaft. Es kam zu einer Zweiteilung der Gesellschaft in eine Minderheit (ca. 10%) der Mächtigen und einer Mehrheit (ca. 90%) von Abhängigen, Fremdbestimmten. Die Ausbeutung der Abhängigen ermöglichte den Mächtigen Luxus, und die Entwicklung von Technik, Wissenschaft und Kunst. So entstanden die sogenannten Hochkulturen.

      Diese Hochkulturen waren verbunden mit Krieg, Unterwerfung und Ausbeutung ganzer Kontinente. Die Entwicklung der Hochkulturen ging einher mit grundlegenden Veränderungen der Gesellschafts-Struktur. Statt Beziehungen auf Augenhöhe gab es jetzt das Gefälle zwischen Oben und Unten in Form von Sklaverei und Leibeigenschaft. Die „Urreligionen“ wurden abgelöst durch eine von Priestern verwaltete Religion, welche die angeborenen religiösen Bedürfnisse und Empfindungen dafür benutzte, um den Machtanspruch der Mächtigen zu legitimieren und zu festigen. Es kam zu einer Allianz von Thron und Altar. Das hatte auch Auswirkung auf das individuelle Selbstverständnis der Bürger/Untertanen.

      5.2 Selbst-Domestikation und Autoritäre Gesellschaftsstruktur

      In allen Hochkulturen findet sich Sklaverei und Leibeigenschaft. Dieses Phänomen, dass Menschen andere Menschen wie Haustiere besitzen und benutzen, kann als „Selbst-Domestikation“ bezeichnet werden und war eine Begleiterscheinung bei der Entwicklung der so genannten Hochkulturen und der Zivilisation.
      Der Mensch, der sich selber als „homo sapiens“ bezeichnet, ist die einzige Spezies, die Artgenoss*innen wie Eigentum besitzt und benutzt. Diese „Selbst-Domestikation“ ist, so die hier vertretene Theorie, die Ursache für die Selbst-Entfremdung und den Verlust der Selbstregulation des Menschen durch die Zivilisation.

      Sklaverei

      Befasst man sich näher mit diesem Thema, dann ist es erschreckend zu sehen, wie verbreitet es in der Antike war. Selbst in der von uns so geschätzten griechischen „Demokratie“ waren nur etwa 5% der Bevölkerung, ausschliesslich Besitzende und Männer stimmberechtigt. Aber auch im Mittelalter und in der Neuzeit, bis weit ins 18. Jahrhundert war das nicht anders. Wir finden Sklaverei bei allen frühen, sogenannten „Hoch“-kulturen in Babylon, Ägypten, Griechenland und erwartungsgemäß auch in Rom. Aber auch bei den Kelt*innen und den Wikinger*innen! Alle Kulturen Europas haben ihren Wohlstand und die Entwicklung von Kunst und Wissenschaft wesentlich dem Sklav*innenhandel und der Leibeigenschaft zu verdanken: Italien, Spanien, England, Frankreich, in geringerem Maße auch Deutschland.

      Leibeigenschaft

      Im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit war die Mehrzahl der Bauern und Bäuerinnen wie deren Kinder unfrei. Sie befanden sich in Leibeigenschaft der „Herren“. Die Herren, das waren der Adel – und der Klerus, denn nur sie durften Land besitzen! Leibeigene hatten keine Rechte. Zusammen mit dem Land, dass sie bearbeiteten, konnten sie von ihrem „Herren“ verkauft werden, an einen anderen Herren. Sie mussten einen vorgeschriebenen Teil ihrer Produkte abgeben und standen auch für Fron-Dienste am Herrenhof zu Verfügung. Sie durften kein Vermögen ansammeln, und sie brauchten die Erlaubnis des Herren, wenn sie heiraten wollten. Sie waren auch schutzlos seiner Gerichtsbarkeit und seinen Strafen ausgeliefert. Nur die Stadtbürger waren frei, keinem Lehnsherren unterworfen. Daher galt damals der Satz: „Stadtluft macht frei.“

      5.3 Selbst-Domestikation und SELBST-Entfremdung
      Um Menschen als Sklav*innen oder Leibeigene zu benutzen, war neben der nackten Gewalt eine gezielte Beeinflussung der Abhängigen erforderlich, um ihnen ihr SELBST-Bewusstsein und das Bedürfnis auszutreiben, sich gegen ihre Unterdrückung und Unterwerfung zu wehren. Stattdessen mussten sie „lernen“, sich „von selbst“ nach den Bedürfnissen und Erwartungen der Herren auszurichten und ihre gesunde Kraft einzusetzen, um ihrem Herren möglichst nützlich zu sein.
      Die Abwertung des eigenen SELBST führte zu einer Veränderung des SELBST-Bewusstseins der Untertanen: Sie lernten, ihr Selbstwertgefühl nicht aus ihrem angeborenen SELBST herzuleiten, sondern aus ihrer Fähigkeit, für Fremde – für die Herren – nützlich zu sein. Sie lernten eigene Persönlichkeitsanteile (Selbstanteile) zu unterdrücken, oder für fremde Interessen einzusetzen, statt für die eigenen.
      Wenn leibeigene Bauern SELBST-bestimmt ihre Kraft für sich, für ihre Befreiung einsetzen wollten, dann war das für sie lebensgefährlich. Das zeigten die Bauernkriege, die gemeinsam von Adel und Kirche – auch von Luthers Kirche – blutig niedergeschlagen wurden.
      Auch bei der Erziehung der Untertanen zu Gehorsam und Unterwerfung spielte die Kirche eine zentrale Rolle (siehe Kapitel 7 und 8).

      5.4 Monotheistische Religionen

      An die Stelle der archaischen Naturreligionen traten mehr und mehr monotheistische Religionen mit einem als männlich vorgestellten Gott. Bei den Ägypter*innen unter Echnaton war es der Gott Aton; im Judentum Jahwe; im Christentum der drei-einige Gott, der als Vater, Sohn und heiliger Geist erscheint. im Islam Allah. Allein die Priester (ebenfalls über Jahrtausende lang durchgehend männlich!) waren für die Verbindung zur Gottheit verantwortlich. Das gab ihnen ihre Macht. Den Einzelnen wurde das Recht und die Fähigkeit abgesprochen, selbst und eigenständig mit der Transzendenz, mit einem „Größeren Ganzen“ in Verbindung zu sein.
      Statt unmittelbare religiöser Verbindung mit einer gebährenden und nährenden Natur nun die durch Priester vermittelte Verehrung für einen männlich und allmächtig dargestellten Gott.
      Statt einer „Rangordnung unter Gleichen“ nun das Gefälle zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen, zwischen Priestern und Volk. Diese hierarchische (griechisch „Herarchie“: heilige Herrschaft) Ordnung zwischen Oberpriester, Priester und Volk entstand parallel zu der hierarchischen Struktur der Gesellschaft: Der König und die Adligen auf der einen Seite, die Bürger auf der anderen Seite. So entstand die Allianz von Thron und Altar: Die Könige liessen die Kirche an ihrer Macht teilhaben. Die Kirche verhalf den Königen zu einer göttlichen Legitimation - „von Gottes Gnaden“ - und erzog das Volk durch eine geeignete Doktrin zu Gehorsam und Unterwerfung.
      Dieses Erziehungstraining zu einem bedingungslosen Gehorsam kann als kollektive Traumatisierung verstanden werden und ist zwangsläufig verbunden mit SELBST-Entfremdung und mit dem Verlust einer Selbstregulation. Der verbreitete Autoritätsgehorsam hat hier seine Ursache. Er ist nicht angeboren, sondern anerzogen. (Siehe dazu Kap. 7 und 8)

      5.5 Krieg, Unterwerfung und Ausbeutung
      Dieser „Kunstgriff“ der Selbst-Domestikation spaltete die eigene Gesellschaft in Herren und Knechte. Die Aufrechterhaltung dieser autoritären Ordnung war mit offener und versteckter Gewalttätigkeit verbunden. Diese Autoritäts-Struktur ist die Ursache der so genannten „strukturellen Gewalt“.
      Die christliche Variante der Hochkulturen erwies sich dabei als besonders erfolgreich. Das erklärt den beispiellosen „Sieges“-Zug dieser „westlichen“ Hochkultur mit ihrer „Zivilisation“ - in fast der ganzen Welt. Um den eigenen Machtbereich zu vergrössern, eroberte und unterwarfen sie die Völker Amerikas und Asiens. Eroberungen und Missionierung gingen Hand in Hand. Andere Kulturen, die wie die „Urgesellschaften“ mehr im Einklang und Verantwortungsbewusstsein gegenüber sich selbst und der Umwelt lebten, wurden ihren eigenen Traditionen entfremdet, ihrer Würde beraubt. Diese Unterwerfung, Ausbeutung und Zerstörung andere Kulturen wurde mit dem zynischen und arroganten Vorwand gerechtfertigt, ihnen die ZIVILISATION bringen zu müssen, da sie rückständig und primitiv seien.

      Allerdings hat sich dies Programm einer SELBST-ENTFREMDUNG - unbemerkt und wahrscheinlich unbeabsichtigt – auch auf die ausgewirkt, die sich selber zu den Herr*innen rechneten. Auch sie orientierten sich nicht mehr an ihrem Selbst, das seinen Wert in sich hat, unabhängig von Macht und Besitz, das sich verbunden fühlt mit einem größeren Ganzen. Den Verlust dieser Verbindung versuchten sie durch noch mehr Besitz und noch mehr Macht zu kompensieren. Und da Surrogate nicht wirklich „satt“ machen, war es nie genug.

      5.6 Aspekte der Zivilisation
      Zivilisation, die Lebensform der „Hochkulturen“ wurde ging einher mit einer Allianz von Thron und Altar Sie war bestimmt durch folgende Aspekte, die sich gegenseitig bedingen und verstärken:
      1. Erziehung durch eine kollektive Traumatisierung (autoritär geprägte Kirchen-Doktrin) zu Selbst-Entfremdung und Gehorsam.
      2. Die Gesellschaftsstruktur war bestimmt durch eine Spaltung in 10% Mächtige, und 90% Abhängige.
      3. Die Beziehungen waren geprägt durch die Aspekte Benutzen und Benutzt werden.
      4. Das führte zu einer grenzenlose Ausbeutung der Menschen und der Natur ohne Rücksicht auf Ressourcen und Generationengerechtigkeit.
      5. Dieser Aspekt einer SELBST-DOMESTIKATION blockiert die SELBST-Regulation, sowohl innerhalb einer Gemeinschaft als auch in ihrem Verhaltengegenüber anderen Völkern und gegenüber der Umwelt, gegenüber der Natur.
      DAS GANZE DESTRUKTIVE AUSMASS DIESER KOLLEKTIVEN SELBST-DOMESTIKATION ZEIGT SICH IN DER AKTUELLEN GLOBALEN KRISE.
      Daher ist ein „Artgerechtes“ Leben mit Selbst-Domestikation nicht vereinbar.


      5.6 Die mystischen Traditionen

      Auch wenn die monotheistischen Religionen die zentralen Aspekte der Naturreligion zu unterdrücken versuchten, diese liessen sich nicht ganz ausrotten. Sie „überlebten“ in den mystischen Traditionen, die wir in allen drei monotheistischen Religionen finden: der Kabala, der Sufismus, die christliche Mystik.
      Das ist ein weiteres Argument für ein angeborendes Bedürfnis nach Selbst-Bestimmung, nach einer persönlichen Würde, die aus dem Bewusstsein einer Verbindung mit der Transzendenz entsteht. Dies Bedürfnis ist allen Menschen angeboren und verbindet sie durch gegenseitige Achtung. Während die monotheistischen Religionen mit ihrem Allmacht-Anspruch Menschen unterdrückt und gegeneinander aufbringt, Zwietracht und Krieg verursachen, können die Vertreter der mystischen Traditionen sich untereinander verständigen, auch wenn sie aus verschiedenen Religionen stammen!



      5.7 Aufklärung und Revolutionen...

      ...sind weitere Hinweis dafür, dass Gehorsam nicht angeboren ist! Das Grundbedürfnis nach einem eigenen SELBST-Wert und nach SELBST-Bestimmung liess sich nicht ausmerzen!
      Es gab immer schon Einzelne, die das Unrecht von Macht, Unterdrückung und Ausbeutung gesehen und kritisch in Frage gestellt haben. Durch die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts und durch die französische und die russische Revolution hat diese Kritik Verbreitung gefunden, und es hat sich viel verändert. Die Aufklärung knüpft mit ihrer Forderung nach „Gleichheit, Freiheit Geschwisterlichkeit“ (stimmiger als Brüderlichkeit!!) an die Verhältnisse der „Urgesellschaft“ an. So kamen die Menschenrechte in die Verfassung, so entstand eine neue, die demokratische Staatsform. (Siehe auch Kap. 10)





      Kapitel 6. EXKURS : SELBST, TRAUMA UND SELBST-ENTFREMDUNG

      6.1 AUTONOMIE UND SELBST-VERBINDUNG


      Der Mensch wird gesteuert von zwei Grund-Bedürfnissen. Es gibt ein starkes angeborenes Bedürfnis nach Freiheit und SELBST-bestimmtem Leben – statt einem fremd-bestimmten Leben in Abhängigkeit. Und es gibt das andere Grundbedürfnis, das nach Kontakt, nach Verbindung und Zusammengehörigkeit.
      Als SELBST bezeichnen wir hier unseren Wesenskern, das was uns einzigartig und einmalig macht. Wir erhalten es mit unserem Leben, als Geschenk. Das Selbst beinhaltet daher auch das Bewusstsein einer Zugehörigkeit zu einem grösseren Ganzen - der Natur oder dem TAO. Von daher hat es auch eine innere Würde, unabhängig davon ob jemand etwas leistet. Es gehört sozusagen zu unserer „Grundausstattung“ dazu. Auch wenn man nicht mit ihm verbunden ist, oder wenn man es es gar nicht kennt, es ist unverlierbar und unzerstörbar. Allerdings ist es zunächst mehr eine Anlage, ein Potential.
      Autonomie, die Fähigkeit sein Leben SELBST - bestimmt zu leben – statt FREMD-bestimmt -- erfordert die Verbindung mit dem eigenen Wesenskern, dem eigenen SELBST. Dann kann man seine eigenen wahren Bedürfnisse und eigenen Überzeugungen wahrnehmen und sich nach ihnen orientieren, statt nach fremden Bedürfnissen und Überzeugungen. Das ist die Voraussetzung für Glück und Zufriedenheit, und erspart die Suche nach Ersatzbefriedigung durch Surrogate.
      Das Phänomen der Selbstbestimmung erkläre ich an einem unverdächtigen (!) Beispiel aus dem Bereich des Hochleistungssports.

      6.2 „Intrinsische Motivation“
      Sporttrainer unterscheiden zwischen selbst-bestimmter und fremd-bestimmter Motivation eines Sportlers. Als „extrinsisch motiviert“ (fremd-bestimmt) beschreiben sie ein Verhalten, dass durch äußere, nicht in der Tätigkeit selbst liegende Anreize bedingt ist z.B. eine Belohnung für eine bestimmte Leistung, oder die Furcht vor einer Strafe.
      Als „Intrinsisch“ (selbst-bestimmt) bezeichnen sie eine Motivation, wenn die Tätigkeiten den eigenen Interessen entsprechen und so ein Gefühl der Selbstbestimmung vermitteln. Dann nimmt das Individuum sich selbst als Urheber der Handlung wahr. Es handelt nicht aufgrund äußerer Einflüsse, sondern erlebt eine eigene Fähigkeit, etwas zu bewirken. So wird ein Gefühl eines freudiges Aufgehens in der Handlung selbst ermöglicht, dass wir als Flow bezeichnen. Intrinsisch motiviertes Verhalten führt zu größerer Flexibilität im Denken, zu höhere Kreativität und erzeugt eine positivere emotionale Befindlichkeit (Glück!) Und es ermöglicht sogar bessere Leistungen, obwohl – oder besser weil diese Leistungen gar nicht im Focus stehen! Das klingt paradox, aber das kennen auch die östliche Weisheitslehren als das Geheimnis des Erfoges.
      Jeder Sportcoach weiss, dass extrinsisch motivierte Sportler zwar kurzfristig Höchstleistungen vollbringen können. Aber weil ihre SELBST-Regulation durch diese einseitige Leistungsmotivierung blockiert ist, neigen sie zu Erschöpfung, zu überlastungsbedingten Verletzungen und Verschleiss-Erscheinungen. Daher versucht er, bei seinem Coachee diese intrinsische, SELBST-bestimmten Motivation zu fördern.
      Halten wir fest: Selbstbestimmung verbindet Glück mit besserer Leistung bei geringerem Aufwand.


      6.3 Das SELBST und seine Entwicklung

      Zur Entwicklung des Selbst bedarf es einmal einer freundlichen Umgebung (Familie), die das Einzigartige des Kindes wahrnimmt und schätzt und die ihm zweitens erlaubt, NEIN zu sagen, das heißt, sich abzugrenzen. Dann kann es lernen, zwischen eigenen und fremden Bedürfnissen, zwischen eigenem und fremdem Zuständigkeitsbereich zu unterscheiden. So entsteht ein Gefühl für einen eigenen seelischen RAUM, indem sich das eigene SELBST differenzieren kann.

      6.4 Wenn die Autonomie-Entwicklung gestört ist
      Mit eineinhalb Jahren sagt ein Kind zum ersten mal „NEIN!“ Eltern, die selber ihre Autonomie entwickelt haben, die selber „NEIN“ sagen können, die freuen sich über dies erste Zeichen einer Eigenständigkeit ihres Kindes, und unterstützen es dabei. Natürlich braucht ein Kind auch die Erfahrung, dass ihm Grenzen gesetzt werden. Aber Eltern, die selber NEIN sagen können, können ihrem Kind auch liebevoll Grenzen setzten.
      Mehr als 70% (!) der Eltern aber können sich nicht über das erste NEIN ihres Kindes freuen - da sie selber autoritär erzogen wurden und daher nicht die Erfahrung machen konnten, dass ihr NEIN akzeptiert wird. Im Gegenteil! Sie plagt die Sorge: „wenn mein Kind mit eineinhalb Jahren schon NEIN sagt, was mache ich mit ihm, wenn es 17 ist!!!“ Und getreu der autoritären Erziehungs-Tradition ihrer Familie versuchen auch sie, ihrem Kind das NEIN schleunigst auszutreiben, zunächst mit „Liebesentzug“ und wenn das nicht genügt durch das Wecken von Schuldgefühlen: „Da wird die Mama aber ganz traurig, wenn du NEIN sagst!“ Schuldgefühle sind ein machtvolles Mittel, um Menschen gefügig und gehorsam zu machen. Wenn das auch nichts bewirkt – es gibt sehr vitale Kinder! - dann muss die Mutter leider handgreiflich werden. Das wird dann verharmlosend bezeichnet als „das Böcklein austreiben.“ Am Ende lernt das Kind: in meiner Familie ist mein SELBST nicht erwünscht, und sich abzugrenzen und NEIN zu sagen ist auch nicht erwünscht. Seine Überlebensstrategie ist dann: das eigene unerwünschte SELBST zu unterdrücken und abzuspalten, und stattdessen sich nach einer ICH-fremden Instanz zu orientieren – z.B. nach Vater oder Mutter, die dann einen Platz bekommt im eigenen Raum, an Stelle des SELBST. Das nennen wir ein INTROJEKT (lat. etwas Verinnerlichtes).

      6.5 Überleben in einer Autoritären Umgebung.
      Wenn in dieser Weise etwas ICH-Fremdes irrtümlich als zur eigenen Identität gehörig verstanden wird, dann ist auch die Unterscheidung ICH gegenüber NICHT--ICH unsicher, und damit die eigene GRENZE und das Gefühl für einen eigenen RAUM. Diese Überlebensstrategie kann führen zu einer
      • eingeschränkten Unterscheidung von ICH und DU,
      • einer eingeschränkten Abgrenzung zum Gegenüber,
      • eingeschränktes Gefühl für einen eigenen Raum – und für den Raum eines Anderen.
      Das bedeutet wiederum, dass die Betreffenden dazu neigen,
      • sich in fremden Räumen zuständig fühlen,
      und zu zulassen, dass
      • andere sich in ihren Räumen zuständig fühlen.
      Wenn die eigene Kraft blockiert ist, d.h. nicht gesund für die eigene Abgrenzung eingesetzt werden kann, dann
      • richtet sich ihre Kraft destruktiv gegen sich selbst.

      6.6 Das Symbiosemuster
      Diese Überlebensstrategie geht einher mit einer Entfremdung zum eigenen SELBST verbunden mit einer Überanpassung an das Gegenüber (Gehorsam), bis zur symbiotischen Verschmelzung und einer Unterdrückung der eigenen gesunden Kraft (Aggressionsverbot). Da dies Muster zu zahlreichen Problemen führt, entwickeln die Betroffenen oft Kompensations-Strategien. Aus fehlender Abgrenzung wird Über-Abgrenzung, Aus abhängigem Verhalten wird Dominanz, aus Aggressionshemmung wird Destruktives Verhalten. Dieses komplexe Muster bezeichnen wir als Symbiosemuster. Es ist sehr verwirrend und kostet viel Energie. Und es hat viele bizarre verwirrende Aspekte.

      Die „symbiotische“ Beziehung
      Wenn durch eine traumatische Erfahrung die Selbst-Verbindung gestört ist, dann entsteht Bindung nicht mehr durch die Anziehung zwischen zwei unabhängiger und selbst-bestimmter Menschen. An die Stelle der Anziehung tritt nun der Aspekt des Sich-Brauchens bzw. des Gebrauchtwerdens. Beide sind mit ihrer Aufmerksamkeit mehr beim anderen - als bei sich selber, so als gäbe es keine Grenze zwischen ihnen. Sie spüren sehr schnell Entsprechungen zwischen eigenen Fähigkeiten (Rollen aus früheren Beziehungen) und den Bedürfnisse des anderen, sodass dann eine Bindung entstehen kann, dadurch dass man für ihn wichtig wird, als „Prothese“, oder als „Lotse“ auf seinem Boot – und umgekehrt. Das bedeutet, ohne Selbstverbindung besteht eine Tendenz zu Beziehungen die durch gegenseitige Abhängigkeit bestimmt sind.
      Das heisst, Bindung entsteht in symbiotischen Beziehungen nicht primär durch Austausch auf Augenhöhe, sondern durch die Aspekte „Nützen“ und „Nützlich sein“. Geschieht das einseitig, dann entsteht ein Machtgefälle mit einer einseitigen Abhängigkeit. Geschieht es beidseits, dann entsteht eine gegenseitige Abhängigkeit.

      Symbiose und Sprache
      Eine symbiotische Beziehung ist weniger durch eine Ich-Du Begegnung geprägt, sondern durch Abhängigkeit. Daher wird die Sprache weniger im Sinne von Botschaften vom Ich zum Du verwendet, sondern manipulativ, um den anderen an sich zu binden
      • indem man dessen Bedürfnisse anspricht, die man glaubt, erfüllen zu können,
      • Indem man eigene Bedürfnisse betont, von denen man hofft, dass der andere sie erfüllen kann,
      • indem man ihm Angst macht und dann seine Hilfe anbietet, und so weiter.

      Das Symbiosemuster ist die Ursache aller(!) Beziehungsprobleme und Befindlichkeitsstörungen, einschliesslich Burnout, Depression und Psychose.

      Die individuelle Ausprägung dieser Autonomie- und Symbioseaspekte können durch einen „Autonomiefragebogen“ erfasst werden. Das daraus erstellte „Autonomie-Diagramm“ erlaubt es, das Ausmass der eigenen Traumatisierung zu erfassen – und entsprechend auch das eigene bisher ungenutzte Entwicklungspotential. (siehe Kapitel „Selbst-Diagnose und Selbst-Therapie)

      6.7 Exkurs: Ein neurobiologisches Verständnis von Konditionierung
      Es gibt ein neurobiologisches Modell von Konditionierung, welches erklärt, wie frühe schmerzhafte Erfahrungen (Traumata) im Gehirn gespeichert werden sodass sie ein Leben lang unbewusst die Wahrnehmung und das Verhalten eines Menschen bestimmen können. Dazu der Neurobiologe Gerhard Roth:
      „Viele dieser emotionalen Konditionierungen passieren also in einer Weise, die uns nicht oder erst nachträglich bewusst ist. (...)
      Zur Entstehung von Konditionierung: „indem bestimmte Geschehnisse, einschließlich unserer eigenen Handlungen im limbischen Gedächtnis mit positiven oder negativen Gefühlen fest verbunden werden, erhalten sie eine Bewertung, und diese Bewertung trägt zu der Entscheidung bei, ob irgendetwas noch einmal getan oder gelassen werden soll. Dies erleben wir, sobald wir älter geworden sind, als Gefühle, die uns raten, etwas zu tun oder zu lassen.“
      Das bedeutet für unser Thema: Wenn in der Kindheit unser NEIN eine elterliche Reaktion in Form von Liebesentzug, von Schuldgefühlen oder körperlichen Verletzungen nach sich zog, dann wurden das NEIN (unser Impuls zur Abgrenzung) und die Reaktion der Eltern zusammen gespeichert. Mit der Folge, dass jeder Impuls zu einem NEIN (zur Abgrenzung) blockiert wird durch die Aktivierung der „Trauma-Gefühle“ von Liebesentzug und Schuldgefühlen.
      Anders gesagt, noch bevor wir daran denken, NEIN zu sagen, wird der Impuls dazu blockiert durch ein Gefühl: das ist gefährlich, das ist verboten – ohne dass uns das bewusst wird!
      Diese durch die Konditionierung entstandenen Gefühle –
      uns selber nicht bewusst, daher nicht zu steuern –
      bestimmen also unsere Wahrnehmung und unser Verhalten.

      Solche Konditionierungen durch ein Trauma können erkannt und gelöst werden, durch ein neues Konzept, dass in meiner systemtherapeutischen Arbeit mit traumatisierten Klient*innen entstanden ist.

      6.8 Konzept der Initiatischen Selbst-Integration
      Es handelt sich um eine Variante der Systemaufstellung. Wenn die Elemente SELBST, ABGRENZUNG, GRENZE, und EIGENER RAUM in einer Aufstellung mit Stellvertretern oder durch Symbole angeordnet werden, dann ist es möglich, die Voraussetzungen für die Entwicklung von SELBST-Bestimmung bzw. Autonomie zu verstehen – bzw. die Ursachen, die eine solche Entwicklung blockiert haben, zu untersuchen und sie zu bearbeiten.
      Dabei zeigt sich: die Entwicklung von Autonomie erfordert
      • eine Wertschätzung des eigenen SELBST, das „seinen Wert in sich selber hat, unabhängig davon, ob es für andere nützlich ist“ und
      • die Fähigkeit, zwischen Ich und Nicht-Ich zu unterscheiden, sodass
      • eine GRENZE deutlich wird, die einen eigenen RAUM entstehen lässt. Und weiter
      • die Fähigkeit, sein aggressives Potential im „gesunden Kanal“ der Abgrenzung gegenüber dem Fremden (dem Nicht-Ich) einzusetzen, sodass der eigene RAUM frei wird, und sich das Eigene (SELBST) entfalten kann.

      Dissoziation
      Jede Aufstellung mit Stellvertretern für die SELBST-Anteile zeigt: Solange der eigene Raum noch durch Fremdes – z.B. durch ein eigenes oder ein übernommenes Trauma - besetzt ist, entziehen sich die SELBST-Anteile einer Verbindung! Das entspricht dem Phänomen der Dissoziation (lat. Trennung von etwas Zusammengehörigen). Auch die Klientin selber geht auf Abstand zu dem Trauma, so als wäre sie sogar bereit, ihm ihren Raum zu überlassen. Um das Trauma nicht zu spüren, geht sie selber auf Distanz, zum Traum, zu ihrem Körper.
      Das kann sie innerhalb der Aufstellung dadurch testen, dass sie auf den Schemel steigt, der symbolisch Dissoziation andeutet indem er eine andere, höhere Ebene repräsentiert. Kennt sie das von sich: Fühlt sie sich auf dem Schemel besser? Hat sie das Gefühl, alles besser unter Kontrolle zu haben – auch die Anderen! Allerdings ist sie dann nicht auf dem Boden und nicht bei sich selber. Das macht sehr einsam. Solange sie irrtümlich das Trauma in ihrem Raum festhält, dann ist Dissoziation vielleicht eine passable Überlebensstrategie. Sobald sie erkennt, dass das Trauma nicht zu ihrer Identität heute gehört, kann sie auf die Dissoziation – den „Schemel“ - verzichten und das Trauma aus ihrem Raum herausstellen. Erst wenn sie derart ihren eigenen Raum in Besitz genommen und von fremden „Introjekten“ befreit hat, wird eine Verbindung mit dem eigenen SELBST möglich!
      Dissoziation hat also unterschiedliche Aspekte:
      • Das Nicht-auf-dem-Boden sein, sondern in Fantasiewelten.
      • das Nicht-bei-sich-selber sein, bei seinen eigenen Bedürfnissen, bei der eigenen Wahrnehmung, bei einer eigenen Überzeugung.
      • das Abspalten eigener Selbstanteile, z.B des Körpers, um Schmerzen nicht spüren zu können.
      • Ein Sprunghaft wechselndes Verhalten, da die Betroffenen - bei fehlender Selbstverbindung - sich immer wieder am jeweiligen Gegenüber orientieren.

      Dissoziation kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Es ist immer Folge von Trauma und kann durch Elemente getriggert werden, die dem damaligen Trauma vorausgingen.
      Durch Dissoziation sind die Menschen wie in Trance – stärker oder schwächer. Das ist so verbreitet, dass es gar nicht auffällt.
      Das Phänomen der Dissoziation erklärt den von Milgram beschriebenen Autoritätsgehorsam. Mir scheint, es ist auch die Ursache für die Apathie und Resignation der Bevölkerung angesichts der globalen Krise (Fehlende Selbst-Regulation).

      INITIATISCHE SELBST-INTEGRATION
      Diese Ausführungen machen deutlich, bisweilen ist die Verbindung mit dem eigenen SELBST sehr mühsam, gelegentlich scheint sie sogar unmöglich, besonders dann, wenn die Klient*in ihr SELBST bisher nicht kennenlernen konnte oder es irrtümlich abgelehnt hat, weil es von ihrer Umgebung abgewertet wurde. Das war für mich der Grund, für den Lösungsprozess Stellvertretern für das SELBST mit einzubeziehen.
      Gelingt in dieser Weise einer Klient*in erstmals eine Verbindung mit dem SELBST, dann ist das nicht selten begleitet mit einem Aufwachen aus der Trance der Dissoziation. Das ist wie eine Initiatische Erfahrung und ist verbunden mit mehr Selbst-Wertgefühl und Selbstvertrauen, die Resilienz (Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen) und die Konfliktfähigkeit nehmen zu. Statt einer Überanpassung an das Gegenüber ist nun ein Kontakt möglich, das heisst die Begegnung zwischen einem autonomen ICH und einem autonomen DU. Wer mit seinem SELBST verbunden ist der kann sich auch so zeigen, wie er ist – unabhängig von den Erwartungen anderer. Begegnung. Er ist identisch mit sich oder kongruent. Das macht ihn anziehend. Und wenn sich zwei Menschen in dieser Verfassung begegnen, und sich gegenseitig anziehend finden, dann entsteht eine Bindung durch Anziehung. Das Anders-Sein des Gegenübers wird dann nicht als etwas Bedrohliches empfunden, das Verlustängste auslöst. Im Gegenteil es macht den anderen erst attraktiv. Das ermöglicht beiden Veränderung und Wachstum – im Gegensatz zu der harmoniesüchtigen Enge der symbiotischen Beziehung.
      Abgrenzung und Selbst-Verbindung sind also nicht „beziehungsfeindlich“ – wie viele befürchten, die nur die Enge der Symbiose kennen - im Gegenteil, sie sind die Voraussetzung dafür um auch das zweite Grundbedürfnis, das nach Kontakt und Begegnung zu ermöglichen.



      6.9 Störung der Autonomie-Entwicklung
      Die Entwicklung der Autonomie kann nachhaltig beeinträchtigt werden durch Ereignisse, welche
      • das SELBST-WERT- Gefühl beeinträchtigen,
      • die Fähigkeit zur Abgrenzung blockieren („Abgrenzungsverbot“, Hemmung der „gesunden“ Aggression).
      Diese Ereignisse werden daher als Trauma bezeichnet.
      Meist geht es um individuelle Traumata – frühe Erfahrungen von Verlust oder Gewalt – oder um ein kollektives Trauma: die Erziehung durch autoritäre Eltern, die bereits selber durch autoritäre Erziehung oder durch eigene Traumata geprägt wurden.
      Traumata beeinträchtigen die Entwicklung der Autonomie folgendermassen:
      • das Trauma und/oder einen Täter wird als (ich-fremdes) INTROJEKT verinnerlicht.
      • das Trauma und die Gefühle, die es ausgelöst hat, wirken daher auch nach Jahrzehnten weiter, und werden durch äussere Ereignisse „getriggert, die an das frühere Trauma erinnern.
      • das SELBST-WERT- Gefühl ist beeinträchtigt, da das Selbst buchstäblich vom Trauma-Introjekt verdrängt wird.
      • Ohne Selbst-Verbindung ist aber eine Selbst-bestimmte Orientierung nicht mehr möglich. Die Betroffenen neigen dazu sich nach fremden Autoritäten zu orientieren: Autoritäts-Gehorsam. Fremd-statt Selbst-Bestimmung.



      6.10 Traumatisierung durch traumatisierte Eltern

      Die meisten Eltern sind selber traumatisiert durch den autoritären Erziehungsstil ihrer eigenen Eltern. Dieser Aspekt einer kollektiven Traumatisierung kann im individuellen Fall noch überlagert und verstärkt werden durch individuelle traumatische Verlust- oder Gewalt- Erfahrungen der Eltern – was in Deutschland nach zwei Kriegen fast die Regel ist.
      Wenn Eltern infolge ihrer eigenen Erziehung nicht ganz bei sich sind,(Dissoziation!) dann können sie auch ihr Kind nicht immer als etwas Eigenständiges und Einzigartiges wahrnehmen und willkommen heißen. Mit sich selber nicht im Reinen, fällt es ihnen schwer, die Grundbedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Das betrifft sowohl das Bedürfnis des Kindes nach Nähe und Wärme – entsprechend einem „kindlichen Selbst-Anteil“ – bzw. seine Autonomiebewegungen – entsprechend dem „erwachsenen Selbst-Anteil“. Eltern vermitteln deshalb dem Kind nicht immer das Gefühl, ein SELBST zu besitzen, das es Wert ist, beachtet und geliebt zu werden, unabhängig davon, ob es etwas leistet, oder ob es gebraucht wird.
      Im Gegenteil, sie neigen dazu, dem Kind zu vermitteln, dass es seine Aufgabe sei, für andere, für die Eltern und deren Bedürfnisse da zu sein, für sie zu Verfügung zu stehen.
      Wenn ein Kind - entsprechend seinem Bedürfnis nach Autonomie - Nein sagt, sich abgrenzen möchte gegenüber den Erwartungen dieser Eltern, dann fühlen diese sich dadurch bisweilen bedroht, ziehen sich emotional zurück (Liebesentzug), machen dem Kind Schuldgefühle: „Da wird die Mama aber ganz traurig“. Oder sie bewerten diese Bedürfnisse, als falsch als egoistisch oder als böse. Das ist für das Kind existenziell bedrohlich und löst massive Verlassenheits- oder Todesängste und / oder Schuldgefühle aus.
      Um zu überleben, um erneute Verletzungen zu vermeiden, lernt das Kind schon sehr früh, dass seine eigenen, authentischen Impulse und Bedürfnisse nach Zuwendung und Wärme („kindliches Selbst“), nach Abgrenzung und Selbstbestimmung („erwachsenes Selbst“) unerwünscht, ja „falsch“ sind. Um die Liebe und Zuwendung der Eltern nicht zu verlieren, lernt es, diese Impulse unbewusst zu unterdrücken, „abzuspalten“, so als sei eine Abgrenzung gegenüber den Eltern und deren Bedürfnissen bzw. die Verbindung mit den Selbst-Anteilen (eigenen Grundbedürfnissen) bedrohlich und gefährlich! Statt sich nach seiner eigenen Autorität zu orientieren, lernt es, sich nach einer fremden Autorität zu orientieren, nach den Bedürfnissen und Erwartungen der Eltern.
      Das kann als Konditionierung durch ein negatives Erlebnis (Erfahrung von Abweisung, von emotionalem Verlassenwerden) verstanden werden. Diese Konditionierung beinhaltet ein unbewusstes Abgrenzungs-Verbot und eine Tendenz, eigene Bedürfnisse und Impulse unbewusst zu unterdrücken. Diese Konditionierung bestimmt, dem Klienten unbewusst, sein ganzes Leben.
      Das kann man als seelisches Trauma, genauer als „emotionales Benutztwerden“ bezeichnen.
      Zwei Fallbeispiele sollen die Vorgehensweise erläutern.

      6.11 Therapiebeispiele Initiatische SELBST-Integration

      „Unsicher gegenüber Autoritätspersonen“

      Claudia, 35 eine vitale und erfolgreiche Geschäftsfrau, kommt zur Beratung, weil sie sich gegenüber Autoritätspersonen immer so unsicher, klein und hilflos fühlt - und das ärgert sie.
      Das erinnert sie an ihr Gefühl als Kind gegenüber ihrer Mutter, die sehr bestimmend und abwertend war. Der Leiter vermutet, dass sie ein frühes „Abwertungstrauma“ durch die Mutter immer noch in ihrem „Identitätsraum“ hat, das durch den Kontakt mit einer Autoritätsperson getriggert wird, so dass die Trauma-Gefühle der kleinen Claudia sie wieder überfluten. Er empfiehlt ihr, dies Trauma durch eine Aufstellung in einer Einzelsitzung zu klären. Sie nimmt je einen Stuhl mit einem runden Meditationskissen als Repräsentanten für ihr erwachsenes und ihr kindliches Selbst und für das Trauma einen Hocker.
      Sie stellt das „Abwertungstrauma“ sich dicht gegenüber, und das kindliche SELBST daneben. Ihr erwachsenes SELBST, „das sich „vollständig fühlt auch ohne das Trauma“ stellt sie in die Ecke mit abgewandtem Blick.
      Offensichtlich hatte die Traumatisierung durch die abwertende Mutter dazu geführt, dass sie diesem Trauma mehr Raum, mehr Aufmerksamkeit, mehr Einfluss einräumte, als ihrem eigenen „souveränen“ SELBST, so als gehöre es hier und heute noch zu ihrer Identität!
      Mit einem Schal markiert sie eine Grenze zwischen sich und dem Trauma, und spricht die klärenden Sätze: „Du bist das Trauma der kleinen Claudia und ich bin die erwachsene Claudia von heute. Ich bin vollständig auch ohne dich. Und du liegst mehr als dreissig Jahre zurück!“
      Das fühlt sich verboten an, gleichzeitig aber auch erleichternd. Als nächstes stellte sie das Trauma zurück in ihren Raum. Das kennt sie, aber Jetzt empfindet sie das als fremd und unangenehm und zieht sich zurück.
      Mit dem „Schemeltest“ überprüft sie das Phänomen Dissoziation. Tatsächlich erkennt sie Parallelen zwischen ihrem Thema und einigen Aspekten der Dissoziation bekannt: die Tendenz, Situationen zu kontrollieren zu wollen und dadurch nicht ganz auf dem Boden und bei sich selber, bei der souveränen Claudia zu sein.
      Sie erkennt, dass das Trauma Hier und Heute nicht in ihren Raum gehört und verabschiedet sich von der Dissoziation (Schemel). Obwohl ihr Gefühl dagegen spricht, – „Abgrenzungsverbot“ als Folge einer traumatischen Konditionierung – kann sie das Trauma aus ihrem Raum herausstellen und abgrenzen, sodass ihr Raum frei wird für ihr erwachsenes SELBST, sozusagen für die „souveräne Claudia“.

      Da sie dies Trauma mit der Mutter verband, überprüft Claudia, ob sie auch noch ihre Mutter als Introjekt im Raum hat. Das ist der Fall und sie stellt auch die Mutter aus ihrem Raum heraus und grenzt sie ab.
      Nun kann sie sich ihrem SELBST zuwenden – statt sich wie bisher mit dem Trauma durch die abwertende Mutter zu identifizieren. Aber sie zögert. Der Leiter vermutet: Dadurch, dass sie dem Trauma den zentralen Platz eingeräumt hatte, konnte sie ihr erwachsenes SELBST nicht wahrnehmen und achten! Und er empfiehlt ihr, ihr SELBST dadurch zu achten, dass sie sich tief vor ihrem SELBST verneigt. Sie stimmt sofort zu und kann nun „eins“ werden mit sich selbst – statt wie bisher mit dem früheren Trauma. Das fühlt sich für sie neu und gut an. Als nächstes wendet sie sich ihrem kindlichen SELBST zu. Offensichtlich hatte sie – unverbunden mit dem erwachsenen SELBST - auch heute diese kleine bedürftige und verletzbare Claudia nicht schützen können, und sie stattdessen einem „wildfremden Menschen“ anvertraut: dem Verleger. Sie spricht die vorgeschlagenen Sätze: „ Das Schlimme von damals ist vorbei und kommt nie mehr wieder. Ab heute bin nur noch ich für dich zuständig! Und ich lasse dich nicht mehr im Stich!“ Berührt nimmt sie ihr kindliches Selbst - das Kissen – in den Arm, und zeigt ihm so, dass es nun einen sicheren Platz hat bei ihr. Verbunden mit beiden SELBST-Anteilen fühlt sie sich vollständig und ganz bei sich.
      Beim nächsten Termin nach zwei Wochen eröffnet sie die Stunde: „Jetzt muss ich ihnen etwas erzählen. Ich war letzte Woche bei einem sehr bekannten Verleger eingeladen. Ich war wie auf Kohlen, denn bei seiner letzten Einladung hatte er mich als eine frühere Freundin von Herrn XY vorgestellt, ohne meinen eigenen Namen zu erwähnen. Das hatte mich sehr geärgert – aber ich traute mich nicht, das anzusprechen. Würde sich das diesmal wiederholen? Plötzlich stand ich vor ihm und hörte mich zu ihm sagen: „und diesmal stellst du mich mit meinem Namen vor, sonst werde ich dir so auf den Fuss treten, dass du drei Tage an mich denken wirst!“ Er war sehr von meiner spontanen Reaktion überrascht – und ich selber nicht weniger! Aber ich hatte Erfolg. Er stellte mich mit meinem Namen vor!

      Kommentar
      Offensichtlich konnte Claudia durch den Aufstellungsprozess ihre Konditionierung durch dies Trauma der Kindheit dadurch lösen, dass sie das unbewusste „Verbot“ einer Abgrenzung zum Trauma in der Aufstellung gespürt und bewusst „übertreten“ hatte. Dadurch war das Abgrenzungsverbot, dass sie durch die Konditionierung erworben hatte, gelöst. Und es gelang ihr sogar der Transfer in eine andere Beziehung, sodass sie sich auch gegenüber einer anderen „Autoritätsperson“ wie dem Verleger erfolgreich abgrenzen konnte. Ihre Reaktion war vielleicht etwas überschiessend und wenig konventionell, aber das passte zu dieser sehr vitalen Frau.
      Dieses Fallbeispiels zeigt auch die Phänomene „Triggern eines Traumas“ und „Dissoziation“. Traumatisch waren in diesem Beispiel die Abwertungen der kleinen – offenbar sehr vitalen – Claudia durch ihre Mutter. Das Trauma und die damit verbundenen Trauma-Gefühle – Angst, Unsicherheit, Ohnmacht, Wut – hatte sie noch in ihrem Raum als Introjekt gespeichert. Durch die Begegnung mit einer „Autoritätsperson“ - hier dem Verleger – wurde das Trauma „getriggert“ und die damals erworbene Überlebensstrategie der Dissoziation, der Abspaltung der grossen Claudia, die sich erfolgreich auch gegenüber Autoritäten behaupten kann. So war sie hilflos den Trauma-Gefühle von damals ausgesetzt, die ja zu der kleinen Claudia von damals gehören und nicht zu der Grossen von Heute.


      „Panik am Steuer“
      Petra, 35 Jahre stammt aus einer mehrfach traumatisierten Familie und hat schon viel durch Aufstellungen geklärt. Sie lebt in einer Beziehung und hat zwei Söhne, drei und ein Jahr. Jetzt kommt sie zu einer Einzelsitzung. Seit sie Autofahren kann hat sie am Steuer Panikattacken, sodass bei den gemeinsamen Urlaubsreisen immer ihr Mann fahren muss.

      Ich verwende das Format „Problem als Schlüssel zur Lösung“
      Das heisst, Wir gehen aus von dem beschriebenen Problem, und nehmen an, dass Petra einen Selbst-Anteil besitzt, der dieses Problem lösen könnte, der ohne Panik ein Auto lenken kann. Aber offensichtlich ist sie mit diesem Selbstanteil nicht verbunden, weil - zweite Annahme - ein „Blockierendes Element“ (BE) das verhindert.

      Petra stellt auf: sie steht ganz nahe bei dem BE, ihre Selbstanteile entfernt.
      Sie entfernt das BE und grenzt es durch einen Schal vom eigenen Raum ab- obwohl ihr das falsch und verboten erscheint!
      Um das BE zu erforschen, setzt sie sich auf das BE (Hocker). Unter Schluchzen erinnert sie sich an einen tragischen Unfall ihres Vaters, noch vor ihrer Geburt. Der Vater war mit seinem Lastwagen unterwegs, zwei seiner Kinder auf der Ladefläche, als auf abschüssiger Strecke die Bremsen versagten. Um die Fussgänger nicht zu gefährden, brachte er den Wagen zum Kippen. Dabei starben seine beiden eigenen Kinder!
      Die Mutter in ihrem Schmerz hatte dafür den Mann – zu Unrecht – beschuldigt, alkoholisiert den Tod der Kinder verursacht zu haben, hatte sich von dem Mann getrennt, und den Kindern durch ihre Vorwürfe gegen den Vater den Kontakt zu ihm erschwert. Nur Petra hielt zu ihrem Vater. Erst vor einem halben Jahr, kurz vor seinem Tod hatte sie ihn noch besucht und von ihm auch seine Version von diesem Unfall gehört.

      Leiter: „Das ist das Trauma deines Vaters! Gehört es in deinen Rau hier und heute?“
      Petra weint und nickt heftig.
      Die Vermutung ist: Das Trauma verbindet sie mit dem – kürzlich verstorbenen – Vater und zusätzlich auch mit den beiden Geschwistern, die sie ja gar nicht kennen lernen konnte. Daher fühlt es sich für sie lieblos und verboten an, das Trauma abzugeben, so als würde sie dadurch den Vater verraten - und die beiden Geschwister.
      Ein Kind übernimmt oft eine Leid oder eine Schuld eines geliebten Angehörigen, so als könne es nur durch das „Teilen des Leids“ seine Liebe zu dieser Person ausdrücken.
      Es braucht einige Überzeugungsarbeit des Leiters bis Petra sieht, dass ihr Vater und auch die Geschwister nicht glücklich wären, wenn sie ihre Liebe zu ihnen durch das Übernehmen des fremden Leids ausdrückt. Schliesslich stimmt ihr „Verstand“ zu und sie kann sich von dem Trauma des Vaters abgrenzen.
      Der Leiter vermutet, dass sie zusammen mit dem Trauma auch den Vater und die beiden Geschwister als Introjekt in ihrem „Raum“ hat. Das fühlt sich für sie sehr stimmig an. Der Vorschlag, mit dem Trauma auch Vater und Geschwister „dahin gehen zu lassen, wo sie ihren Frieden finden“, löst erneut massiven Abschiedsschmerz aus. „Das ist ein gesunder Schmerz, wenn du da hindurch gehst, dann öffnet sich die Türe für das Hier und Jetzt!“
      Schiesslich kann sie loslassen, kann sich mit ihrem Selbst verbinden. Zum Schluss bittet sie den Vater noch um seinen Segen und ist sehr erleichtert und berührt.

      Rückmeldung
      Schon bei der nächsten längeren Autofahrt konnte sie ihren Mann am Steuer ablösen – ohne Panik!

      Kommentar

      Hier ist das Trauma-Introjekt gekoppelt an weitere Introjekte: den Vater und die verstorbenen Geschwister, zu denen sie eine starke emotionale Bindung hat. Das erklärt, warum sie das Trauma über so lange Zeit in ihrem „Identitätsraum“ festgehalten hat. Wenn es der Klientin gelingt, das Trauma-Introjekt zusammen mit den anderen Introjekten zu entfernen und abzugrenzen, dann ist die „initiatische“ Erfahrung einer Verbindung zu den unbeschwerten – und unverletzten – Selbstanteilen möglich.
      Für unsere Überlegungen ist diese Beobachtung wichtig: wird ein Trauma gekoppelt an ein anderes, positiv besetzes Introjekt, dann lässt sich dieses Trauma nur sehr schwer entfernen.

      FAZIT
      Diese Beispiele zeigen, dass das Konzept der initiatischen Selbst-Integration hervorragend als Kurztherapie geeignet ist. Wenige gezielte Interventionen führen zu einer raschen und anhaltende Wirkung. Die Vorgehensweise ist so strukturiert, dass Betroffene auch selber anhand einer Anleitung („Do it Yourself!“) für sich ein Problem bearbeiten können. Siehe: https://www.e-r-langlotz.de/systemische_...bsttherapie.php
      Bei Youtube gibt es auch Aufstellungsvideos, die diese Vorgehensweise zeigen: https://www.youtube.com/channel/UCuqF2nRIxDkn67675JDTGQg








      Kapitel 7 DIE KIRCHE UND DER GEHORSAM GEGENÜBER AUTORITÄT

      „Wir sollen uns dessen bewusst sein, dass ein jeder von denen, die im Gehorsam leben, sich von der göttlichen Vorsehung mittels des Oberen führen und leiten lassen muss, als sei er ein toter Körper, der sich wohin auch immer bringen und auf welche Weise auch immer behandeln lässt, oder wie ein Stab eines alten Mannes, der dient, wo und wozu auch immer ihn der benutzen will.“
      Aus Ignatius von Loyola, Satzung des Jesuitenordens,
      Deutsche Übersetzung von Peter Knauer (1998)




      7.1 DIE KIRCHE


      Die Suche nach den Ursachen des Verlustes der Selbstregulation führte mich zu einer „altehrwürdigen“ Institution: der christlichen – vor allem der römischen – Kirche. Von der Leibeigenschaft haben der Adel und der Klerus profitiert. Da scheint es angebracht, die Doktrin der Kirche daraufhin zu untersuchen, ob und mit welchen Methoden sie Menschen zu Unterwerfung und Gehorsam erzogen hat.
      Diese Institution Kirche verliert heute bei uns immer mehr an öffentlicher Bedeutung. Und es gibt inzwischen andere Machtkomplexe, die manipulativ auf die Selbstbestimmung der Menschen einwirken. Dennoch scheint es mir lohnend, am Beispiel der Kirche zu untersuchen, mit welchen Mitteln Menschen zum Gehorsam konditioniert werden können. Einmal weil uns die Doktrin der Kirche sehr bekannt ist, da wir alle – mehr oder weniger – durch das „christliche Abendland“ geprägt worden sind. Zum anderen, weil diese Wirkung über einen Zeitraum von 2000 Jahren erfolgte und auch heute noch wirksam ist. Und zuletzt, weil sie dadurch weltlichen Machtstrukturen das Feld bereitet hat, die das „Erfolgsrezept“ kirchlicher Manipulation fortsetzen – in „moderner“ Form natürlich.

      Persönliche Vorbemerkung


      Ich bin selbst evangelisch erzogen worden. Als ich zehn Jahre alt war, konvertierte mein Vater zum Katholizismus. Meine Loyalität zu ihm führte zu der bizarren Situation, dass ich im - evangelischen – Religionsunterricht den „katholischen“ Standpunkt vertrat. Und das, so schien es mir, gar nicht so schlecht! Ich dachte damals sogar daran, auch zu konvertieren und in einen Orden einzutreten. Das änderte sich, als ich während meines Medizin-Studiums in Tübingen die „entmythologisierende“ Bibelinterpretaionen des damals revolutionären Theologen Bultmann kennenlernte. So versuchte er zum Beispiel, den Begriff „Gott“ in die heutige Sprache zu übersetzen als das „Woher meines Umgetrieben-Seins“.
      Später, als Mitglied der Friedensbewegung demonstrierte ich in Mutlangen gegen die Pershing-Raketen. Mich empörte, dass die – evangelische – Kirche nicht eindeutig diese Atomwaffen ablehnte, die auch auf Ziele in der DDR gerichtet waren. Deshalb trat ich aus der Kirche aus.

      Als ich jetzt, 30 Jahre später, mittlerweile geschult durch den systemtherapeutischen Blick, mich erneut der Lehre der Kirche zuwandte, stellte ich zu meiner eigenen Überraschung fest, wie traumatisierend zentrale Botschaften der Kirche auf die Entwicklung von Selbstverbindung und Autonomie wirken. Vorher war es mir nie so deutlich geworden, wie sehr die kirchliche Doktrin Autonomie nicht nur diffamiert, sondern im Keime erstickt. Die Vorstellung einer “Erbsünde“ nimmt den Menschen ihre angeborene “Erb-Würde“. Die Forderung nach Gehorsam als Tugend hat Menschen zu willenlosen Werkzeugen gemacht, für die Kirche, aber auch für die jeweiligen Machthaber. Warum war mir das nicht schon früher aufgefallen?

      Ein Wahrnehmungs-Tabu

      Das ist ein verbreitetes Phänomen: Die Loyalität zu den Überzeugungen und „Glaubenssätzen“ der Eltern kann die eigene kritische Wahrnehmung beeinträchtigen. Das ist fatal. Denn
      Solange wir die Entstehung des Autoritäts-Gehorsams nicht verstehen, der für die globale Zerstörung mit verantwortlich ist, und uns aus dieser Konditionierung befreien, solange können wir auch dem eskalierende globalen Zerstörungsprogramm nichts entgegensetzen, dass durch diesen Autoritätsgehorsam erst ermöglicht wird!

      Um zu einer realistischen Einschätzung der globalen Krise zu kommen und um langfristig wirksame Gegenstrategien zu entwickeln, scheint mir eine solche kritische Untersuchung unerlässlich. Auch wenn sie lang vertraute religiöse Gefühle verletzt. Das tut weh. Aber nur so können wir die Klarheit gewinnen, die gerade heute gefordert ist!

      Wir erleben und kritisieren mit Recht die zerstörerischen Exzesse eines fundamentalistischen islamischen Terrors. Aber die meisten vergessen dabei den von der Kirche verursachten Terror, der sich unter anderem in der Ketzerverfolgung und in den Kreuzzügen zeigte. Und sind vollends blind für die subtilere, und daher viel wirkungsvollere Konditionierung durch eine traumatisierende kirchliche Doktrin.

      7.2 Verbindung von Religion und Macht

      Wir haben gesehen: In den Hoch-Kulturen (Ägypten, Rom, Europa) entstand durch die enge Verbindung zwischen Priesterschaft und König eine autoritäre, „hierarchische“ Gesellschaftsstruktur ( Hierarchie griechisch: heilige Herrschaft).
      Wir untersuchen hier die christliche Variante dieser Allianz von Thron und Altar. Sie wurde für die Geschichte des Abendlandes bestimmend und weist zudem Besonderheiten auf:
      Die Kirche beruft sich auf Jesus und seine Botschaft der Liebe, die damals und heute viele Menschen berührt hat und berührt. Jesus wurde wegen seiner Lehre zum Kreuzestod verurteilt. Zugleich hat die Kirche, wie ich zeigen werde, in ihrer Doktrin diese Lehre Jesu durch eine Umdeutung ins Gegenteil verkehrt.
      Dieser innere Widerspruch hat jedoch – bemerkenswerterweise – die Akzeptanz der kirchlichen Botschaft nicht beeinträchtigt, sondern sogar verstärkt.
      Hier könnnte das am Schluss des vorigen Kapitels beschriebene Phänomen wirksam sein: wird ein Trauma gekoppelt an ein anderes, positiv besetzes Introjekt, dann lässt sich dieses Trauma nur sehr schwer entfernen.
      In dieser Untersuchung geht es nicht um eine Würdigung der kulturellen Leistungen des Christentums, und auch nicht um eine historisch-kritische Darstellung eines „historischen Jesus“. Es geht hier um eine kritische Überprüfung der traumatisierenden (konditionierenden) Wirkung der kirchlichen Doktrin auf die Autonomie-Entwicklung der Kinder und der Jugendlichen – mit all ihren schädlichen Folgen im Erwachsenenalter. Therapeut*innen aber auch viele Betrofffene! - wissen, wie stark solche frühen Traumatisierungen auf die Entwicklung der Persönlichkeit wirken, wie sehr sie noch heute das Glück- oder das Leid eines einzelnen Menschen – aber auch eines ganzen Kollektivs – bestimmen können.



      7.3 WARNUNG AN DIE LESER*INNEN

      Ich möchte Sie, meine Leser*innen nicht gefährden.
      Wenn Sie gerade in einer persönlichen Krise sind und ihren Halt in der kirchlichen Doktrin finden, dann überlegen sie sich gut, ob sie weiter lesen wollen.
      Ich werde die Zusammenhänge sehr drastisch schildern. Das wird für manche von ihnen wie ein Schock sein, wird sich anfühlen wie Verrat oder Schuld. Selbst dann, wenn Sie sich bereits von der Kirche distanziert haben!
      Ich erlebe täglich, dass Klienten die destruktiven „Glaubenssätze“ ihrer Eltern so verinnerlicht haben, als gehörten sie zu ihrer eigene Identität, obwohl diese Glaubenssätze ihr Selbstbild und ihr Verhalten negativ geprägt haben. Das Verabschieden dieser Glaubenssätze wird dann oft als Verrat erlebt, als Verlust der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. Das wirkt wie eine „Falle“. Sich daraus zu befreien, gelingt nur wenigen und erfordert Mut – und die Unterstützung unabhängiger Freunde.
      Auf der anderen Seite gilt aber auch: An diesem „Schock“ können sie die Wirkung ihrer eigenen unbewussten traumatisierenden Konditionierungen erkennen. Sie können auch ihre Bindung durch gesellschaftliche Loyalitäten erkennen, die sich so auswirken können, dass sie diese Zusammnhänge mehr durch die „Brille“ der Familie sehen – als mit den eigenen Augen. Wenn Sie jetzt symbolisch „die Brille“ der Familie und der Kirche ablegen, und durch die „Brille des gesunden Menschenverstandes“ die Zusammenhänge betrachten, könnte der Schock nachlassen. Das wäre bereits eine Chance für Dekonditionierung und SELBST-Ermächtigung!


      7.4. DIE DOPPELTE BOTSCHAFT DER KIRCHE


      Schauen wir uns die Zusammenhänge an, Schritt für Schritt.
      Im Neuen Testament finden wir eine Mischung aus ursprünglicher Botschaft Jesu und späterer kirchlicher Doktrin. Das Neue Testament in seiner heutigen Form ist erst im 4. Jahrhundert festgelegt worden .

      7.4.1. Die Botschaft des lebenden Jesus

      (Das heißt, die Lehre vor seiner Kreuzigung)
      Jesus war gläubiger Jude, aber er orientierte sich in bestimmten Situationen mehr nach dem Gebot der Liebe, als nach dem geschriebenen Gesetz. Er ging bevorzugt zu den Armen, den Unterdrückten, den Zöllnern und den für sündig erklärten, wie der Ehebrecherin. Er vertrieb die Händler aus dem Tempel, er riskierte den Konflikt mit den Repräsentanten der Macht: den Priestern und den Händlern.
      Jesus war unangepasst, der Lehrmeinung gegenüber nicht immer gehorsam. Er war SELBST-bestimmt. Er wandte sich gegen die Korruption der Hohenpriester, die für die Besatzungsmacht der Römer Zinsen eintrieben, und dadurch zur Verarmung der Bevölkerung beitrugen. Und er predigte das kommende Reich Gottes – was immer er auch darunter verstand. Deshalb wurde er verfolgt und von den römischen Machthabern wie ein Verbrecher lebend ans Kreuz genagelt.
      Jesus brachte den Menschen seine Botschaft der Liebe: Ihr seid – wie ich – Gottes Kinder! Die den Menschen eingeborene Würde kann nicht überzeugender ausgedrückt werden.

      Erbwürde

      Diese “Erbwürde“ besagt: Wenn jeder von uns wie Jesus ein Kind Gottes ist, dann sind wir in unserem Wesenskern von Geburt an unschuldig und rein. Wir haben unseren Wert, unsere Würde unabhängig davon, ob wir Frau oder Mann sind, ob wir etwas leisten, ob wir für andere nützlich sind – und unabhängig davon, ob wir getauft sind oder nicht. Das ist unser Selbst. Jesus fordert die Menschen auf, diesen eigenen Wesenskern – und den der anderen – zu achten.
      Diese Vorstellung von der Würde eines jeden Menschen hat ihren Platz unter den Menschenrechten gefunden, zusammen mit dem Recht auf Selbst-Bestimmung.
      Diese Vorstellung kennt auch C.G. Jung, wenn er das Selbst als „den göttlichen Funken in uns“ bezeichnet. Dies Selbst steht in Verbindung zu einem größeren Ganzen (Transzendenz). Es fühlt sich daher verbunden mit der Erde, mit ihren Geschöpfen und ihrer Vegetation. Und es fühlt Verantwortung für diese Erde.
      Dieses Selbst ist das „Organ“ einer Selbstregulation. Es ist unverlierbar und unzerstörbar. Wenn wir mit ihm verbunden sind, dann bestimmt es unser Verhalten, unser Zusammenleben mit anderen Menschen und unser Verhalten gegenüber der Umwelt.

      Das aramäische Vaterunser
      Um Jesus, sein Bild von Gott, und seine Botschaft hier deutlicher werden zu lassen, zitiere ich das „Vater unser“, das Gebet Jesu, übersetzt aus einer Fassung in aramäisch, der Sprache Jesu. Die aramäische Sprache zeichnet sich dadurch aus, dass die einzelnen Worte ganz unterschiedliche Bedeutungen haben können, ganz nach dem jeweiligen Kontext. Die erste Zeile: „Abwûn d'bwaschmâja” wird in vier möglichen Übersetzungen widergegeben. Es ist überraschend, dass keine dieser Fassungen von einem „allmächtigen“ und dazu noch männlichen Gott-Vater spricht!

      O Gebärer*in! Vater-Mutter des Kosmos!
      ( Oh Du, atmendes Leben in Allem ,
      Ursprung des schimmernden Klanges,
      O du, den Kosmos gebärendes Sein)
      Bündele Dein Licht in uns – mache es nützlich:
      Erschaffe Dein Reich der Einheit jetzt.
      Dein eines Verlangen wirkt dann in unserem – wie in allem Licht, so in allen Formen.
      Gewähre uns täglich, was wir an Brot und Einsicht brauchen.
      Löse die Stränge der Fehler, die uns binden,
      wie wir loslassen, was uns bindet an die Schuld anderer.
      Lass oberflächliche Dinge uns nicht irreführen, sondern befreie uns von dem, was uns zurückhält.
      Aus Dir kommt der allwirksame Wille, die lebendige Kraft zu handeln, das Lied, das alles verschönert und sich von Zeitalter zu Zeitalter erneuert.


      Schliessen sie die Augen und lassen sie diese Worte auf sich wirken.


      7.4.2. Das Dilemma der Jünger*innen Jesu
      Die Kirche predigt die Erbsünde, sie fordert bedingungslosen Gehorsam, und stellt sich – als Staatsreligion – auf die Seite der Macht. Dadurch hat sie die Botschaft Jesu ins Gegenteil verkehrt.
      Wie war das möglich?
      Dazu drängen sich folgende Überlegungen auf. Seine Jünger*innen hatten Jesus so verstanden, dass er „Gottes Reich“ auf Erden herstellen wollte. Statt dessen war er nun von der römischen Macht als Verbrecher verurteilt worden. Das stürzte sie in ein schreckliches Dilemma: Wie konnte er dann Gottes Sohn sein? Wie konnte Gott diesen schändlichen Tod seines Sohnes zulassen?
      Aber auch sie selber als seine Anhänger*innen gerieten in Verdacht, die römische Obrigkeit in Frage zu stellen und wurden deshalb verfolgt.
      Wie konnte dies doppelte Dilemma gelöst werden?


    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag ""Wer" ist mein ich?" geschrieben. 06.10.2018

      liebe sandra
      etwas verzögert kommt meine antwort.
      ja es ist offensichtlich dass dich da etwas blockiert.
      und dies blockierende element kannst du nach dem format BE aufstellen, entdecken und aus deinem raum entfernen.
      meist ist es ein glaubenssatz, ein eigenes oder ein übernommenes trauma. und wenn du erkennst dass es hier und heute nicht in deinen raum gehört, obwohl es sich so vertraut und vielleicht auch wertvoll anfühlt, dann kannst du es entfernen und abgrenzen. dann ist der weg frei für das einswerden mit deinem wahren selbst.
      herzlich
      ero

    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "Symbiotisch Beziehung als Sohn zum Vater" geschrieben. 04.06.2018

      Hallo,
      ich antworte in deinen text!

      Ich möchte ihn ungern verlieren. Da er sonst wirklich ein ganz lieber Mensch ist.
      Nur bin ich kaputt gegangen dadurch, dass ich mich immer wieder hab versetzen lassen.
      Wie gesagt, bin dran herauszufinden, welch Altes Muster ich mir stets reproduziere und aus welchem Grund.
      DAS GENAU IST DIE FRAGE.
      ICH VERMUTE DEIN STARKES SYMBIOSEBEDÜRFNIS ZIEHT DICH ZU EINEM MENSCHEN DER EBENFALLS SEHR SYMBIOTISCH IST. (DAS WAS DU ALS "LIEB" BEZEICHNEST!!!)
      Ich muß leider nochmal fragen:
      bin ich hier chancenlos?
      Wäre ich die 1. Geige, wenn der Vater nicht mehr wäre?
      EBEN DU MÖCHTEST DIESELBE SYMBIOTISCHE NÄHE ZU IHM DIE SEIN VATER HAT.
      Oder kommen dann andere Dinge, die diese Beziehung und Konstellation nicht „lebensfähig“ machen?
      NEE, DIES MUSTER REICHT VOLL UND GANZ!
      GRUSS
      ERO

    • ero langlotz hat einen neuen Beitrag "Symbiotisch Beziehung als Sohn zum Vater" geschrieben. 23.05.2018

      liebe simone,
      du bewegst dich im zuständigkeitsbereich deines partners. da bist du gar nicht zuständig, und da hast du deshalb auch keine wirkmöglichkeit und verschwendest deine energie. und es stellt sich in der tat die frage: was hindert dich daran, dich um dich selber zu kümmern, darum dass du eine befriedigende beziehung haben kannst, statt dir einen kopf um die probleme anderer zu machen?
      dies "blockierende element" könntest du selber aufstellen, herausfinden und bearbeiten.
      https://www.e-r-langlotz.de/systemische_...des-element.php
      liebe grüsse
      ero

Empfänger
ero langlotz
Betreff:


Text:
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